© AH Technisches Aufrüsten und Kreative Nebenwirkungen

Technisches Aufrüsten und Kreative Nebenwirkungen

Für diese Geschichte habe ich mich mit meinem „Aus der Schublade“-Kollegen Alessandro Bruni zusammengetan.


Guten Tag. Ich habe zwar keinen Besuch erwartet, aber von mir aus: Kommen Sie ruhig herein.

Im normalen Leben würde ich mich Ihnen nach dieser kurzen Begrüßung vorstellen, doch wer hält sich unter solchen Umständen schon an soziale Gepflogenheiten. Mein Name tut also nichts zur Sache – ich kenne den Ihren ja genauso wenig – und auch ansonsten möchte ich lieber nicht zu viel Persönliches erzählen: Schließlich ist es unheimlich genug, dass Sie in meinem Kopf herumspuken. Ich will gar nicht wissen, wie Sie überhaupt hineingekommen sind. So wie ich das sehe, sind wir nichts als zwei Fremde, denen die Bekanntschaft des anderen bisher nie gefehlt hat. Aber da ich ein gutmütiger Mensch bin und Sie sich nun mal in meine Gedanken verirrt haben, möchte ich doch versuchen, Sie bestmöglich zu unterhalten.

Zum Glück ist mein Leben ein Fundus ungezählter, spannender Anekdoten … Warten Sie kurz … Jetzt, da ich sie doch einmal zähle, muss ich Ihnen leider gestehen, dass Sie sich nicht den interessantesten Menschen ausgesucht haben. Anscheinend habe ich meine Erinnerungen bunter gefärbt, als sie waren. Aber das wissen sie ja, Sie sind schließlich in meinem Kopf und haben schon längst erkannt, dass Geschichtenerzähler keinen Arbeitsschluss und kein Halten kennen. Vielleicht etwas Aktuelleres? Oh, jetzt fällt es mir ein! Womöglich können Sie mir sogar helfen, da Sie schon mal hier sind! Was verstehen Sie von Elektrotechnik? Na ja, ich sollte mir lieber nicht zu viel erhoffen, denn wie man hört, sind die wenigsten Stimmen im Kopf hilfreich.

Also: Letzte Woche musste ich mich von einem wirklich alten, teuren Freund verabschieden. Mein DVD-Rekorder hat das Zeitliche gesegnet. »Was ist ein DVD-Rekorder?«, fragen Sie sich jetzt vielleicht. Das ist ein Gerät, das bis ins letzte Jahrzehnt hinein hergestellt und dazu verwendet wurde, das Fernsehprogramm aufzuzeichnen. Früher, als es noch keine Mediatheken gab. Auch kein Streaming, nein. Da musste man den Fernseher zu festen Zeiten einschalten und, wenn man gerade nicht zu Hause war, die Sendung aufnehmen. Ich für meinen Teil habe sie außerdem mit dem Rekorder gebrannt, einem Veteranen aus den frühen Anfängen des Home Entertainment, und mir die DVDs ins Regal gestellt.

»Nun gut«, denke ich mir. »Womöglich ist das ein Zeichen dafür, mir ein moderneres Gerät anzuschaffen.« Ich bin vielleicht ein bisschen altmodisch, aber Neuem gegenüber grundsätzlich aufgeschlossen. Man muss mit der Technik ja irgendwie Schritt halten. Der nächste Weg führt mich also auf den Saturn, wo mir bereits auf den ersten Blick bewusst wird, wie viele Quantensprünge des technischen Fortschritts ich in meinem kleinen Winkel der Erde verpasst habe. Auch die Kommunikation mit den Einheimischen gestaltet sich schwierig, und so drehe ich einige Ehrenrunden, bis ich die richtige Abteilung finde. Die Auswahl ist verblüffend: Es gibt wirklich alles, was man sich vorstellen kann. Nur einen DVD-Rekorder, den gibt es nicht.

»Verzeihen Sie, Ich suche einen DVD-Rekorder«, sage ich.

»Haamwa nich«, meint der Verkäufer.

Nach diesem erhellenden Gedankenaustausch entscheide ich mich für einen preisreduzierten Blu-Ray-Rekorder. Einen, der einfach nur aufnimmt und brennt, ohne mir nebenbei noch ein Ei zu kochen oder Staub zu saugen.

Wieder zu Hause versuche ich, die neue Errungenschaft an meinen Fernseher anzuschließen. Zuerst ohne Gebrauchsanweisung, als es nicht funktioniert doch lieber mit. Wie sich herausstellt, braucht der Rekorder einen HDMI-Anschluss. Mein Fernseher, Baujahr 2001, hat keinen. Ich kehre also noch einmal auf den Saturn zurück.

»Watt´n nune? Allet juht?«

»Leider nein. Die Anschlüsse passen nicht.«

»Keen Problem. Ick hab jenau dit Rischtije.«

Mein neuer Fernseher hat jetzt sogar mehrere HDMI-Anschlüsse. Die Set-Top-Box, die ich nachgerüstet hatte, um von analog auf digital umzustellen, kann in den Müll. Dadurch gewinne ich zwar etwas Platz in der Schrankwand, der Fernseher passt aber trotzdem nicht hinein. Die neuen Schrankwände, die man jetzt zu kaufen bekommt, passen wiederum nicht in meine kleine Wohnstube.

Ich erwäge eine Zeitreise. »Wenn ich ein paar Jahre zurückgehe und mir ein zweites Exemplar des DVD-Rekorders kaufe, dann hätte ich die Ersatzteile, die man heutzutage nirgends mehr bekommt«, überlege ich mir, während ich meine Stirn in regelmäßigen zeitlichen Abständen auf der Tischplatte vor mir ablege. Ich bin inzwischen derart von den unbegrenzten Möglichkeiten der Technik überzeugt, dass ich mir durchaus realistische Chancen ausrechne, auf dem Saturn eine Zeitmaschine zu finden. Irgendjemand arbeitet bestimmt schon daran und wenn ich noch ein paar Jahre warte, kann ich die Möbelpacker abbestellen, die meine komplett neu erstandene Inneneinrichtung in meine komplett neu gemietete Wohnung bringen sollen. Mir schaudert jedoch vor dem Gedanken, in einem Zeitparadoxon zu enden, in dem sich meine gesamte Existenz in ewiger Wiederholung um einen DVD-Rekorder dreht.

Ich hatte Sie ja gewarnt, dass Geschichtenerzähler ihre Phantasie nicht immer im Zaum halten können, und zu solchen Gedankengängen kommen sie eben, wenn sie zu viel Doctor Who geschaut haben. Damals, in den goldenen Zeiten, als man die Folgen noch mit einem DVD-Rekorder aufnehmen konnte.

Es hilft alles nichts. Hier also sitze ich nun, in einer anderen Wohnung, mit meinem funkelnagelneuen 5.1 Dolby Surround, Ultra HD, QLED 8K, curved, 75 Zoll, DVB-T2, voll vernetzten Entertainment-System und spreche wie ein waschechter Saturnianer. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Ich drücke den Startknopf und warte begierig darauf, endlich ins 21. Jahrhundert katapultiert zu werden. Ach, was rede ich! Wozu die Zurückhaltung? Wenn schon der ganze Aufwand, dann am besten gleich ins 22.! Ich starte den Senderdurchlauf … … …

Mist! … Kein Empfang.

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