© AH Pfütz ermittelt: Das Berliner Bermuda-Dreieck (Kapitel 9)

Pfütz ermittelt: Das Berliner Bermuda-Dreieck (Kapitel 9)

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Kapitel 9 – Plakatwichtel

Herr Pfütz hatte dank seiner Kameras natürlich alles mitbekommen: Wie jeder Squieth nur einbestimmtes Material angerührt hat, den Rattenangriff, wie sie sich gegenseitig verteidigt haben. Mit ihrem farbigen Fell, das sie tarnen und sich sogar inStacheln verwandeln konnte, wirkten sie eher wie Wesen aus einem Kinderbuch anstatt wie Tiere.

Aber Herr Pfütz war längst über die Frage hinweg, ob es sie nun geben konnte oder nicht: Als er den Schuh nach den Ratten geworfen hatte, war das ein Reflex gewesen. Er wollte die Wesen schützen. Für einen Mann, der sich geschworen hatte, sich nie mehr in das Leben anderer verwickeln zu lassen, war das allerhand und daher ist es wirklich schade, dass er von ihrer Unterhaltung nicht das Geringste mitbekommen hatte.

Als sein Schuh auf Bernd landete, zog er scharf die Luft ein. Im Werfen war er schon in der Schule miserabel gewesen und seither war er nicht besser geworden.

Bitte lass ihm nichts passiert sein!

Erst als er längst an der Tür war, fiel ihm ein, dass er die Wesen ohne seine Kamera nicht sehen konnte, und er musste noch einmal umdrehen. Im letzten Moment dachte er an die Schlüssel. Dann humpelte er mit nur einem Schuh durch den Hausflur.

Zu seiner großen Überraschung waren die Wesen bereits verschwunden. Hatten sie Bernd zurückgelassen? Herr Pfütz zoomte den Gehweg entlang. Erst in die eine, dann in die andere Richtung, und schließlich fand er sie drei Häuser weiter um eine Mütze versammelt. Bernds Fühleraugen ragten hinter der Bordsteinkante hervor.

Herr Pfütz schlich zur Linde hinüber und bückte sich nach seinem zweiten Schuh. Er hatte erwartet, dass die Sohle mit Metallsplittern übersät sein würde, aber nein. Stattdessen fehlte ein Kreis von gut fünf Zentimetern Durchmesser. Sie hatten Bernd freigenagt! Aus seinen besten Schuhen!

Trotz kalter Füße folgte ihnen Herr Pfütz, bei jedem zweiten Schritt leise vor sich hin fluchend, die ganze Straße hinunter.

Schließlich sah er sie auf einen Laternenmast zusteuern, den man unter vermutlich Jahre alten Schichten aus Abreißzetteln, Postern und Plakaten kaum noch als solchen erkennen konnte. Der Regen hatte die einzelnen Papierblätter zu einer undefinierbaren Masse aus Pappmaché verschmolzen. Sie reichte bis auf den Boden hinunter und verdreifachte den Durchmesser des Mastes. Herr Pfütz fühlte sich unwillkürlich an einen Termitenhaufen erinnert. Und tatsächlich verschwanden die Wesen kurz darauf von seinem Display.

Gab es einen Eingang?

Unter den skeptischen Blicken der Umstehenden, vor allem einer Mutter mit kleiner Tochter, die auf den Bus warteten, kniete sich Herr Pfütz auf das Kopfsteinpflaster. Dann beugte er sich so weit hinunter, dass er mit dem Oberkörper schon fast auf dem Boden lag. In dieser außerordentlich bequemen Position konnte er in die Einbuchtungen und Löcher der Pappmaché-Masse am Fuße des Laternenmastes hineinschauen.

Er steckte gerade mit der Nasenspitze in einem dieser potenziellen Eingänge, als einer der vorbeieilenden Menschen direkt hinter ihm stehen blieb.

„Was tun Sie denn da?“, hörte er die belustigte Stimme von Herrn Heinemann.

Herr Pfütz schreckte auf wie ein Schuljunge, den man bei einem seiner Streiche erwischt hatte.

„Ich suche …“, er rutschte auf den Knien herum, „meine Katze!“, brach es aus ihm heraus, bevor er richtig nachdenken konnte.

„Ich wusste nicht, dass Sie eine Katze haben. Wie sieht sie denn aus?“

„Schwarz“, war das Erste, was Herrn Pfütz in den Sinn kam.

Sein Nachbar sah ihn nachdenklich an. „Mein lieber Herr Pfütz, Sie wirken ganz verändert … Seit dem Tod Ihrer Frau sind Sie der vernünftigste Mensch, den ich kenne. Und jetzt treffe ich Sie schon zum zweiten Mal auf dem Boden an. Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“

Herr Heinemann musterte ihn mit aufrichtiger Sorge. Es war seit langer Zeit das erste Mal, dass jemand ihn so genau ansah. Herr Pfütz überlegte ernsthaft, ob er ihm von seinem Geheimnis erzählen sollte – einfach um nicht irgendwann zu platzen –, aber das war natürlich Unsinn: Herr Heinemann würde am Ende noch Angst vor ihm bekommen und die Männer in Weiß rufen.

„Aber sicher“, antwortete er stattdessen. „Ich muss mich erst daran gewöhnen, plötzlich Rentner zu sein. Das hat meine ganzen Tagesabläufe durcheinandergebracht und da habe ich doch glatt vergessen, das Fenster zu schließen, bevor ich meine Katze in die Wohnstube gelassen habe. Kein Grund zur Sorge.“

„Na dann, willkommen im letzten Lebensabschnitt, Jungchen“. Herr Heinemann stützte sich schwer auf seinen Stock und klopfte ihm mit der anderen Hand auf die Schulter. „Ist nicht so schlimm wie Sie denken …“

Damit drehte er sich um und ging langsam in Richtung der Hauptstraße davon.

Herr Pfütz ließ sich mit dem Rücken gegen die Plakate sinken und lehnte den Kopf zurück. Das war knapp gewesen! Dabei war es sogar doppelt wichtig, dass niemand von den Wesen erfuhr: Einmal für ihn selbst und sein Ansehen, aber auch für die Wesen. Wer weiß, was mit ihnen geschehen würde, wenn die Menschen von ihnen wüssten. Vielleicht würde man sie größer und gefräßiger züchten, um das Müllproblem zu lösen.

„Da sind sie reingegangen“, riss ihn das Mädchen aus den Gedanken. Seine Mutter saß noch immer an der Haltestelle, unterhielt sich aber mit einer anderen Frau. Die Kleine deutete auf ein Loch zu ihrer Linken.

Herr Pfütz runzelte die Stirn. „Wie kannst du das wissen?“, fragte er das Mädchen. „Du hast doch gar keine Kamera dabei.“

Die Kleine schaute ihn nur mit großen Augen an, machte auf dem Absatz kehrt und hüpfte mit wehenden Locken zurück zu ihrer Mutter.

Trotz seiner Verwirrung legte Herr Pfütz den Kopf auf das Pflaster, um mit einem Auge in das Loch hineinillern zu können. Dann zückte er seinen Fotoapparat und schoss ein Bild mit Blitzlicht.

Er hatte den Eingang gefunden!

Das Foto zeigte einen schmalen Tunnel, der an den Seiten mit den kleinen Holzspießchen versehen war, die Herrn Pfütz sofort vertraut vorkamen. Vermutlich ein Schutz gegen neugierige Rattennasen – und Menschenfinger.

Sie leben also im Innern der zentimeterdicken Plakatrückstände, in die sie Gänge fressen. Herr Pfütz schüttelte ungläubig den Kopf, lächelte aber dabei.

„Dann sollt ihr ab heute Plakatwichtel heißen.“

Noch den ganzen Rückweg nach Hause schmunzelte er. Bis er vor seiner Haustür stand, an der eine amtliche Bau-Ankündigung prangte. Und vor der seine Schwester auf ihn wartete.

Fortsetzung folgt in zwei Wochen …

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