Pfütz ermittelt: Das Berliner Bermuda-Dreieck (Kapitel 8)

Pfütz ermittelt: Das Berliner Bermuda-Dreieck (Kapitel 8)

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Kapitel 8 – Zwischen Ratten und Menschen

Fritzchen erschrak so heftig, dass er sich instinktiv zusammenkugelte und sich fallen ließ. Wie ein Flummi schnellte er vom Boden wieder nach oben – und das drei Mal – bevor er schließlich liegen blieb.

Den Sturz hatte er wohlbehalten überstanden, aber wie stand es um die Ratten? Fritzchen riskierte einen Blick zum Bordstein, obwohl er dafür seine Fühleraugen aus der schützenden Fellkugel herausrecken musste.

Wusch.

Über seinen Kopf segelte ein Schuh hinweg! Fritzchen zog die Antennen sofort wieder zurück.

Das wurde auch Zeit! Wozu sind Menschen gut, wenn nicht, um Ratten zu vertreiben? Jetzt mussten sie nur hoffen, dass der Mann keinen aus ihrer Familie gesehen hatte.

Als die Ratten den Schuh auf sich zu fliegen sahen, warnten sie sich gegenseitig mit einem Schrieksen und suchten das Weite. Mit Menschen legten sie sich niemals an.

Es ging alles sehr schnell. Zum Glück waren die Drei nahe dem Bordstein noch zu Kugeln zusammengerollt, denn es blieb ihnen keine Zeit zum Reagieren. Schon landete der schlecht gezielte Wurf auf dem Pflaster. Genau auf Bernd.

Die anderen sahen es wie in Zeitlupe. Seine metallischen Stacheln bohrten sich durch die Sohle. Der Schuh kippte auf die Seite. Bernd riss es von den Füßen und zuletzt hing er ein paar Zentimeter über dem Boden.

Nach der ersten Schrecksekunde gab es kein Halten mehr. Der Professor und der Große waren sofort bei ihm und selbst Elsa rannte mit ihrem Kind quer über den Bürgersteig. Den Menschen im Fenster hatten sie vollkommen vergessen.

„Bernd, kannst du mich hören, mein Junge?“, fragte der Professor voller Sorge.

Aus dem metallischen Seeigel lösten sich zwei Fühleraugen, dann folgten – da die Luft rein war – auch Kopf und Gliedmaßen.

„Mir ist nichts passiert“, beruhigte sie Bernd. „Nur gut, dass er auf mir gelandet ist und nicht auf einem von euch. Meine Metallstacheln haben keine Probleme mit Plastik.“

„Ich weiß nicht, ob der Mensch uns gesehen hat“, meinte eine atemlose Elsa. „Er hat das Fenster geschlossen und jetzt kommt er vielleicht nach draußen …“

Bernd versuchte sich von der Sohle abzudrücken, aber es nützte nichts. Er steckte fest.

„Kannst du deine Stacheln nicht einfach wieder zu Haaren werden lassen?“, fragte der Große. Elsa untersuchte gerade die kahle Stelle in seinem Fell, die nach dem Absplittern der hölzernen Spieße zurückgeblieben war. Timmy sprang aufgeregt um sie herum.

„Das dauert bei mir zu lange. In der Zwischenzeit kommt der Mensch und ohne mein Fell sieht er mich spätestens dann, wenn er den Schuh aufhebt.“ Bernd beobachtete Timmy, der mit seinen winzigen Ärmchen versuchte, zu ihm herauf zu klettern. „Ihr müsst euch in Sicherheit bringen.“

Er sah dem Großen fest in die Augen. Der sog scharf die Luft ein, nickte aber widerstrebend.

„Nein!“, sagte Elsa entschieden. „Das kommt nicht in Frage! Wir gehen nicht ohne dich.“

„Elsa“, unterbrach sie Fritzchen, der dazugestoßen war.

„Nein. Wenn sonst nichts hilft, müssen wir eben die Sohle essen. Das ist zwar reines Plastik, aber wenn wir es auf alle verteilen, wird es uns schon nicht umbringen …“

„Elsa“, meinte Fritzchen erneut. Er zog sie am Arm zurück. „Sieh doch!“

Die Fühleraugen aller folgten seinem ausgestreckten Finger. Er zeigte auf Timmy. Den kleinen Timmy, dessen Kopf in einem Loch in der Schuhsohle steckte. Um ihn herum lagen feine weiße Staubkörner wie Sägespäne.

„Das kann nicht wahr sein“, murmelte der Professor in die andächtige Stille. Er legte seine Fühleraugen an Elsas Mund. „Dein Sohn isst tatsächlich Plastik. Kein Wunder, dass ihm bisher nichts geschmeckt hat, was wir ihm angeboten haben …“

Der Große zog seinen Sohn an den Beinen aus dem Loch heraus. Timmy schaute ihn putzmunter an und leckte sich die Lippen. Der Große rang sichtlich mit den Tränen. Dann hielt er ihn nach oben. „Kannst du deinen Onkel befreien, mein Sohn?“

Zur Antwort schlug Timmy seine Zähne in die Sohle und nagte in kürzester Zeit einen Ring um ihn herum. Bernd landete geschickt auf allen vieren. Die Stacheln an seinem Rücken steckten aber immer noch in einem Kreis aus weißer Schuhsohle, sodass es aussah, als würde er ein Dach mit sich herumtragen.

„Das muss reichen“, meinte Bernd und kraulte dem vergnügt quietschenden Timmmy das grüne Fell. „Danke, Kleiner.“

Dann machten sie sich auf den Rückweg nach Hause.

Bernd schlich, wie vorher die Ratten, unter den parkenden Autos entlang, da er sich momentan nicht zu einer unsichtbaren Kugel zusammenrollen konnte. Die anderen nahmen den Gehweg. Nach einigen hundert Metern ohne Verfolger fühlten sie sich sicher genug, um bei einer gestrickten Wollmütze Halt zu machen.

Der Professor nutze die Pause, um sich zum Großen zu setzen und ihm Timmy abzunehmen.

„Jetzt weißt du auch“, sagte er zu ihm, „warum wir nur im Hellen rausgehen. Die Menschen bekämpfen Ratten, wann immer sie sie sehen, deswegen wagen sie sich meistens nur im Dunkeln aus ihren Löchern. Ganz früher, als unsere Vorfahren noch im Wald gewohnt haben, wurden sie ständig von Ratten gejagt und oft von ihnen gefressen. Hier in der Stadt leben wir dank der Menschen viel sicherer. Mit unserem Tarnfell können wir auch tagsüber nach Essen suchen und müssen uns nicht auf Mülldeponien oder in die Kanalisation wagen. Da gibt es zwar mehr zu holen, aber diese Orte gehören den Ratten und wir haben dort nichts verloren. Merk dir das! Heute leben nur noch wenige Squieth draußen in der Natur. Die haben sich ganz anders entwickelt als wir. Und es gibt unter ihnen bestimmt nicht einen Einzigen, der Plastik essen kann. Du bist eben etwas Besonderes.“ Damit stupste er dem Kleinen auf die Nase und stimmte in sein Lachen ein.

Elsa, die die Wollmütze nicht angerührt hatte, setzte sich zu ihnen. „Wenn wir schon bei einer Lehrstunde sind, will ich ihm auch was beibringen. Schnupper mal“, forderte sie Timmy auf und machte es ihm vor, bis er aufmerksam die Luft einsog. „Riechst du das? Das ist die Mütze da drüben. Deswegen habe ich sie nicht gegessen. Wir essen nicht alles, was wir finden, sondern nur Dinge, die keiner mehr braucht. Und diese Mütze riecht nicht nach Abfall, stimmt´s?“

Timmy sah sie mit allen vier Augen an und legte den Kopf schief. Wahrscheinlich verstand er sie gar nicht. Sie würde es ihm noch mal erklären, wenn er älter war.

„Lasst uns gehen, bevor derjenige wiederkommt, der sie verloren hat“, rief Bernd ihnen zu.

Zuhause würden sie ihn erst mal von seinem Sonnendach befreien und sich von dem Schrecken erholen. Zum Glück war außer dem Fell des Großen niemandem etwas passiert.

Was sie nicht wussten, war, dass sie doch einen Verfolger hatten.

Fortsetzung folgt in zwei Wochen…

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