Pfütz ermittelt: Das Berliner Bermuda-Dreieck (Kapitel 7)

Pfütz ermittelt: Das Berliner Bermuda-Dreieck (Kapitel 7)

Was bisher geschah: Hier geht es zurück zum ersten Kapitel.



Kapitel 7 – Aus dem Leben eines Squieth

So. Jetzt reicht es mir langsam. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe inzwischen genug davon, alles nur mit Herrn Pfütz´ Augen zu sehen. Nicht einmal das. Im letzten Kapitel mussten wir uns mit seinen Kameras zufriedengeben. Mit Kameras … Stellen Sie sich das mal vor! Da entdeckt man eine völlig unbekannte Spezies, die keiner anderen Tierart zu ähneln scheint, ist voller Spannung – und dann bekommt man am Tag nur wenige Minuten Filmmaterial zusammen. Bei dem Tempo dauert es Jahre, bis wir endlich etwas Spannendes herausfinden!

Zum Glück bin ich nicht Tierfilmer geworden, sondern allwissender Erzähler. Da braucht man sich nicht in Geduld zu üben, wenn man keine hat.

Wenn Sie Herrn Pfütz´ kleinschrittige Beobachtungen unbedingt verfolgen möchten, schreiben Sie ihm einen Brief und bitten ihn um seine Notizen. Einen Versuch ist es wert.

Die Anderen lade ich ein, sich mir anzuschließen: Lassen Sie uns Herrn Pfütz für einen Moment vergessen. Er zweifelt immer wieder an seiner geistigen Gesundheit. Das kennen wir schon, da verpassen wir nichts, und wenn wir zu ihm zurückkehren, wird er immer noch mit sich hadern. Glauben Sie dem allwissenden Erzähler.

Ich führe Sie jetzt ganz nah heran ans Geschehen. Bis in die Köpfe der seltsamen Wesen hinein. Sie nennen sich selbst übrigens Squieth. Eine Information, die Ihnen Herr Pfütz niemals geben kann, egal, wie lange er sie erforscht. Ich verschaffe Ihnen unserer Hauptfigur gegenüber einen kleinen Wissensvorsprung.

Keine Sorge, ich übersetze alles, was die Wesen denken und sagen, in verständliche Sätze. Sie werden kaum bemerken, dass es keine Menschen sind. Für mich ist das eine Kleinigkeit. Der Einfachheit halber behalte ich für Sie sogar die Namen bei, die Herr Pfütz den Wesen gegeben hat. Die richtigen würden Sie sowieso nicht aussprechen können, glauben Sie mir.

Also dann: Achtung, fertig, los!

„Na, wer ist denn da wach geworden?“, fragte der Große. „Ich dachte schon, du verschläfst den ganzen Spaß. Schau mal“, sagte er zu seinem Sohn und hielt ihm den letzten Rest des Kerzenständers vors Gesicht. „Das ist Holz, Timmy. Willst du mal probieren?“

Timmy zog das Holzstück zu sich heran, schnupperte und besah es sich mithilfe seiner Fühler-Augen von allen Seiten. Dann knabberte er eine winzige Ecke ab. Der Große hatte schon Hoffnung, dass sein Sohn dasselbe essen würde wie er – unter den Squieth ein Zeichen für eine besonders tiefe Bindung –, aber der Kleine verzog das Gesicht und vergrub den Kopf an seiner Schulter.

„Na ja, eigentlich war damit auch nicht zu rechnen. So etwas ist unglaublich selten“, sagte sich der Große. Aber ein wenig enttäuscht war er trotzdem.

Der Professor trat zu ihm, in einer Hand die gefledderten Überreste von Oscar Wilde hinter sich her schleifend. Er stellte sich vor den Großen und legte die Hände links und rechts an seinen Hals. Dann schloss er die Fühler-Augen und stupste damit leicht gegen die Lippen des Großen. Bei den Squieth war das eine sehr vertrauensvolle Geste. In etwa so wie wenn Tiere ihren schutzlosen Nacken präsentieren – nur, dass das bei ihnen ein Zeichen der Unterwürfigkeit ist, nicht unbedingt von Nähe.

Der Professor streichelte Timmy über den Kopf und das grüne Fell. „Keine Sorge, Kleiner, wir finden schon raus, was dir schmeckt. Alles zu seiner Zeit.“

Timmy sah an ihm vorbei und reckte die Arme nach seiner Mutter, die sich gerade zu ihnen gesellte. Fritzchen hatte ihr das alte Hemd heruntergeworfen, das Herr Pfütz zu Forschungszwecken geopfert hatte.

„Das hier muss ich ganz bewusst genießen“, sagte Elsa mit einem Seufzer. „Riecht mal.“ Sie reichte das Hemd herum und beide vergruben ihr Gesicht tief in dem Stoff.

„Da ist kein Plastik drin“, meinte der Große. „Wahnsinn! Dass es so was noch gibt!“

Kunststoffe waren tatsächlich ein großes Problem für viele Squieth. Jeder von ihnen fraß nur ein bestimmtes Material und obwohl sie nicht wählerisch waren, was den Zustand anging – sie fraßen zum Beispiel auch Rost, wurmstichiges Holz, Stoff voller Mottenlarven und vergilbtes Papier –, bekamen sie von all dem beigemengten Plastik des Öfteren Magenkrämpfe. Evolutionär gesehen, gehörten Elsa und all die anderen Textil-Fresser im Zeitalter der Kunststoffkleidung also zu einem absterbenden Ast. Die Metall- und Holzverwerter hatten bisher noch Glück.

„Deswegen versuche ich ständig, Fritzchen von diesen Illustrierten wegzulocken“, ergänzte der Professor über die Geräusche von zerreißendem Stoff hinweg. „Die große Literatur wird wenigstens auf vernünftiges Papier gedruckt. Falls dir mal das Holz ausgeht, wäre das auch was für dich, Großer. Aber niemand weiß so genau, was in diesem Recyclingpapier drin ist.“

Fritzchen unterbrach seinen Vater mit einem durchdringenden Warnruf.

„Da drüben!“, schrie er von Herrn Pfütz´ Fensterbrett zu ihnen hinunter. Hektisch deutete er auf einen Fleck nur zehn Meter von seiner Familie entfernt. Im Schutze des Bordsteins und der parkenden Autos pirschte sich eine Ratte an sie heran. Bernd neben ihm kugelte sich zusammen. Dann sprang er auf die Straße.

Elsa pflückte den Kleinen vom Rücken des Großen. Hunderte Male hatten sie das eingeübt, in der Hoffnung, niemals in solch eine gefährliche Situation zu kommen.

„Was hat dieses Vieh hier zu suchen? Es ist mitten am Tag!“, dachte sie mit aufkeimender Panik. Wenn nur Timmy nichts passierte …

Der Große stellte sich schützend vor den Professor. Sie hasste es, ihren Schatz und ihren Vater zurückzulassen, aber sie rannte trotzdem zur Hauswand. Zuerst musste sie Timmy in Sicherheit bringen.

Die Ratte sprang auf den Bordstein. Fritzchen zuckte zusammen. Sie war mehr als doppelt so lang wie der Große.

„Lauf weg!“, beschwor Fritzchen ihn in Gedanken. „Das kannst du nicht gewinnen!“

Aber der Professor war einem Wettlauf um Leben und Tod nicht mehr gewachsen und der Große würde ihn nicht kampflos aufgeben. Also richtete er sein Fell auf. Die Haare standen mit einem Mal ganz gerade von seinem Körper ab. Und wurden fest und hölzern. Wie kleine Cocktailspieße.

Der Große nutzte das Überraschungsmoment und griff zuerst an. Bevor die Ratte wusste, wie ihr geschah, traf sie eine stachelige Kugel an der empfindlichen Nase. Bei dem Aufprall splitterten einige der Spießchen ab und blieben in ihrer Haut stecken. Mit einem quietschenden Geräusch sprang sie einen Satz zurück und fiel hinunter in die Bordsteinrinne.

Aber das hielt sie nicht lange auf.

Der Professor hatte sich gerade in sein Tarnfell gehüllt, da kletterte sie auch schon wieder auf den Gehweg. Sie würde ihn riechen, aber es war seine letzte Hoffnung.

Vor ihm kugelte sich der Große zu einem Igel zusammen – alle übrig gebliebenen Holzspieße nach außen gestreckt, um so unverdaulich wie möglich zu sein. Doch die Ratte gab nicht so schnell auf. Sie schlich immer wieder um den Großen herum, stupste ihn an und hätte früher oder später eine Schwachstelle gefunden.

Dann traf Bernd sie in die Seite.

Waren die hölzernen Stacheln des Großen nichts weiter als ein Ärgernis gewesen, verletzten Bernds aufgestellte Haare die Ratte schwer. Sie waren spitz wie Nadeln und brachen auch nicht ab.

Bernd blieb eine Weile in ihrer Seite stecken, bis sie sich davonzuschleichen versuchte. Dann drückte er sich von ihr ab und fiel zu Boden. Sicherheitshalber blieb er zusammengekugelt, damit sie nicht auf dumme Gedanken kam. Aber die Ratte hatte fürs Erste genug.

Niemand war erleichterter als Elsa. Sie hatte vergeblich versucht, sich am Putz nach oben zu ziehen, und da Squieth nicht schnell genug rennen konnten, um Ratten auf gerader Strecke zu entkommen, hatte sie keinen Fluchtweg mehr gehabt. Nun war sie ihrem mutigen, älteren Bruder unglaublich dankbar.

Sie wollte gerade zu ihrem Liebsten laufen – hoffentlich hatte er keinen der Splitter abbekommen –, als sich der Kopf der Ratte wieder über den Bordstein reckte.

Daneben erschienen noch zwei weitere.

„Jetzt ist es aus“, dachte Fritzchen. Und Elsa schaffte mit dem Kleinen den Aufstieg zum Fensterbrett nicht.

In der verzweifelten Hoffnung, dass die Ratten sie bisher nicht bemerkt hatten und nicht mit der Nase nach ihr suchen würden, kugelte seine Schwester sich am Fuße der Hauswand zusammen – Timmy in der Mitte. Elsas langes, flauschiges Tarnfell hüllte auch ihn völlig ein.

„Wenn ich runter klettere, um zu helfen, verrate ich, wo sie sitzen. Und dann schaffe ich es mit Timmy in einer Hand vielleicht auch nicht nach oben und ich kann sie nicht mal retten.“

Seine innere Stimme sagte ihm allerdings, dass er nur zu feige war. Er war sich sicher, dass die Ratten ihn nicht gesehen hatten. Sobald er sich bewegte, war auch er in Gefahr. Unschlüssig trat er von einem Fuß auf den anderen.

Wie er sich entschieden hätte, werden wir nie erfahren, denn in diesem Moment öffnete Herr Pfütz das Fenster.

Fortsetzung folgt in zwei Wochen…

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