Pfütz ermittelt: Das Berliner Bermuda-Dreieck (Kapitel 6)

Pfütz ermittelt: Das Berliner Bermuda-Dreieck (Kapitel 6)

Was bisher geschah: Hier geht es zurück zum ersten Kapitel.


Kapitel 6 – Feldstudien

Mit seinen Entscheidungen quälte sich Herr Pfütz oft lange herum, aber wenn er sie einmal getroffen hatte, blieb er für gewöhnlich dabei. In diesem Fall hatte er sich nicht nur dazu entschlossen, die Existenz der seltsamen Wesen nicht länger zu leugnen, sondern wollte auch ihrer Lebensweise systematisch auf den Grund gehen.

Streichholz-Äffchen mit Schneckenfühlern zu sehen, konnte ihn in ernsthafte Schwierigkeiten bringen, sollte jemand davon erfahren. Als Entdecker einer neuen Spezies hätte er einen anderen Stand. Vor allem, da es sich bei diesen Wesen um einen wirklich spektakulären Fund handelte.

Während er sich die Aufnahmen der letzten Tage ansah, machte er sich also erste Notizen.

26.10., 11:03-11:09

– gelbliches Wesen klettert zuerst hinauf; hilft dem älteren über die Kante nach oben

– fressen sich durch Karton ins Innere

– sehen sich Inhalt genau an; aufgeregte Fiep-Laute -> Absprache, wer was fressen will?

– Älterer braucht elf Sekunden, um einen Atlas zu schreddern

– Gelber bevorzugt Zeitungen und Illustrierte

– zerlegen gemeinsam Karton und werfen Teile auf die Straße

27.10., 11:05-11:10

– Gelber begleitet von silbrig schimmerndem Wesen

– klettern beide sehr geschickt

– Silberner frisst nur alten Bügel; Gelber geht leer aus

– schauen auf Straße hinunter und geben Laute von sich -> Warten unten noch andere?

– werfen Sack voller Bausteine hinunter

28.10., 11:06-11:13

– kein Karton, aber auf Gehweg steht Schrank ohne Rückwand

– Schrank wackelt; kippt nach vorne um

29.10., 10:58-11:04

– Gelber und der Professor fressen Papier

– schieben verrostete Bohrmaschine zur Kante, ist aber zu schwer

– rufen nach unten; silbrig schimmerndes Wesen klettert hinauf

– Silbriger schreddert Bohrmaschine so schnell wie die anderen Papier

– Gelber (Fritzchen) hat Kamera entdeckt; presst Gesicht und Fühler-Augen gegen Scheibe

– Professor zieht ihn weg; Fritzchen weicht aus und lässt sich spielerisch jagen

– durchdringender, pfeifender Laut: alle drei kugeln sich ein; bewegungslose Fellknäuel

– Mensch kommt und sieht sich Inhalt der Kiste an

– fressen weiter, sobald er weg ist

„Das ist wirklich unglaublich“, dachte Herr Pfütz. „Wie kann der Mann sie nicht gesehen haben? Eine silberne Fellkugel muss doch auffallen…“

Natürlich war dies nicht die einzige, offen gebliebene Frage. Es wurde Zeit, die Wesen nicht nur zu beobachten, sondern sie aktiv zu erforschen.

Da er nicht genau wusste, wonach er eigentlich suchte, wollte Herr Pfütz alle nur möglichen Daten sammeln. Also brachte er ein Außenthermometer an, klebte ein Lineal innen auf die Fensterscheibe, legte sich eine Tabelle an, um festzuhalten, wer von ihnen welches Material fraß, und lud den Akku seines Camcorders wieder auf. Außerdem montierte er ganz oben, zwischen seinen Doppelfenstern, eine weitere Kamera, die er auf den Gehweg ausrichtete.

Herr Pfütz bezog also wieder seinen Beobachtungsposten und wartete gespannt auf die Ankunft der Wesen.

Um 11:03 Uhr war es endlich so weit: Im Display der Kamera sah er ein Paar Fühler knapp über die Kante des Fensterbretts ragen. Die Augen beschrieben einen Halbkreis. Und blieben an ihm hängen. Die Fühler zogen sich blitzartig zurück.

Aber natürlich! Beim ersten Mal waren die Wesen erst aufgetaucht, als Herr Pfütz das Zimmer verlassen hatte. Sie waren offensichtlich sehr vorsichtig.

Herr Pfütz stand so langsam wie möglich auf, um das Wesen nicht zu erschrecken, und versteckte sich hinter dem Türrahmen der Küche. Auf dem Weg griff er sich sein Fernglas, das er nach seinem Ausflug zum Bäcker auf der Kommode abgelegt und in der ganzen Aufregung seither völlig vergessen hatte.

Auf dem Kameradisplay konnte er eine Bewegung erkennen, also stellte er schnell das Fernglas scharf und suchte das Fensterbrett ab.

Da war nichts.

Nichts außer dem besonders prall gefüllten Karton, in den er heute Morgen selbst eine alte Pfanne und auch ein abgetragenes Hemd gelegt hatte, damit nicht nur Papier und Holz auf dem Speiseplan standen.

Herr Pfütz richtete seinen Feldstecher auf das Display. Der Camcorder nahm gerade den Aufstieg von Fritzchen auf, der sich, noch immer misstrauisch, zu einer Kugel zusammenkauerte und auf den Karton zu rollte. Aber mit seinen eigenen Augen sah Herr Pfütz ihn nicht. Das konnte doch nicht mit rechten Dingen zugehen!

Fassungslos beobachtete er, wie feine Papierfetzen wie Sägespäne von dem Loch aufstiegen, das sich gerade von Zauberhand in dem Karton bildete. Er konnte sogar durch das Loch hindurch die Buchrücken sehen, obwohl Fritzchen doch genau davor kauern musste!

Herr Pfütz ließ sich auf einen Küchenstuhl sinken. Er konnte sich ja mit viel Phantasie vorstellen, dass es Tiere gibt, die ihre Umgebung so perfekt nachahmen, dass sie vom menschlichen Auge nur schwer auszumachen sind. Fritzchen hatte aber anscheinend unsichtbar machendes Tarn-Fell. So etwas gab es nicht.

Doch er war schon zu weit gegangen, um jetzt noch von seinem Vorhaben abzulassen. Also robbte Herr Pfütz auf allen Vieren über den Fußboden und versteckte sich hinter der Armlehne der Couch. Von dieser Position hatte er das Display gut im Blick und sah auch die Übertragung der anderen Kamera auf seinem Computermonitor.

Fritzchen saß inmitten von Illustrierten und hatte sich schon eine beachtliche Murmel angefressen. Die Pfanne war bereits den messerscharfen Zähnen des silbrigen Wesens zum Opfer gefallen, das Herr Pfütz in Gedenken an einen alten Klassenkameraden, der sich bis zur zehnten Klasse seine Kaugummis mitsamt Aluminiumpapier in den Mund schob, Bernd taufte.

Bernd war gerade damit beschäftigt, die Gesamtausgabe von Oscar Wildes Theaterstücken durch ein Loch im Karton nach draußen zu schieben. Herr Pfütz widerstand dem Impuls, zum Fenster zu springen und das Buch zu retten, aber da rutschte es auch schon über die Kante. Das weitere Geschehen auf dem Gehweg beobachtete er auf dem Monitor.

In sicherer Entfernung wartete der Professor zusammen mit zwei anderen Wesen. Eines hatte strahlend weißes Fell und – zu Herrn Pfütz´ Überraschung – eine so helle Haut wie er selbst. Konnte das vielleicht ein Weibchen sein? Oder ein Männchen und die anderen mit der schwarzen Haut waren Weibchen? Da er sie ja irgendwie nennen musste, entschied er sich wegen ihres schneeweißen Fells für Elsa. Der Name war so gut wie jeder andere.

Sie und der Professor zerlegten das Buch feinsäuberlich in Papier und Leinen-Einband. Elsa fraß also offensichtlich Stoff. Ihr Begleiter – ein besonders großes Exemplar von bestimmt 15 Zentimetern und mit braunem Fell – nagte an einigen Seiten herum, stürzte sich dann aber auf den hölzernen Kerzenhalter, der soeben auf dem Boden aufgeschlagen war.

Eine Spezies mit unsichtbar machendem Fell und Individuen, von denen jedes völlig verschiedene Dinge fraß und sich farblich an sein Futter anglich.

Gerade als Herr Pfütz glaubte, dass ihn zumindest heute nichts mehr überraschen konnte, lugte ein winziges Gesicht über der Schulter des Großen hervor, gähnte herzhaft und blinzelte verschlafen in die Kamera.

Fortsetzung folgt in zwei Wochen…

Bleibt in Kontakt:

    • subscribe Feed abonnieren
    • Folge uns auf Twitter
    • Folge uns auf Facebook

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch das Abschicken eines Kommentars stimmst du der Speicherung deines Namens/Pseudonyms, deiner E-Mail-Adresse und ggf. deiner Website zu.