Pfütz ermittelt: Das Berliner Bermuda-Dreieck (Kapitel 5)

Pfütz ermittelt: Das Berliner Bermuda-Dreieck (Kapitel 5)

Was bisher geschah: Hier geht es zurück zum ersten Kapitel.


Kapitel 5 – Gravitation

Herr Pfütz reagierte auf seine neuesten Entdeckungen wie jeder erwachsene, vernünftige Mensch auf das Zusammenbrechen seines Weltbildes reagieren würde: Er verdrängte es.

Sobald er die Aufnahme zu Ende gesehen hatte, beschloss er, nie wieder auch nur an die seltsamen Wesen zu denken, die nun mal nicht existieren konnten. Er hatte sich doch einfach nur die langen Tage verkürzen und für mehr Ordnung in der Nachbarschaft sorgen wollen. Womit hatte er das verdient? Niemals hatte er darum gebeten, in irgendwelche übersinnlichen Phänomene hineingezogen zu werden. Damit wollte er nichts zu haben! Diese Wesen gab es nicht. Punkt.

In den nächsten Tagen tat Herr Pfütz alles, um zu seiner beruhigenden Routine zurückzukehren. Er stand auf, schlurfte ins Bad, trank seinen Kaffee (450m/12mg), ging um seine Tierfilmer-Ausrüstung herum zum Fensterbrett, beäugte den Karton von allen Seiten, traute sich nicht, das Fenster zu öffnen, ging stattdessen eine zusätzliche Runde, damit er von dem Verschwinden der Kiste nichts mitbekam, vergaß des Öfteren zu essen, wodurch seine lange, hagere Gestalt noch eindrucksvoller wurde, löste abends ein Kreuzworträtsel und da er nachts schlecht schlief, kamen zu seinen Sorgenfalten auch noch ausgewachsene Wagenräder. Also eigentlich alles wie immer.

Ab und an erwischte er sich jedoch selbst bei kontraproduktiven Gedanken.

Zum Beispiel, als er auf seinem Rundgang unbewusst die Kartons auf anderen Fensterbrettern zählte und sich fragte, wie viele der Wesen es wohl in Berlin gab. Waren es nur diese beiden? Lebten sie in einer Art Rudel? Und wenn ja, wie groß war ihr Revier? Immerhin gab es in Berlin ja genügend wilde Mülldeponien, die ständig größer wurden. In ihnen lebte also schon mal keines der Wesen, obwohl das doch ein Schlaraffenland sein müsste.

„Suchen Sie etwas Bestimmtes?“, riss ihn ein Nachbar aus seinen Gedanken.

Herr Pfütz blickte sich etwas orientierungslos zu allen Seiten um. Er konnte sich zunächst nicht daran erinnern, dass er am Ende seines Rundgangs vor seinem eigenen Fenster auf die Knie gegangen war. Wieso hatte er das getan? Aber natürlich! Er hatte sich ja den unebenen Putz genauer ansehen wollen, der tatsächlich genügend Einbuchtungen und Vorsprünge bot, damit ein kleines Wesen mit geschickten Händen daran empor klettern konnte.

„Nein, nein“, begann Herr Pfütz gedehnt; ohne zu wissen, wie er den Satz beenden sollte.

„Sind Sie sicher?“, hakte der alte Mann nach. Er ließ Herrn Pfütz nicht aus den Augen, während der sich an dem Fensterbrett ungelenk nach oben zog. „Vielleicht kann ich helfen.“

„Hören Sie, Herr…“ – Herr Pfütz schnipste mehrmals mit den Fingern. Er konnte sich partout nicht an den Namen erinnern.

„Heinemann“, half ihm sein Nachbar mit einem spitzbübischen Lächeln auf die Sprünge. „Gut, dass Sie noch nicht so alt sind wie ich, mein Sohn, sonst könnte man glatt denken, Sie wären dement.“

Obwohl er selbst am Stock ging, hielt er Herrn Pfütz mit der anderen Hand am Ellbogen fest, als der für einen Augenblick das Gleichgewicht verlor. „Hoppala! Und mehr Sport sollten Sie auch treiben, was soll das sonst später mit Ihnen werden?“

Herr Pfütz richtete sich zu seiner vollen Größe auf, sodass er die kleine, gebeugte Gestalt vor ihm um zwei Köpfe überragte, und klopfte sich den Staub von den Knien.

„Vielen Dank, Herr Heinemann“, sagte er mit einem angedeuteten Nicken, „ich brauche Ihre Hilfe nicht.“ Damit machte er auf dem Absatz kehrt und verzog sich wieder in seine eigenen vier Wände, bevor man ihn in ein Gespräch verwickeln konnte.

Nun war sein seltsames Verhalten also schon den Nachbarn aufgefallen. Diese ganze verrückte Geschichte musste wirklich ein Ende haben!

Herr Pfütz tigerte in seiner Wohnung auf und ab.

Am besten wäre es, die ganze Ausrüstung loszuwerden. Das hätte er schon längst tun sollen.

Mit einer Prise Bedauern, aber voller Tatendrang, holte er die Verpackung aus der Speisekammer und stellt sie neben seine Anlage. Nach dem Abbauen würde es ihm bestimmt besser gehen.

Natürlich konnte sich Herr Pfütz dann doch nicht dazu durchringen. Das sollte Sie nicht überraschen. Schließlich lesen Sie hier eine Geschichte, und wer macht sich schon die Mühe, eine Begebenheit zu erzählen, in der nichts weiter passiert, als dass ein aus dem alltäglichen Leben gerissener Mensch eine spektakuläre Entdeckung macht, die er dann aus lauter Angst als eine Art Halluzination abtut. Davon gibt es in der Realität schon genügend Beispiele, als dass ich Ihnen auch noch davon berichten müsste.

Die Wahrheit ist, dass Geheimnisse die Anziehungskraft eines schwarzen Lochs haben. Egal, wie sehr man sie auch zu ignorieren versucht: Sie lassen einen nie mehr los.

Manche Menschen sind im Verdrängen besser als andere, aber auch ihr Leben dreht sich fortan um dieses verborgene Wissen, das sie von anderen unterscheidet. Sie mögen sich dessen nicht bewusst sein und lange Zeit ein unbeschwertes Leben führen, aber irgendwann werden sie doch in das schwarze Loch hineingesogen. Und für sie ist der plötzliche Fall sogar noch furchterregender, weil er sie unerwartet trifft.

Herr Pfütz war keiner von diesen Leuten.

Obwohl er sich ernsthafte Sorgen um seinen Verstand machte, entschloss er sich in diesem Moment – den Fotoapparat in der Hand, der in den letzten Tagen immer wieder durch den Bewegungssensor ausgelöst worden sein und tausende Bilder aufgenommen haben musste -, seiner Neugierde nachzugeben.

„Was soll mir schon passieren?“, dachte er mit einer gewissen Todesverachtung. „Ist ja nicht so, dass es schlimmer werden könnte…“

Und so kam es, dass der vor zwei Jahren noch als absolut rational und berechenbar geltende Herr Pfütz einen neuen Akku einsetzte und frohen Mutes in das Kaninchenloch sprang.

Fortsetzung folgt in zwei Wochen…

Bleibt in Kontakt:

    • subscribe Feed abonnieren
    • Folge uns auf Twitter
    • Folge uns auf Facebook

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch das Abschicken eines Kommentars stimmst du der Speicherung deines Namens/Pseudonyms, deiner E-Mail-Adresse und ggf. deiner Website zu.