Pfütz ermittelt: Das Berliner Bermuda-Dreieck (Kapitel 4)

Pfütz ermittelt: Das Berliner Bermuda-Dreieck (Kapitel 4)

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Kapitel 4 – Foto-Safari

Noch am selben Tag machte sich Herr Pfütz voller Tatkraft in den nächsten Elektronikmarkt auf und erwarb eine spionagetaugliche Ausrüstung an Kameras und Bewegungsmeldern

Uns Außenstehenden ist natürlich vollkommen klar, dass es sich hierbei um einen weiteren Beweis für seinen Hang zu maßloser Übertreibung handelte, aber Herr Pfütz hatte in den letzten Tagen außer einem Müllmann, dem Café-Besitzer und der Verkäuferin, die ihn alle mit äußerst irritierten Blicken bedacht hatten, niemanden getroffen, der ihn darauf hätte hinweisen können, und so montierte er zu Hause eine Anlage, um die ihn jeder Tierfilmer beneidet hätte: Ein Camcorder nahm ununterbrochen auf und ein Sensor an der Scheibe löste die Serienbild-Funktion eines Fotoapparates aus

Zufrieden mit seinem Tagwerk, gönnte sich Herr Pfütz eine abendliche Tasse heißen Kakaos mit Sahne.

Er genoss sie auf der Couch im Wohnzimmer, eingewickelt in seinen karierten Morgenmantel, in der Hand ein Kreuzworträtselheft. Den kleinen Fernseher in der, die ganze Breite einehmenden, Schrankwand hatte er schon lange nicht mehr eingeschaltet und auch heute stand ihm nicht der Sinn nach aufpeitschender Musik, schnellen Schnitten und Explosionen. Dafür war er schon jetzt viel zu aufgeregt.

Direkt über seinem Kopf zeichneten sich mehrere rechteckige Verfärbungen auf der Tapete ab – mit je einem herausragenden Nagel zur Befestigung eines Bilderrahmens.

Am nächsten Morgen sprang Herr Pfütz voller Elan aus dem Bett, sodass ihm überhaupt nicht auffiel, welcher Fuß als erster den Boden berührte. Heute würde es ihm sicher gelingen, etwas über dieses seltsame Bermuda-Dreieck herauszufinden!

Also nahm er eine kleine Änderung in seiner täglichen Routine vor, was an sich bereits ein Zeichen zur Besorgnis geben sollte, und verzichtete darauf, die unvermeidliche `zu verschenken´-Kiste von seinem Fenstersims zu befördern. Stattdessen brühte er sich einen Kaffee auf (300ml/6mg) und rollte seinen Bürostuhl in die optimale Sichtachse.

„Das wäre doch gelacht!“, dachte er bei sich. „Ich habe alle Zeit der Welt. Ich bleibe solange hier sitzen bis sich was tut.“

Bereits nach einer Stunde machte sich jedoch die ungewohnt große Kaffeemenge bemerkbar.

Eine Weile blieb Herr Pfütz mit übergeschlagenen Beinen auf seinem Posten, aber schließlich musste er doch der Natur folgen. So schnell er konnte, sprintete er ins Bad und wieder zurück, um den entscheidenden Moment nicht zu verpassen.

Als er sich erleichtert zurück in seinen Stuhl gleiten ließ, traf ihn bei dem Blick zum Karton beinahe der Schlag. Da hatte doch tatsächlich jemand auf die einzigen paar Minuten gewartet, in denen er nicht im Zimmer war!

Er öffnete hektisch das Fenster, um sich mit seinem ganzen Oberkörper hinauszulehnen, aber wie bereits gestern war weit und breit niemand zu sehen und auch von der Kiste fehlte jede Spur.

Zunehmend verwirrt, ging Herr Pfütz zu seinem Beobachtungposten zurück und schnappte sich als erstes den Fotoapparat. Laut Zähler hatte er mehrere hundert Bilder geschossen.

Herrn Pfütz´ Aufmerksamkeit mögen die Diebe ja entkommen sein – ja, das war tatsächlich das Wort, das er für die Unbekannten verwendete, obwohl ihm tags zuvor die Anwesenheit der Kisten noch als Zumutung erschienen war -, aber dem Auge der Kamera konnten sie sicher nicht entgehen.

Als er sich das erste Foto ansah, stockte ihm zunächst der Atem. Dann schüttelte er ungläubig den Kopf und schaltete den Apparat aus; vielleicht in der Hoffnung, dass sich das Bild verändern würde, wenn er ihm nur etwas Zeit gab. So saß er mit geschlossenen Augen, sein Spionagewerkzeug in den erschlafften Händen, einige Minuten vollkommen unbeweglich auf seinem Bürostuhl. Schließlich wappnete er sich mental und schaltete das Gerät wieder an.

Das Foto zeigte noch immer dasselbe Motiv: Zwei winzig kleine schwarze Hände, die sich von unten auf den Sims gelegt hatten, und ein paar farbig passende Fühler. Nein, es waren wohl eher so etwas wie Schneckenantennen, denn sie zeigten in unterschiedliche Richtungen und hatten ganz sicher zwei Augen an der Spitze!

Herr Pfütz starrte das Foto mit heruntergeklapptem Unterkiefer an. Hat sich da jemand einen Scherz erlaubt? Was soll das bitte sein?

Er überlegte kurz, ob er die restlichen Bilder überhaupt sehen wollte, aber dann siegte doch die Neugier.

Wie bei einem Daumenkino konnte Herr Pfütz verfolgen, wie sich ein vielleicht zehn Zentimeter großes Wesen mit Ärmchen dünn wie Streichhölzer mühsam nach oben drückte und seinen Körper auf das Fensterbrett zog. Für einen Moment blieb es einfach der Länge nach auf dem Rücken liegen; vermutlich völlig ermattet von dem anstrengenden Aufstieg.

Herr Pfütz zoomte eines der Bilder näher heran. Das Wesen hatte außer den Augen auf den Fühlerspitzen noch zwei weitere Augen im Gesicht. Sie saßen vorne über den beiden kurzen Schlitzen, die wahrscheinlich die Nase darstellen sollten.

Der Kopf und die Füße waren von der gleichen pechschwarzen Hautfarbe wie die Hände, doch der restliche spindeldürre Körper war von kurzem, ergrautem Fell bedeckt. Vielleicht war dieses Wesen schon etwas in die Jahre gekommen. Das würde auch die miserable Kondition erklären.

Wie zum Beweis zeigte das Daumenkino im weiteren Verlauf ein zweites Wesen, das in viel kürzerer Zeit auf das Fensterbrett kletterte und danach sofort auf allen Vieren wie ein kleines Äffchen zum Karton lief. Auch dieses Exemplar hatte schwarze Haut, aber sein Fell war eher sandfarben bis gelblich.

Herr Pfütz legte den Fotoapparat zur Seite und griff sich den Camcorder. Er hatte Mühe die winzig kleinen Knöpfe zu treffen, so sehr zitterten ihm die Hände.

Das Video zeigte ihm genau dasselbe, nur aus einer etwas anderen Perspektive. Diesmal waren jedoch auch Geräusche zu hören und Herrn Pfütz wurde sofort klar, dass diese Wesen mit einer Reihe sehr hoher, fiepender Laute kommunizierten.

Der Ornithologe in ihm war entzückt.

Der Rest seiner Persönlichkeit beobachtete fassungslos, wie das gelbe Wesen noch einmal zurücklief, um dem älteren auf die Beine zu helfen, und beide sich mit Heißhunger auf die Kiste stürzten. Ihr Maul reichte von einem, nur rudimentär vorhandenen, Ohr zum anderen und war voller kleiner, spitzer Zähnchen, die den Karton mitsamt Inhalt so schnell zerlegten wie ein Akten-Schredder. Mehrere dicke Wälzer und ein ganzer Packen an Illustrierten verschwanden irgendwie in diese winzigen Wesen.

Als sie fertig waren, hatten sich ihre Bäuche wie Luftballons nach außen gedehnt. Die beiden hatten sichtlich Mühe, sich zu bewegen.

Das letzte, was Herr Pfütz von ihnen sah, war, wie sie sich mit ihren runden Murmeln zum Rand des Fensterbrettes kugelten, Arme, Beine und Kopf anlegten und sich einfach fallenließen.

Fortsetzung folgt in zwei Wochen…

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