Pfütz ermittelt: Das Berliner Bermuda-Dreieck (Kapitel 3)

Pfütz ermittelt: Das Berliner Bermuda-Dreieck (Kapitel 3)

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Kapitel 3 – Verbrecherjagd

Am nächsten Morgen stand Herr Pfütz etwas früher auf als sonst, trank seinen Kaffee (175ml/3mg) und stellte bei seinem obligatorischen Blick aus dem Fenster befriedigt fest, dass er den selbstlosen Geschenke-Machern zuvorgekommen war – sein Fensterbrett war noch vollkommen leer. Außerdem fielen ihm sofort die beiden Stühle ins Auge, die jemand auf die Straße gestellt hatte, um sich einen extra breiten Parkplatz zu reservieren.

Herr Pfütz gestattete sich ein kurzes Grinsen. Normalerweise hätte er sich an dieser Stelle über die Leute aufgeregt, die das Geld für ein richtiges `Parken verboten´-Schild sparen wollten, aber heute hätte man ihm keine größere Freude bereiten können.

Also griff sich Herr Pfütz den tags zuvor gepackten Rucksack und ging fröhlich pfeifend zur Bäckerei gegenüber. Er war so guter Laune, dass er sogar die seiner Meinung nach völlig überzogenen 2,50 Euro für ein stilles Wasser bezahlte ohne zu murren. Es ging ihm ja schließlich nicht um das Wasser. Die 2,50 Euro waren das Eintrittsgeld, das ihm einen Platz direkt an der großen Fensterfront der Bäckerei verschaffte. Für sein Vorhaben brauchte er optimale Bedingungen. Und so nutzte er den Umstand, dass er bislang der einzige Gast war, und zog von einem Tisch zum anderen, um verschiedene Perspektiven auszuprobieren. Schließlich entschied er sich für einen Stuhl, der durch eine kleine Zimmerpalme vor fremden Blicken von außen geschützt war.

Feinsäuberlich reihte er seinen kleinen Fotoapparat, sein Fernglas und seinen Notizblock nebeneinander auf. Er hatte immer gewusst, dass er den Feldstecher noch einmal brauchen würde.

Früher war er ein leidenschaftlicher Ornithologe gewesen, der Stunden um Stunden damit zubringen konnte, noch den unscheinbarsten braunen Vogel zu beobachten. Er war sogar mit einer festen Wandergruppe in ganz Deutschland herumgereist, um an Brutplätzen und Zwischenstationen der Zugvögel vollkommen bewegungslos im hohen Gras auf der Lauer zu liegen. Diesen – ich kann ihn bei dem Ausmaß von Herrn Pfütz´ Begeisterung einfach nicht als Zeitvertreib bezeichnen – Nebenberuf hatte er aufgegeben, als seine Frau die Idee von getrennten Schlafzimmern ins Spiel brachte, nachdem sein Wecker sie einmal zu oft um drei Uhr morgens wachgeklingelt hatte.

Aber ganz gleich, wie lange diese Zeiten zurücklagen: Die innere Ruhe, die er auf seinen Foto-Safaris entwickelt hatte, war ihm bis heute erhalten geblieben, und er war auch schon öfters wehmütig auf den Gedanken gekommen, seine Ausrüstung irgendwann wieder in Betrieb zu nehmen.

Herr Pfütz lehnte sich entspannt zurück. Das hier hatte er tatsächlich schon lange tun wollen. Und mit echten Menschen, denen man das Handwerk legen wollte, war das Beobachten sogar noch viel aufregender. Versteckt hinter der Palme und ausgerüstet mit Stift und Papier, um sich Täter und Zeitpunkt des Verbrechens zu notieren, wartete Herr Pfütz geduldig auf sein erstes Opfer.

Die ahnungslosen Missetäter fuhren zwei Wassergläser später mit ihrem Umzugswagen vor

Herr Pfütz war sofort hellwach. Mit seinem Fernglas beobachtete er hochkonzentriert, wie die drei jungen Männer Schränke, Tische, Stühle, Regale und gefühlt hunderte von Kisten hinunter auf den Bürgersteig trugen. Spätestens beim Einladen zeigte sich, dass es sich bei ihnen nicht um Profis handelte. Nach endlosem Einräumen, Ausräumen und Umstapeln passte dann aber doch alles mit mehr Glück als Verstand auf die Ladefläche. Zuletzt kam der Umziehende selbst die Treppe herunter – in seinen Armen eine Kiste, die prompt auf dem Fensterbrett im Erdgeschoss landete.

Das hast du dir so gedacht!

Herr Pfütz war außer sich vor Freude und schoss sogleich jede Menge Beweisfotos von dem Gesicht des Beschenkenden und dem Nummernschild des Fluchtfahrzeugs; einmal für die Polizei und einmal für sich selbst als Erinnerung an diesen denkwürdigen Tag.

Als der Umzugswagen abfuhr, eilte Herr Pfütz über die Straße nach Hause, um sofort das Ordnungsamt zu benachrichtigen. Mit vor Aufregung zittrigen Händen fischte er in seinem Rucksack nach dem Haustürschlüssel, als sein Blick beiläufig über sein Fensterbrett glitt. Das vollkommen leer war.

Herr Pfütz verharrte einen Moment regungslos, während sein mit einem Mal vollkommen leeres Gehirn mühsam versuchte, eins und eins zusammenzuzählen.

Ich habe das Fenster doch die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen! Wie kann der Karton einfach so verschwinden?

Er trat einen Schritt von der Haustür zurück und sah sich ungläubig in alle Richtungen um, aber es war weit und breit niemand zu sehen, der den Karton mitgenommen haben konnte. Herr Pfütz war wie vor den Kopf geschlagen. Er konnte sich das doch unmöglich alles nur eingebildet haben! In diesem Moment war er sich aber plötzlich nicht mal mehr sicher, ob er die Kiste tatsächlich gesehen hatte, und vielleicht hätte er in diesem Augenblick den ihm schon lange prophezeiten Nervenzusammenbruch erlitten, wenn er sich seiner geistigen Gesundheit nicht anhand der Beweisfotos hätte versichern können, die die Richtigkeit seiner Wahrnehmung zweifellos belegten

Nun wäre Herr Pfütz nicht Herr Pfütz, wenn er dieses sonderbare Ereignis einfach mit einem Achselzucken abgetan und sein Leben weitergelebt hätte. Nein. Ein Herr Pfütz ließ sich nicht so einfach überlisten! Doch genauso fühlte er sich, denn schließlich konnte er ohne den Karton nicht das Ordnungsamt anrufen. Irgendjemand wollte seine Bemühungen sabotieren. „So sind die Leute“, dachte Herr Pfütz, „da will man sich für sie einsetzen und so danken sie einem…“

Noch am Nachmittag, als er zu seinem täglichen Spaziergang – man könnte es auch Kontrollgang nennen – aufbrechen wollte, kreisten seine Gedanken um die verschwundene Kiste. `Wer?´ und `Wie?´ waren die beiden Fragen, die er für sich einfach nicht beantworten konnte. Herr Pfütz öffnete die Haustür. Vielleicht würde die frische Luft ihm dabei helfen, einen klaren Kopf zu bekommen. Diesmal versicherte er sich vor dem Schritt hinaus auf den Bürgersteig aber erst, ob nicht wieder irgendjemand eine Stolperfalle in den Weg gestellt hatte. Der gestrige Sturz reichte ihm fürs Erste.

Und plötzlich fiel es Herrn Pfütz wie Schuppen von den Augen: Der Umzugskarton war nicht als einziger spurlos verschwunden!

Herr Pfütz stürzte hinaus und lief hektisch vor seinem Wohnhaus auf und ab; mit der Nase am Boden wie ein Spürhund. Aber nein, nicht ein winziges Stückchen war übrig geblieben! Nicht von dem Karton, den er gestern mitsamt Inhalt von seinem Fensterbrett gestoßen hatte, nicht von dem davor und von keinem, den er je auf die Straße befördert hatte.

Die Stolperfalle und der Karton von gestern waren aber die einzigen, die er selbst weggeräumt hatte. Jetzt, da er dabei war, sich zurückzuerinnern, konnte er sich nicht entsinnen, auch nur eine der morgendlichen Kisten jemals bei seinen Nachmittagsrunden wiedergesehen zu haben. Es war völlig ausgeschlossen, dass ein Nachbar oder die Stadtreinigung jeden Tag so schnell reagierten, und er hatte auch nie von drinnen bemerkt, dass jemand tatsächlich die Geschenke angenommen hat. Selbst dann hätte derjenige doch den Karton stehengelassen…

Morgen würde er einen Anlauf nehmen, dachte sich Herr Pfütz. Wer die `zu verschenken´-Kisten abstellte, war auf einmal nicht mehr so interessant wie die Frage, was danach mit ihnen geschah.

Fortsetzung folgt in zwei Wochen…

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