Pfütz ermittelt: Das Berliner Bermuda-Dreieck (Kapitel 2)

Pfütz ermittelt: Das Berliner Bermuda-Dreieck (Kapitel 2)

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Kapitel 2 – Es geht doch nichts über ein Hobby

Herr Pfütz schnaubte verächtlich und wollte sich gerade wieder seinem Kaffee zuwenden, als sein Blick auf einem Buch haften blieb, das bei dem Sturz aus dem Karton gerutscht sein musste. Nun lag es bäuchlings zwischen alten Socken und getragenen Turnschuhen auf der Straße.

Der jugendliche Mann auf dem Cover blickte jedoch nicht im Mindesten vorwurfsvoll zu ihm herauf, sondern strahlte ihn im Gegenteil mit einem breiten Grinsen an, das von einem Ohr zum anderen reichte. Seine voller Elan zum Himmel gereckten Arme umrahmten den Titel: „Tun Sie, was Sie schon immer tun wollten – Ein Ratgeber zum Glücklich-Sein“.

Herr Pfütz verleierte die Augen. Genauso hatte gestern sein Chef geklungen.

„Machen Sie sich nichts draus, Pfütz. Es ist bestimmt erst mal ungewohnt, nicht mehr zu arbeiten, aber Sie werden sehen, dass Sie uns überhaupt nicht vermissen werden, sobald Sie sich eingelebt haben. Suchen Sie sich doch ein Hobby. Golfen, wie wäre das? Oder lernen Sie doch Doppelkopf.“

Herr Pfütz hatte ihn mit einem Blick angestarrt, der einem psychotischen Axtmörder im Horrorfilm alle Ehre gemacht hätte.

„Briefmarken sammeln? Nein?“ Sein Chef trat sicherheitshalber einen Schritt von ihm zurück. „Nun, Sie werden schon was finden, das Ihnen Spaß macht.“

Da sein Chef zwar noch recht jung war, aber kein Teenie mehr, der einem verrückten Axtmörder auch noch die Tür öffnen würde, hatte er an dieser Stelle den taktischen Rückzug angetreten.

Tun Sie, was Sie schon immer tun wollten… Der Satz ging Herr Pfütz selbst beim Ausspülen seiner Tasse noch immer durch den Kopf. Was war es denn, das er schon immer tun wollte? Ganz sicher nicht jeden Tag von früh bis spät allein in dieser Wohnung herumhängen, ohne zwischendurch so tun zu dürfen, als würde er gerne zur Arbeit gehen.

„Finden Sie was, das Ihnen Spaß macht… Dass ich nicht lache!“, presste Herr Pfütz zwischen den Lippen hervor. Normalerweise neigte er nicht zu emotionalen Ausbrüchen, aber heute rammte er seinen Kaffeebecher etwas fester als sonst in das Abtropfbecken der Spüle.

Das hätte er besser nicht getan, denn die zu Unrecht malträtierte Tasse quittierte die respektlose Behandlung, indem sie noch in seiner Hand zersplitterte und ihm als Abschiedsgruß eine Scherbe in die Handfläche stach. Bei Herr Pfütz´ momentaner Glückssträhne war es natürlich die größte von allen.

Herr Pfütz jaulte auf. „Das gibt´s doch nicht! Verdammt tut das weh!“ Als er die Scherbe herauszog, fing die Wunde erst richtig an zu bluten. Und da er eine ganze Weile brauchte, um die Kompresse zuzuschneiden und sich einen Verband anzulegen, hinterließ er in der Küche eine ziemliche Sauerei.

Mit Tränen in den Augen griff er nach der Küchenrolle – es war keine mehr da -, begnügte sich mit Klopapier und wischte die – wie er sich zur Beruhigung seines Magens einredete – Tomatensoße von der Anrichte. Schließlich stopfte er die Tücher zusammen mit den Scherben in eine Tüte und stürmte aus der Wohnungstür, um die sichtbaren Beweise seiner Schande so schnell wie möglich loszuwerden.

In diesem Moment hörte er wie eine gut gefüllte Mülltonne mit einem dumpfen Scheppern über die Haustürschwelle gezogen wurde. Aus den Augenwinkeln sah er sie gerade noch um die Ecke verschwinden.

Die nun folgende Reaktion von Herrn Pfütz kann ich Ihnen beim besten Willen nicht erklären. Es ist ja nicht so, dass diese Mülltonne für immer aus seinem Leben verschwinden und er nie wieder die Möglichkeit haben würde, seinen Beutel wegzuwerfen. Nur wenige Minuten später wäre der Mann von der Müllabfuhr mit frisch geleerter Tonne zurückgekommen und Herr Pfütz hätte seine Tüte genüsslich bis ganz nach unten gleiten lassen können.

Aber nein. Bei allem, was in seinem Leben gerade zu Bruch ging, wollte er, dass wenigstens eine Sache ausnahmsweise mal nach Plan lief. Herr Pfütz brauchte diese Tonne. Und er brauchte sie jetzt.

„Halt!“, rief er dem Müllmann hinterher, sprintete zur sich gerade schließenden Haustür, quetschte sich ohne anzuhalten durch den Spalt – und fiel über einen weiteren Karton, den jemand direkt vor der Tür abgestellt hatte.

Herr Pfütz konnte sich gerade so mit den Händen abfangen, bevor sein Gesicht auf der Gehwegplatte aufschlug. Seine Tüte rutschte ihm dabei aus der Hand, beschrieb einen eleganten Bogen in der Luft und landete schließlich neben der Linde. Nicht in dem Hundehaufen. Das wäre zwar lustiger, aber da dies hier eine Geschichte nach wahren Begebenheiten ist, müssen wir uns mit der banalen Realität begnügen, die leider keinerlei Sinn für Dramaturgie hat.

Herr Pfütz hatte sich inzwischen aufgerappelt und schlurfte zu dem Baum hinüber. Vermutlich lag es nur am Licht, aber sein Haar war mit einem Mal ergraut. Er bückte sich, um seine Tüte und die letzten Reste seiner Würde vom Boden aufzusammeln, und reichte erstere dem herbeigeeilten Müllmann, der sich alle Mühe gab, nicht in schallendes Gelächter auszubrechen. Letztere behielt er; in der Hoffnung, sie vielleicht wieder zusammenkleben zu können.

Um seinen aufgeschlagenen Knien eine kurze Erholungspause zu gönnen, bevor er zurück in seine Wohnung humpelte, sah sich Herr Pfütz die Anschläge an der Borke genauer an. „Klangschalen-Meditation“ stand dort zu lesen. Und „Vegan kochen“. Herr Pfütz hatte gerade beschlossen, dass seine Knie doch nicht genug schmerzten, um sich diesen Quatsch durchzulesen, als ihm zwischen all der bunten Bilder von, sich im inneren Gleichgewicht befindlichen, Menschen ein sehr unscheinbares Blatt ins Auge fiel. Auf diesem weißen Stück Papier stand einfach nur ein Wort geschrieben; ohne Abreißzettelchen mit Kontaktdaten: „Jetzt“

„Also schön“, dachte sich Herr Pfütz. „Ihr wollt wissen, was ich schon immer tun wollte? Könnt ihr haben. Aber ich glaube nicht, dass es euch gefallen wird.“

Herr Pfütz ging zu dem umgeworfenen Karton von heute Morgen hinüber und sammelte die herausgefallenen Gegenstände ein. Das Buch mit dem grinsenden Coach riss er vorher in der Mitte durch. Dann ging er zu dem zweiten Karton von gerade eben und tat dasselbe. Als der Müllmann mit der frisch geleerten Tonne zurückkam, hielt Herr Pfütz ihn an und warf beide Kisten hinein.

„Das waren die letzten beiden“, erklärte er dem Müllmann mit ruhiger, aufgeräumter Stimme als gäbe er ihm ein feierliches Versprechen. „Ich sorge dafür, dass das aufhört.“

„Wie Sie meinen“, sagte sein teilnahmsloses Gegenüber und fuhr an ihm vorbei, ohne einen weitere Gedanken an ihn zu verschwenden. Er begegnete bei seiner Arbeit vielen seltsamen Menschen.

Herr Pfütz aber dachte den ganzen Tag über an nichts anderes. Und schließlich hatte er eine Idee.

Fortsetzung folgt in zwei Wochen…

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