Pfütz ermittelt: Das Berliner Bermuda-Dreieck (Kapitel 12)

Pfütz ermittelt: Das Berliner Bermuda-Dreieck (Kapitel 12)

Was bisher geschah: Hier geht zurück zum ersten Kapitel.


Kapitel 12 – Kreative Maßnahmen

Eigentlich hatte Herr Pfütz nach seiner kürzlichen Selbsterkenntnis eher kleinere Veränderungen im Sinn gehabt. Aber wie das eben so war, wenn man sich auf andere Menschen einließ, fand er sich mit einem Mal in einer völlig ungewohnten Rolle wieder, die er sich freiwillig nicht ausgesucht hätte. Vor Kurzem wäre er darüber vor lauter Schreck in seine Wohnung geflüchtet. An diesem Tag entschloss er sich jedoch, zu bleiben. Obwohl er nicht mal wusste, worauf genau er sich eingelassen hatte. Dementsprechend unruhig trat er von einem Fuß auf den anderen, während sein Nachbar die Plakatmasse um den Laternenmast abklopfte.

»Warum dauert das so lange?«

»Was soll ich sonst tun, Feuer legen?«

»Ist ja schon gut. Beeilen Sie sich einfach. Uns wird noch jemand hören …«

Herr Heinemann machte eine wegwerfende Handbewegung. »Jetzt seien Sie nicht so verdammt nervös! Es ist nicht verboten, sich seltsam zu benehmen. Da! Da kommt wieder einer!«

Herr Pfütz hielt die Katzentransportbox an den Eingang des Baus und öffnete die Klappe. Die Box schaukelte leicht und fühlte sich etwas schwerer an. Sofort ließ er die Klappe wieder herunterfallen. »Jetzt haben wir alle sechs. Geben Sie mir das Messer.«

Die dicke Masse aus Pappmaché und Klebeband an zwei Stellen aufzuschneiden, gestaltete sich schwieriger als gedacht. Herr Pfütz stürzte sich mit vollem Körpereinsatz in die Arbeit.

»Warum diese Hektik?«, fragte Herr Heinemann. »Uns wird schon niemand sehen, es ist fast mitten in der Nacht.«

»Ich will nicht, dass sie uns doch noch entwischen«, keuchte Herr Pfütz.

»Die Box ist aus Plastik, da kommen sie nicht raus.«

Herr Pfütz hielt kurz inne, um seinem Nachbarn die zerfressene Schuhsohle zu zeigen. Herr Heinemann verstand sofort und begann seine Krücke wie einen Hebel in den entstandenen Spalt zu stemmen. Zusammen schafften sie es schließlich, das Nest aufzubrechen. Herr Pfütz griff sich beide Hälften und legte die Box wie bei einem Sandwich dazwischen. Vielleicht würde die gewohnte Umgebung die Wesen lange genug beruhigen und von einem Ausbruchsversuch abhalten.

»Was mache ich hier nur?«, fragte sich Herr Pfütz immer wieder, während er mit seiner Fracht zur Haustür sprintete. Herr Heinemann hatte glücklicherweise daran gedacht, sie offenzulassen, und Herrn Pfütz´ Tür war nur herangezogen.

Endlich geschafft!

Erleichtert ließ er die Pappmaché-Hälften und die Box im Wohnzimmer zu Boden gleiten. Zum Glück hatten sie sich noch nicht durchgenagt. Dennoch verlor Herr Pfütz keine Zeit und bestrich die Schnittflächen reichlich mit Sekundenkleber. Dann setzte er das Nest mehr schlecht als recht wieder zusammen. »Kein Kunstwerk, aber immer noch besser, als wenn die Bagger es zerrissen hätten«, beurteilte er sein Werk.

Nachdem er die Box so nah wie möglich an den Eingang herangeschoben und die Klappe geöffnet hatte, zog Herr Pfütz sich erst mal ins Bad zurück, um die Wesen zur Ruhe kommen zu lassen. Da er nach der ungewohnten Anstrengung etwas verschwitzt war, entschloss er sich bei der Gelegenheit zu einer ausgiebigen Dusche. Das hatte er sich bei so einem Tagesstart verdient.

Das Klopfen hörte er erst, als er das Wasser abdrehte. In seinen Morgenmantel gehüllt, schlich er auf Zehenspitzen in den Flur und öffnete Herrn Heinemann die Wohnungstür. »Entschuldigen Sie, ich wusste nicht, dass Sie gleich vorbeikommen wollten, sonst hätte ich nicht …«

»Gehen Sie in Ihr Wohnzimmer«, unterbrach ihn Herr Heinemann. »Ich habe es durch Ihr Fenster gesehen.«

Herr Pfütz brauchte nur einmal kurz um die Ecke zu schauen und schon wurde ihm klar, dass seine Rücksicht auf die sicherlich verschreckten Wesen vollkommen unnötig gewesen war. In den wenigen Minuten seiner Abwesenheit hatten sie bereits den Großteil der Einrichtung durch ihre Reißwolf-Zähne gedreht. Die Couch wirkte ohne ihren Textilbezug wie ein Gerippe, der Fernseher war vermutlich den vereinten Kräften von Bernd und Timmy zum Opfer gefallen und die anderen drei hatten seine Schrankwand mitsamt allen Büchern verschlungen.

»Es tut mir schrecklich leid«, meldete sich Herr Heinemann zu Wort. »Ich dachte wirklich, sie würden nur Abfall fressen. Oder wenigstens Dinge, die man nicht mehr braucht. Sonst wären doch auch Türen und Verkehrsschilder nicht vor ihnen sicher …«

Herr Pfütz ging vorsichtig zu den Resten seiner Couch. Trotz allem wollte er nicht versehentlich eines der Wesen verletzen, die als unsichtbare Fellkugeln überall herumliegen konnten. Er schob die Hand tief in das Drahtgestell hinein, in das einzige Versteck, das seine Schwester bislang nicht entdeckt hatte. Als er mit den Fingern gegen den Karton stieß, den er damals vor ihrer Aufräumaktion gerettet hatte, wusste er, dass sein Nachbar recht hatte: Die Wesen fraßen nichts, was man noch braucht.

Mit der Kiste in der Hand setzte sich Herr Pfütz an die Stelle, an der früher sein Tisch gestanden hatte, und sah sich in seinem nun viel größer wirkenden Wohnzimmer um.

Na gut. Dann fang ich eben noch mal von vorne an.

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