Pfütz ermittelt: Das Berliner Bermuda-Dreieck (Kapitel 11)

Pfütz ermittelt: Das Berliner Bermuda-Dreieck (Kapitel 11)

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Kapitel 11 – Der Heinzelmann

Irgendwann musste Herr Pfütz auf dem Sofa eingeschlafen sein. Er konnte sich beim besten Willen nicht mehr erinnern, wann ihm so etwas das letzte Mal passiert war, aber schon bei der ersten Bewegung fiel ihm wieder ein, wieso er sein Bett bei Weitem vorzog: Er fühlte sich wie gerädert. Betont langsam richtete er sich Wirbel für Wirbel auf, um seine Gelenke in die richtige Position springen zu lassen. Dann streckte er mit einem herzhaften Gähnen beide Arme zur Decke und blinzelte in das helle Tageslicht.

War es etwa schon Mittag? Da hatte seine Schwester ihn aber gehörig aus der Bahn geworfen.

»Was für ein Tag«, murmelte er.

Am liebsten hätte er sich eine ausgiebige Dusche gegönnt, doch das Bad war so schrecklich weit weg. Also ließ er sich zurücksinken und sah sich nach etwas zu lesen um, damit er ohne schlechtes Gewissen noch ein wenig sitzen bleiben konnte. Das Einzige, was sich in unmittelbarer Reichweite befand, war jedoch der Zettel seines Nachbarn. Herr Pfütz hatte eigentlich auf spannendere Lektüre gehofft, daher glättete er das zerknüllte Papier ohne echtes Interesse, doch schon nach den ersten Zeilen war er hellwach:

»Die Fahrbahn wird auf der gesamten Länge der Straße verbreitert, um einen Radweg anzulegen. In der Zeit vom … bis zum … werden dafür sämtliche Bäume und die Straßenbeleuchtung zurückgebaut.«

Den Rest überflog Herr Pfütz nur noch grob, während er sich zur Küche vortastete und mit seiner freien Hand den Wasserkocher füllte.

Was würde aus den Plakatwichteln werden? Konnten sie einfach in ein neues Revier ziehen und ihre Gänge in andere Posterrückstände nagen? Oder dauerte es Jahre, um sich woanders anzusiedeln?

Herr Pfütz war derart in beunruhigende Ahnungen versunken, dass er mit einem spitzen Schrei zusammenzuckte, als ihn etwas am Bein berührte.

Zu seiner großen Erleichterung war es nur Molly.

Herr Pfütz atmete einige Male tief ein und aus. Die Katze hatte er völlig vergessen. Sie strich um ihn herum und mauzte auffordernd, als würde sie tatsächlich schon immer bei ihm wohnen.

»Wo hat er dich nur so schnell hergeholt?«, wunderte sich Herr Pfütz.

Hatte sein Nachbar die erste schwarze Katze, die ihm über den Weg gelaufen war, eingefangen? Sie gehörte doch sicherlich jemandem! Warum glaubten eigentlich alle, sich in sein Leben einmischen zu können?

»Das muss aufhören«, erklärte er einer mit schief gelegtem Kopf lauschenden Molly, die sich bereitwillig von ihm auf den Arm nehmen und zur Wohnungstür tragen ließ.

Sein Nachbar im Hinterhaus öffnete ihm schon nach dem ersten Klopfen.

»Herr Heinemann«, begann Herr Pfütz, »Sie wollen sicher nur helfen, aber Sie müssen die Katze wieder zurückbringen.«

»Sie wollten das arme Tier doch nicht etwa aussetzen?«

Herr Pfütz verneinte entschieden und schwor, dass ihm so etwas nie in den Sinn kommen würde.

»Warum freuen Sie sich dann nicht, sie wiederzuhaben?«

Das hätte ich mir wirklich vorher überlegen sollen …

»Molly sieht meiner Katze zwar sehr ähnlich, doch sie ist es nicht.«

Herr Heinemann ließ nicht locker: »Ihre Wohnung scheint sie aber zu kennen. Sonst wäre sie nicht so bereitwillig hineingelaufen.«

Konnte der Mann ihm nicht einfach glauben?

»Also schön«, gab Herr Pfütz mit einem Seufzen nach. »Ich habe neulich gelogen. Ich habe keine Katze und daher muss Molly jemand anderem gehören. Ich kann sie nicht behalten.«

Damit drückte er seinem Nachbarn die Katze in die Arme. Herr Heinemann strahlte ihn widererwartend an.

»Was sagt man dazu: Endlich ein wahres Wort aus Ihrem Munde … Molly ist meine Katze«, fügte Herr Heinemann auf Herrn Pfütz´ fragendes Gesicht hinzu. »Sie ist eine begnadete Schauspielerin, finden Sie nicht auch? Aber kommen Sie doch einen Augenblick herein. Wir beißen nicht.« Dann nutzte er die Verwirrung seines sonst so menschenscheuen Nachbarn, um ihn in die Wohnung zu ziehen.

»Ich verstehe Sie nicht«, stammelte Herr Pfütz, der nach einer beruhigenden Tasse Tee langsam seine Sprache wieder fand. »Wieso machen Sie sich Mühe? Können Sie sich nicht einfach aus dem Leben Ihrer Nachbarn heraushalten, wie jeder normale Mensch?«

»Gönnen Sie einem alten Mann doch seinen Spaß. Außerdem wollte ich sichergehen, woran ich an Ihnen bin. Und Molly hat sicherlich nichts gegen einen kleinen Ausflug in ihr früheres Zuhause.«

Herr Pfütz war mit einem Mal ganz Ohr. Er hatte nicht vorgehabt, so lange zu bleiben, aber schließlich sprachen sie schon bei der zweiten Runde Tee über Herrn Heinemanns Leben. Auch er hatte einen Verlust erlitten und war danach in diese kleinere Wohnung gezogen. Als Herr Pfütz erfuhr, dass sein Nachbar viele Jahre als Fotograf gearbeitet hatte, kam ihm ein drängender Verdacht.

»Haben Sie auch unsere Gegend fotografiert?«, tastete er sich vor.

»Sie meinen den Blick aus dem Fenster … den Bürgersteig … oder sagen wir: einen bestimmten Laternenmast?«

Herr Pfütz hüpfte mit einem Mal auf der Couch auf und ab. »Oh mein Gott! Sie wissen es!«, rief er begeistert. Der plötzliche Lärm schreckte zwei weitere Katzen auf, die bisher gemütlich im Bücherregal geschlafen hatten. »Wieso haben Sie mich nicht darauf angesprochen?«

»Ich wusste nicht genau, ob Sie Bescheid wissen, und wollte Sie nicht erschrecken. Außerdem hätten Sie es nie zugegeben. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich damals allen auch nur im entferntesten verfänglichen Fragen ausgewichen bin, als ich gerade von den kleinen Kerlchen erfahren hatte.«

Herr Pfütz konnte kaum glauben, dass Herr Heinemann in all den Jahren nie jemandem von seiner Entdeckung erzählt hatte, aber sein Nachbar verneinte. Er hatte weder sich noch die Wesen ins Rampenlicht stellen wollen.

»Dann sind Sie also in eine andere Wohnung gezogen und haben sie sich aus dem Kopf geschlagen? Ich habe Sie in den letzten zwei Jahren nie mit einer Kamera den Bürgersteig auf und ab laufen sehen.«

»Nicht so ganz, nein«, meinte Herr Heinemann mit blitzenden Augen. Da war es wieder: Sein spitzbübisches Grinsen, das ihn gleich um zehn Jahre jünger machte. Er deutete mit dem Kopf in Richtung eines korpulenten Schranks. Herr Pfütz trat unschlüssig hinzu, folgte aber einer erneuten Aufforderung und drückte die Klinke herunter.

Das Innere war von oben bis unten mit Kartons gefüllt. Kartons in allen Größen, Formaten und Farben.

»Sie sind das!«, entfuhr es Herrn Pfütz, der seine ursprüngliche Mission über all den Aufregungen der letzten Tage fast vergessen hatte. »Sie stellen jeden Morgen die Kisten auf mein Fensterbrett!«

»Noch ein Grund mehr, Sie nicht auf die Wesen anzusprechen. Ich dachte mir schon, dass Sie nicht erfreut wären … Tatsächlich springe ich aber nur ein- zweimal die Woche ein, wenn niemand anderes etwas dagelassen hat. Dann bringe ich schnell mein Altpapier herunter, bevor Sie aufwachen.«

Herr Pfütz war jedoch nicht verärgert. Stattdessen fühlte er sich erneut so ausgelaugt, dass er sich tief in die Kissen sinken ließ.

»Sagen Sie«, meinte er nach längerer Pause zu Herrn Heinemann, »Haben Sie jemals einen alten Teddybären hinausgestellt?«

Herr Heinemann ließ sich mit der Antwort Zeit, bis Herr Pfütz ihm in die Augen sah. »Niemand hat Schuld am Tod Ihrer Familie.« Nicht er, der zwar zufüttere, aber nichts dazu beigetragen hatte, dass Herrn Pfütz´ Fensterbrett zu einem Ablageplatz für Kartons wurde, und auch nicht die Eltern, die den Teddy dort abgestellt hatten. »Und auch Sie selbst nicht«, ergänzte Herr Heinemann nach längerer Pause, »der es seiner Frau überlassen hat, den Bären zurückzubringen.«

Herr Pfütz saß eine ganze Weile schweigend da und beobachtete gedankenverloren wie Molly von oben die Armlehnen des Sessels herunterkletterte und von dort auf seinen Schoß. »Wenn Sie wussten, was passiert ist, warum setzen Sie mir dann seit zwei Jahren immer wieder neue Kisten vor die Nase?« Seine Stimme war so laut geworden, dass die Katze erschrocken zu ihm aufsah, also begann er sie zu streicheln und beruhigte sich dabei selbst am meisten. »Müssen Sie mich ständig daran erinnern?«

Sein Nachbar wirkte nicht im mindesten schuldbewusst. »Ja«, meinte er schließlich. »Ja, ich habe mit Absicht nicht damit aufgehört. Ich fühle mich für die Wesen verantwortlich, seit sie mich damals aufgeheitert und zurück ins Leben geholt haben. Und mit Ihnen habe ich es auch nur gut gemeint«, fuhr Herr Heinemann fort. »Sie haben einfach so weitergelebt wie immer. Sie haben alles beiseitegeschoben, um es den Leuten recht zu machen. Aber glauben Sie mir, Jungchen, Sie können vor Ihrem alten Leben nicht einfach davonlaufen und es hinter sich lassen. Es ist ein Teil von Ihnen, ob Sie nun wollen oder nicht …«

Herr Pfütz hätte ihn gerne zurechtgewiesen, aber in diesem Moment wurde ihm klar, dass er nach über zwei Jahren noch immer keine Ahnung hatte, wie man mit einem Verlust umgehen sollte. Er wusste nur, dass seine Schwester und alle, die er kannte, ihm das Gegenteil geraten hatten. Und hier war er nun. Vielleicht war eine andere Herangehensweise doch einen Versuch wert.

Sein Nachbar goss ihm eine weitere Tasse Tee nach und tätschelte ihm den Arm. »Lassen Sie es wirken, das war eine ganze Menge. Aber in der Zwischenzeit könnten Sie sich schon mal aus Ihren vier Wänden herauswagen und mir helfen. Ich habe eine Idee, wie wir unsere kleinen Freunde retten können. Das Problem ist nur, dass sie sich garantiert nicht mit meinen Katzen verstehen. Kann ich auf Sie zählen?«

Fortsetzung folgt in wenigen Minuten …

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