Pfütz ermittelt: Das Berliner Bermuda-Dreieck (Kapitel 10)

Pfütz ermittelt: Das Berliner Bermuda-Dreieck (Kapitel 10)

Was bisher geschah: Hier geht zurück zum ersten Kapitel.


Kapitel 10 – Ungebetene Gäste

„Sabine“, entfuhr es Herrn Pfütz, der wie angewurzelt stehen blieb. „Was machst du denn hier?

Seine Schwester nahm in aller Ruhe einen Zug von ihrer Zigarette.

„Lass mich überlegen: Du hast übermorgen Geburtstag, heute ist Samstag, also bin ich wohl das Wochenende vor deinem großen Tag nach Berlin gefahren, um dich zu besuchen.“

Herr Pfütz verzog das Gesicht. „Wie jedes Jahr“, ergänzte er.

„Genau.“ Sabine zog sich am Griff ihres Koffers auf die Beine, zertrat ihre Zigarette und baute sich mit verschränkten Armen vor ihrem Bruder auf. „Du hast es wirklich vergessen, oder?“

„Ich hatte viel … zu tun“, antwortete Herr Pfütz automatisch, bevor ihm mitten im Satz einfiel, dass er  frühpensioniert war.

Seine Schwester sah ihn entsprechend ungläubig an.

„Wartest du schon lange?“

„Es geht so“, ließ sie ihn vom Haken. „Hilfst du mir rein?“

Erleichtert griff sich Herr Pfütz ihren knallroten Koffer. Er war nicht besonders groß, wog aber gefühlt eine halbe Tonne. Herrn Pfütz schwante nichts Gutes.

„Warte bis du siehst, was für tolle Bücher ich dir mitgebracht habe“, bestätigte Sabine seine schlimmsten Befürchtungen. „Es gibt ja so viel Material! Aber keine Sorge, ich habe für dich eine Vorauswahl getroffen.“

„Da bin ich aber froh“, wollte Herr Pfütz eigentlich sagen, biss sich jedoch auf die Zunge. Sarkasmus war so etwas wie Sabines Erzfeind.

Sie müssen wissen, dass Herrn Pfütz´ Schwester es sich zur Aufgabe gemacht hatte, ihr Leben und das ihrer Mitmenschen mit so viel positiver Energie zu füllen wie nur irgend möglich. Kein Selbsthilfe-Buch, das sie nicht gelesen, und kaum ein Gesundheits-Ratgeber, den sie nicht ausprobiert hätte. Für sie stand zweifelsfrei fest, dass es  aus dem Wald heraus schallte, wie man in ihn hineinrief, also war jedes Unglück auf eine falsche Lebenseinstellung zurückzuführen.

Ihr Bruder war für sie ein besonders schwieriger Fall.

Er war schon immer der ruhige Typ gewesen, der selten aus sich herauskam und nicht gerade vor Lebensfreude überschäumte. Aber nach dem tragischen Unfalltod seiner Familie übergab er sich vollends seinen negativen Gedanken und Empfindungen. Ein halbes Jahr schwelgte er nur in Erinnerungen, umgab sich mit Fotos, veränderte kein Detail und lebte in einer Art Zeitblase, in die nichts Neues aus der Gegenwart eindringen konnte.

Schließlich ertrug Sabine es nicht länger und mischte sich ein.

Zu ihrem Erstaunen ließ er sie machen.

Er saß einfach nur reglos da, während sie die Bilder und alle anderen Erinnerungsstücke in eine Kiste packte und seine Wohnung umdekorierte. Von Pflanzkübeln, über Bettwäsche bis hin zur Tapete: Überall verteilte sie fröhliche Farbkleckse, die Frühling und Neubeginn in seine vier Wände locken sollten. Erst als sie die Kiste entsorgen wollte, griff er ein. Das würde er selbst erledigen, versprach er ihr.

„Denk dran“, hatte sie ihm eingeschärft, „die Lebensfreude kommt erst zu dir zurück, wenn du sie einlädst.“

Seitdem vergewisserte sie sich regelmäßig, ob sich ihr Bruder an ihre Anweisungen hielt und nicht wieder in Trübsinn verfiel.

Falls Herr Pfütz gehofft hatte, dass die missglückte Begrüßung den Enthusiasmus seiner Schwester bremsen würde, hatte er sich getäuscht. Ihre Zurückhaltung hielt genau bis zu dem Moment, in dem die Wohnungstür hinter ihr ins Schloss fiel.

„So“, übernahm sie wie immer das Kommando. „Schauen wir mal, was wir hier haben …“

Damit begann die neuerliche Inspektion seiner Wohnung. Zimmer um Zimmer arbeitete sich Sabine durch seinen Alltag. Auf der Suche nach allem, was auf eine negative Lebenshaltung hinweisen könnte.

„Eigentlich ist es sogar gut, dass du mich nicht erwartet hast“, meinte Sabine, als sie gerade seinen Nachttisch kontrollierte. Sein gemachtes Bett hatte sie mit einem anerkennenden Nicken bedacht. „Da konntest du nichts aus dem Weg räumen, das ich nicht sehen soll.“

Herr Pfütz erstarrte augenblicklich. Die Kameras! Wenn sie die fand, war er verloren!

Aber zu spät: Flink wie ein Wiesel huschte sie an ihm vorbei und schon stand sie mitten im Wohnzimmer.

„Bitte sag mir, dass du nicht wieder mit deiner Vogelbeobachtung angefangen hast!“

„Wieso nicht?“, stieg Herr Pfütz darauf ein. Diese Erklärung für seinen Aufbau aus Camcorder, Fotoapparat und Fernglas war besser als jede andere, die ihr hätte in den Sinn kommen können.

Sabine ließ den Blick über die Schrankwand gleiten, über die Ränder der Bilderrahmen auf der Tapete und schließlich über den Morgenmantel, den er sonst ganz hinten im Schrank versteckte, sobald er von ihrem Besuch erfuhr.

Seine Schwester verdrehte die Augen. „Den solltest du doch wegwerfen.“

Herr Pfütz wies darauf hin, dass er ein Geschenk seiner Frau war und er nicht alles weggeben konnte, was ihn an früher erinnerte.

„Das hatten wir doch schon, Bruderherz. Jeder, den du fragst, wird dir sagen, dass du loslassen musst. Es ist ganze zwei Jahre her. Du bist auf dem richtigen Weg: Du schaust nach vorne, wie ich es dir geraten habe. Und dann erlaubst du dir diesen Rückfall … Ich muss einfach öfter nach dir sehen.“

„Was weißt du denn schon?“, fragte Herr Pfütz so leise, dass er dachte, sie würde ihn nicht hören. Hatte sie aber.

„Wie bitte?“

„Was weißt du denn schon?“, wiederholte er.

Sabine schnaubte unwirsch. „Wo kommt das jetzt auf einmal her? Ich beschäftige mich seit Jahren mit Lebensführung und will dir nur helfen.“

„Dann verrat mir mal, wieso du immer noch nicht mit dem Rauchen aufgehört hast.“

Seine Schwester funkelte ihn böse an. Dann stand sie energisch auf und griff nach dem Morgenmantel auf der Sessellehne.

Herr Pfütz schob sich dazwischen.

„Lass das!“, fuhr er sie an. „Finger weg von meinen Sachen! Ich habe getan, was du gesagt hast, aber es geht mir nicht besser. Schau dich mal um: Du hast mir alles verboten, das mich an die Vergangenheit erinnert, und jetzt sitze ich Tag für Tag in einer leeren Wohnung. Und beobachte Vögel!“, ergänzte er mit einer ausladenden Armbewegung, mit der er die ganze Absurdität seiner Situation zu greifen versuchte.

Ein Klopfen an der Tür unterbrach ihn in seinem Redeschwall.

Draußen stand Herr Heinemann – eine schwarze Katze auf dem Arm, die sogleich auf den Boden sprang und an Herrn Pfütz vorbei in die Wohnung schoss.

„Na, da ist aber jemand froh, wieder zu Hause zu sein“, meinte Herr Heinemann mit einem Lächeln. „Nichts zu danken. Und oh, bevor ich es vergesse: Das hier war draußen angeschlagen.“ Er hielt Herrn Pfütz das Blatt Papier entgegen, das ihm beim Reinkommen aufgefallen war. „Wir beide sollten unbedingt etwas unternehmen, finden Sie nicht auch?“

Herr Pfütz wollte ihm gerade höflich zu verstehen geben, dass er im Augenblick wirklich keine Zeit für ihn hatte, als Sabine zu ihm trat – seinen Fotoapparat in ihren Händen.

„Was hast du denn da geknipst?“, fragte sie und brachte damit das Fass zum Überlaufen.

„Raus! Raus! Raus!“, schrie Herr Pfütz sie an und schubste sie dabei in Richtung Wohnungstür. Als sie sich völlig sprachlos zu ihm umwandte, drückte er ihr den Griff ihres Koffers in die Hand. Dann entwand er ihr die Kamera und schlug ihr die Tür vor der Nase zu.

„Geh einfach weg“, beschwor er sie in Gedanken. Und tatsächlich hörte er Räder über den unebenen Fußboden poltern und kurz darauf die ins Schloss fallende Haustür.

Dennoch klopfte es an seiner Tür.

„Was?“, blaffte er sein Gegenüber an, noch bevor er ganz geöffnet hatte.

Herr Heinemann musterte ihn interessiert. Dann drückte er ihm den Zettel an die Brust, sodass Herr Pfütz ihn doch noch annahm.

„Nur für den Fall, dass Sie es sich überlegen wollen. Die Katze heißt jetzt übrigens Molly“, ergänzte er im Gehen.

Herr Pfütz schloss die Tür hinter sich und lehnte die Stirn dagegen. Endlich Ruhe. Das verlangte nach einem extra großen Kakao.

In die Küche schaffte er es aber nicht mehr.

Schon nach wenigen Schritten spürte er Entkräftung in sich aufsteigen. Als hätte sein kurzer Ausbruch all seine übrigen Energiereserven verbraucht. Er schwankte zum Sofa und ließ sich hineinfallen wie ein Stein.

Endlos lange saß er nur da, den Blick starr geradeaus auf die Schrankwand gerichtet. Auf das leere Regalbrett, auf dem vor seinem inneren Auge immer die Fotos seiner Familie stehen würden.

Dann legte er den Kopf in die Hände und weinte.

Fortsetzung folgt in zwei Wochen …

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