© AH Pfütz ermittelt: Das Berliner Bermuda-Dreieck (Kapitel 1)

Pfütz ermittelt: Das Berliner Bermuda-Dreieck (Kapitel 1)

Kapitel 1 – Ein nicht ganz gewöhnlicher Morgen

Herr Pfütz war wieder einmal mit dem falschen Fuß aufgestanden. Da ihm das bereits gestern passiert war, hatte er heute um jeden Preis zuerst das andere Bein aus dem Bett schieben wollen, aber nach dem Weckerklingeln war er noch so verschlafen gewesen, dass er zu spät daran gedacht hatte. Und schon war es passiert.

„Na wunderbar“, murmelte er auf dem Weg ins Bad vor sich hin, „noch so ein Tag…“

Falls Sie ein besonders mitfühlender Mensch sind und nun, obwohl Sie bisher rein gar nichts über ihn wissen, so etwas wie Mitleid für diesen Mann in sich aufsteigen spüren, möchte ich Sie an dieser Stelle beruhigen: Der heutige Tag konnte für ihn unmöglich genauso schlimm werden wie der gestrige.

Schließlich wird man nur selten zwei Mal hintereinander frühpensioniert. Und selbst das ist doch eigentlich kein Anlass zum Trübsal blasen: Immerhin hatte Herr Pfütz nun so viel Freizeit wie noch nie zuvor in seinem Leben.

Bisher haben Sie also über unseren Helden erfahren, dass er zu maßloser Übertreibung und Pessimismus neigt. Kein besonders positiver erster Eindruck, wenn Sie mich fragen.

Herr Pfütz hatte sich inzwischen kaltes Wasser ins Gesicht gespritzt, den Schlaf aus seinen Schweinsäuglein gerieben, seine Sorgenfalten gezählt – sie waren alle noch da – und den extra flauschigen Morgenmantel mit blauem Karo-Muster übergeworfen, den er vor vielen Jahren von seiner Frau geschenkt bekommen hatte. Dann schlurfte er in die Küche und nutzte seine neugewonnene Freizeit, indem er jeden Handgriff im Schneckentempo ausführte.

175ml Wasser und 3mg Kaffeepulver.

Herr Pfütz streckte die Zungenspitze zwischen die Lippen, während er die genaue Kaffeemenge auf seiner Küchenwaage abwog.

Sie und ich würden zum Messen wahrscheinlich einen gehäuften Teelöffel verwenden, aber Herr Pfütz legte großen Wert auf Genauigkeit. Und Pünktlichkeit. Und natürlich auf Ordnung. Deshalb trat er auch mit seinem dampfenden Kaffeebecher ins Wohnzimmer und kurbelte als erstes die Rollläden hoch, um einen Blick auf die Straße vor seinem Fenster zu werfen.

Für einen Moment ließ er die Augen über die gesprungenen Gehwegplatten wandern, zwischen denen sich Löwenzahn und anderes Unkraut der Sonne entgegen streckten. Sein Blick wurde kurzzeitig von einem beachtlichen Hundehaufen gefesselt, der nur von dem schwarzen Ungetüm aus dem dritten Stock produziert worden sein konnte, um dann den Stamm der Linde direkt vor seinem Fenster hinaufzuwandern. Seit einigen Monaten war dieser Baum zu einer Art Anschlagbrett für esoterisch veranlagte Menschen geworden und so prangten auch heute wieder jede Menge Abreißzettel für Yoga-Stunden und geführte Meditationen auf der großflächig beklebten und gepinnten Borke.

Aber all das war es nicht, das Herr Pfütz jeden Morgen zum Fenster trieb. Er suchte nach etwas ganz Bestimmten. Und tatsächlich: Da stand er. Der unvermeidliche Karton mit der Aufschrift `zu verschenken´. Abgestellt auf seinem Fensterbrett.

An dieser Stelle müssen wir Herr Pfütz für einen kurzen Moment seinen sich verdüsternden Gedanken überlassen, um Ihnen den nötigen Kontext nachzuliefern: Als erstes sollten Sie wissen, dass Herr Pfütz im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg lebt; bekannt für wunderschön sanierte Altbauten aus dem späten 19./frühen 20. Jahrhundert, für Straßencafés, Öko-Läden und die vielfach karikierten, Cappuccino schlürfenden Mütter vom Kollwitz-Platz.

Zur ecological correctness gehört es hier natürlich auch, Dinge, die man nicht mehr braucht, nicht einfach wegzuwerfen, sondern sie zwecks Suche eines Nach-Besitzers am Straßenrand abzustellen. Anfangs mag die Idee gar nicht schlecht gewesen sein, doch inzwischen verwechseln viele Leute den Straßenrand mit einer Mülldeponie. Die Worte `zu verschenken´ prangen heute allzu oft wie Hohn auf absolut unreparierbarem Sperrmüll und versifften Küchengeräten.

Herr Pfütz´ Fensterbrett hatte sich über die Jahre zu einem Hauptumschlagsplatz entwickelt – extra breit und in der Nähe einer Kreuzung, falls sich doch einmal das Ordnungsamt blicken ließ und man eine Option für einen schnellen Abgang brauchte. Anfangs war Herr Pfütz sogar noch neugierig gewesen. Vielleicht war ja doch einmal etwas Brauchbares dabei…

„Oh, schau mal, ein Neuzugang für deinen Streichelzoo!“, hatte er vor zwei Jahren seiner Frau zugerufen und ihr einen Plüschteddy entgegengehalten, den er gerade aus einer Kiste voller alter Malhefte gefischt hatte. „Happy Birthday!“

Seine Frau hatte gelacht und war neben ihn getreten. „Früher war er bestimmt mal ganz süß.“ Sie besah sich den Teddy von allen Seiten. „Er ist nur ein bisschen dreckig, aber ansonsten bei bester Gesundheit. Wieso nur glauben die Leute, dass ein Kind seine Spielsachen verkaufen oder weggeben muss, wenn es größer wird?“ Sie schüttelte ihren Kopf. „Weißt du was?“, fragte sie ihn nach kurzem Nachdenken, „ich wette, das Kind vermisst seinen besten Freund schon. Ich werde ihn zurückbringen.“

Herr Pfütz hatte das nachsichtige Lächeln aufgesetzt, mit dem er immer auf die seltsamen Einfälle seiner Frau reagierte, und legte seine Arme um sie. „Und wie willst du das anstellen?“, fragte er. „Du weißt doch gar nicht, wem er gehört.“ Er versuchte sie mit einem der Küsse seitlich auf ihren Hals abzulenken, die sie so mochte, aber sie wand sich geschickt aus seiner Umarmung und hielt ihm triumphierend den Aufnäher vor die Nase. `PAUL´ war darauf eingestickt.

„Ich versuch mein Glück einfach bei den Kindergärten in der Nähe und frage, ob jemand den Teddy erkennt. Sein Lieblingsstofftier hat Paul bestimmt überall hin mitgenommen.“

Und sie war tatsächlich fündig geworden. Eine Erzieherin erzählte ihr, dass Pauls Familie am Tag zuvor umgezogen sei, und leitete die Nummer von Herr Pfütz´ Frau an die Mutter weiter. Diese meldete sich nur wenige Minuten später. Offenbar fühlte sich Paul in seinem neuen Zuhause nicht wohl und die Eltern hatten schon bereut, seine alten Spielsachen ausgemistet zu haben. Sie fragten, ob sie den Bären abholen kommen konnten, aber Herr Pfütz´ Frau bot an, ihn selbst bei ihnen abzugeben. Für diesen Nachmittag war sie mit ihrem Sohn verabredet. Er kam extra aus Potsdam, um mit ihr zum Baumarkt zu fahren. Auf dem Weg würden sie einen kurzen Abstecher machen und Paul seinen Teddy wiederbringen.

Herr Pfütz schloss einen Moment die Augen. Dann stieß er – wie jeden Morgen seit inzwischen zwei Jahren – den Karton mit aller Kraft von sich. Er landete mitten auf dem Bürgersteig.

Seine Frau und sein einziger Sohn waren gerade auf dem Rückweg von diesem Abstecher gewesen, als ein Raser bei roter Ampel auf die Kreuzung schoss. Er rammte ihren Wagen, schob ihn noch hunderte Meter vor sich her und zerquetschte ihn schließlich an einer Hauswand. Herr Pfütz´ Familie starb noch am Unfallort.

Fortsetzung folgt in einer Woche…

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