Wie die Lüge zu ihren kurzen Beinen kam (2/2)

Wie die Lüge zu ihren kurzen Beinen kam (2/2)

Was bisher geschah: Hier geht es zurück zum ersten Teil.


Das dritte Treffen

Viele Jahre später machten sich die Wahrheit und die Tugend erneut auf den Weg zur Gerechtigkeit. Der einst gerade Pfad hatte sich in ein Labyrinth voller Sackgassen verwandelt und als sie nach langer Zeit heraustraten, standen sie vor einem riesigen Tempel aus Stein. Mit ehrfürchtig gesenktem Kopf stiegen sie die steilen Stufen hinauf und knieten vor dem goldenen Thron nieder.

„Seid gegrüßt“, sprach die Gerechtigkeit und bedeutete ihnen, sich zu erheben. „Was kann ich für euch tun?“

„Ich habe mich sehr um die Menschen bemüht“, meinte die Tugend, „aber es wird wohl immer jene geben, die nicht auf meine Worte hören und nach eigenen Regeln leben.“

„Sie sprechen selten die Wahrheit und da die Lüge alle Rennen für sich entscheidet, werden sie niemals dabei ertappt. Sie bringen es in der Welt sogar weiter als die Aufrichtigen“, ergänzte die Wahrheit. „Es vermittelt eine falsche Botschaft, wenn sie ungestraft davonkommen.“

„Seit die Tugend dieses Haus verlassen hat, ist die Moral nicht mehr meine Angelegenheit“, sprach die Gerechtigkeit. „Ich sorge dafür, dass gleiches Recht für alle gilt, denn Gerechtigkeit ist Balance.“

Damit griff sie in die Truhe neben sich und zog eine fein gearbeitete Waage daraus hervor.

„Ihr seid zu zweit, daher werfe ich zwei Steine in die eine Schale. Nun lasst uns die Lüge anhören. Ich rufe die Lüge und den Tod!“

Im selben Moment erschienen sie auch schon – der Tod in schwarze Schatten gehüllt und die Lüge, deren Gestalt wie ein grauer Schleier wirkte.

„Lüge, wähle dir eine Form“, mahnte die Gerechtigkeit und der Schleier wurde zu einer wunderschönen Frau.

„Das Gefüge der Welt wird immer fester“, sprach die Gerechtigkeit, „und ich kann es nicht mehr ändern, dass ein Rennen über die Glaubhaftigkeit einer jeden Lüge entscheidet. Bevor die Welt ihre endgültige Form erlangt, will ich aber ein letztes Mal eingreifen.“

Nachdem die Lüge ihre Verteidigung vorbringen durfte, warf die Gerechtigkeit einen Stein in die zweite Schale.

„Die Aussagen der anderen wiegen schwerer als die deine“, sagte sie zur Lüge. „Der Tod soll dir daher den Kopf abschlagen, damit du fortan bei den meisten Rennen die Richtung verfehlst. Nimmst du mein Urteil an?“

„Aber ja“, antwortete die Lüge. „Ihr wisst am besten, wie die Welt funktioniert, und es wird alles so geschehen wie Ihr sagt.“

Damit legte sie sich dem Tod zu Füßen. Der Tod aber schwang seine Sense und schnitt der Lüge mit einem einzigen Hieb beide Beine ab.

„Was tust du denn da?“, fuhr ihn die Gerechtigkeit an.

„Ich diene niemanden und am allerwenigsten dir“, antwortete der Tod bevor er verschwand.

An seiner Stelle erschien die Gnade und kniete sich neben die Lüge. Mit Tränen in den Augen beobachtete sie, wie sich mit jedem herausströmenden Blutstropfen die Waagschale der Lüge absenkte.

„Wenn ich es recht verstehe, muss die Lüge so lange leiden bis die Schalen wieder im Gleichgewicht sind. Lasst mich ihre Strafe mildern“, sprach die Gnade und warf ihren Stein für sie in die Waagschale.

„So sei es“, meinte die Gerechtigkeit und zog sich ins Innere ihres Tempels zurück.

Die Gnade aber heilte die Wunden der Lüge und sagte: „Wann immer jemand eine freundliche Lüge spricht, die Trost spenden soll, werden dir fortan Beine wachsen, die dich schneller ans Ziel bringen werden als jemals zuvor.“

„Ich muss dir für nichts dankbar sein“, sprach die Lüge, doch als sie in der Nacht über die Erde schlich und jedem lebenden Wesen einen Tropfen ihres vergossenen Blutes ins Auge träufelte, ließ sie die Gnade aus.

Das vierte Treffen

Gleich nach der Tat der Lüge machten sich die Wahrheit und die Tugend erneut auf den Weg zur Gerechtigkeit. Sie mussten jedoch feststellen, dass sich das Labyrinth inzwischen bis ins Innere des Tempels ausgebreitet hatte. An die Stelle der steilen Stufen waren unzählige Zimmer getreten und deren Türen blieben solange verschlossen bis nach einer Ewigkeit des Wartens ein Mensch zu ihnen trat und sich ihren Fall vortragen ließ. Erst wenn er sein Urteil gefällt und sie es nicht angenommen hatten, öffnete sich die Tür in den nächsten Raum, in dem alles denselben Lauf nahm.

Die Tugend stimmte irgendwann zu und ging zurück in die Welt, sodass die Wahrheit alleine weitergehen musste. Schließlich öffnete sich jedoch der Schrein und sie warf sich mit letzten Kräften vor dem Thron in den Staub.

„Wer tritt vor mich?“, fragte die Gerechtigkeit.

„Die Wahrheit, Herrin“, bekam sie zur Antwort. „Warum nehmt Ihr nicht die Augenbinde ab und seht mich an?“

„Den Augen kann man nicht mehr trauen, daher habe ich sie mir ausgestochen“, sprach die Gerechtigkeit. „Ich urteile nur über das Gesprochene, nicht über den äußeren Schein.“

„Deswegen komme ich zu Euch, Herrin“, sprach die Wahrheit.

„Die Lüge hat auch die Menschen geblendet und nun erkennen sie mich nicht mehr. Selbst wenn jemand die Wahrheit spricht, sind sie sich nicht sicher, ob sie ihm glauben können, und wenn ich mein Rennen gewinne und die Lüge als solche enttarne, verschließen sie oft ihre Augen vor mir. Am schlimmsten ist es aber, wenn die Lüge auf eine große Gruppe trifft. Dann heben sie sie in ihrer Verblendung hoch über ihre Köpfe und tragen sie ans Ziel, sodass sie sich trotz ihrer kurzen Beine wie ein Lauffeuer verbreitet und das Rennen gewinnt. Auch die Tugend ist ratlos, denn wie soll sie die Menschen die richtige Entscheidung lehren, wenn sie die Alternativen so schwer unterscheiden können?“

Die Gerechtigkeit überlegte kurz und rief schließlich die Lüge zu sich. Im selben Moment erschien sie auch schon – in einer Gestalt, die der der Wahrheit bis aufs Haar glich.

„Kaum jemand hat es bemerkt“, sprach die Gerechtigkeit, „aber vor wenigen Tagen hat die Welt ihre endgültige Form angenommen. Der Wahrheit und vielen anderen mag diese Form nicht gefallen, aber alle Kräfte, die in diesem Moment in der Welt wirken, werden für immer in ihr wirken. Sie sind oft gegensätzlich und das Gleichgewicht wird mal zur einen und mal zur anderen Seite kippen, aber es liegt nun einzig an den Menschen, sie auszubalancieren. Daher werde ich nur noch Urteile über Menschen fällen, nicht aber über euch. Irgendwann werden sie wieder sehen lernen. Nun geht und kommt nicht wieder.“

Damit schlossen sich die Tore des Tempels und die beiden kehrten in die Welt zurück.

Und so kam es, dass die Lüge, als die Dinge noch neu waren, zwar ihre Beine verlor, aber durch ihre Findigkeit bis zum heutigen Tag oft schneller reist als die Wahrheit.

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