© AH Wie die Lüge zu ihren kurzen Beinen kam (1/2)

Wie die Lüge zu ihren kurzen Beinen kam (1/2)

Das erste Treffen

Vor langer, langer Zeit als die Dinge noch neu waren und sich erst ordnen mussten, begab es sich, dass die Wahrheit die Gerechtigkeit aufsuchte, um bei ihr vorzusprechen.

Sie musste nicht weit gehen, denn kaum hatte sie den Entschluss gefasst, sich auf den Weg zu machen, stand sie auch schon am Rande einer Lichtung. Die weiß gekleidete Gestalt der Tugend kam ihr entgegen und führte sie an das Lagerfeuer in deren Mitte, an dem die Gerechtigkeit lebte.

„Sei gegrüßt“, sprach diese und bedeutete ihr, Platz zu nehmen. „Was können wir für dich tun?“

„Es gibt einen Fehler im Plan der Welt“, antwortete die Wahrheit. „Wann immer ein Mensch zu sprechen ansetzt, beginnt ein Rennen zwischen mir und der Lüge. Wer schneller bei ihm ist, der kommt ihm schließlich über die Lippen, aber die Lüge ist klein und wendig und listenreich und gewinnt jedes Mal, während ich auf dem rechten Pfad bleibe und immer verliere. Es ist mir gegenüber ungerecht, dass die Lüge sich an keinerlei Regeln halten muss, und es ist ein großes Unrecht an den Menschen.“

Die Gerechtigkeit beriet sich kurz mit der Tugend, dann sprach sie die Worte: „Ich rufe die Lüge und den Vertreter der Menschen!“

Im selben Moment erschienen sie auch schon – das Oberhaupt der Menschen und die Lüge, deren Gestalt so schnell mäanderte, dass sie wie ein grauer Schleier wirkte.

„Lüge, wähle dir eine Form“, mahnte die Gerechtigkeit und der Schleier verfestigte sich zu einem spindeldürren, kleinen Männlein in viel zu weiten Kleidern und viel zu großen Schuhen.

„Mensch“, sprach die Gerechtigkeit, „die Tugend will, dass du und die deinen fortan nur noch die lautere Wahrheit sprechen sollt. Ist das in deinem Sinne?“

„Natürlich, Herrin“, antwortete der Mensch, „die Wahrheit wird uns näher zusammenführen.“

„Dann sei es so. Hiermit verbiete ich der Lüge, weiter an den Rennen teilzunehmen. Nimmst du das Urteil an?“

„Aber ja“, sprach die Lüge. „Wie ich sehe, gibt es keinen Platz für mich in der Welt. Ihr werdet gar nicht bemerken, dass ich fehle…“

Das zweite Treffen

Einige Generationen später machte sich der Vertreter der Menschen, begleitet von der Gnade, erneut auf den Weg, um mit der Gerechtigkeit zu sprechen. Als sie nach Tagen der Wanderschaft auf der Lichtung eintrafen, gingen sie in das Innere des Holzhauses, das die Feuerstelle umschloss.

„Seid gegrüßt“, sprach die Gerechtigkeit und bedeutete ihnen, Platz zu nehmen, während die Tugend hinzutrat. „Was können wir für euch tun?“

„Die Menschen leiden“, begann die Gnade. „Alte und Kranke sterben ohne ein Wort des Trostes, Freunde und Liebende halten sich ihre Fehler vor und nicht einmal die Kunst vermag noch, einen schönen Schein zu erzeugen.“

„Seit wir immer ehrlich antworten müssen, leben wir in Furcht vor jeder Frage, also haben wir vor vielen Jahren aufgehört, überhaupt zu sprechen, Herrin“, pflichtete der Mensch bei. „Die Tugend fördert man nicht mit Gesetzen und Zwängen. Bitte kommt zu uns“, wandte er sich an die Tugend, „und unterrichtet uns, aber lasst auch die Lüge wieder in die Welt, solange wir uns nicht gebessert haben.“

Die Gerechtigkeit beriet sich kurz mit der Tugend, dann sprach sie die Worte: „Ich rufe die Lüge und die Wahrheit!“

Im selben Moment erschienen sie auch schon – die Wahrheit strahlender als je zuvor und die Lüge, deren Gestalt wie ein grauer Schleier wirkte.

„Lüge, wähle dir eine Form“, mahnte die Gerechtigkeit und der Schleier verfestigte sich zu einem kleinen Jungen.

Nachdem das Gesagte wiederholt worden war, meldete sich die Lüge zu Wort: „Ich habe tatsächlich immer nur das Beste im Sinn. Niemals würde ich jemandem wissentlich schaden.“

„Es darf aber nicht sein, dass den Menschen jedes Mal die Lüge über die Lippen kommt“, meinte die Wahrheit.

Die Gerechtigkeit tauschte einen Blick mit der Tugend und sprach: „Nun, da die Tugend unter den Menschen wandeln wird, um sie zu lehren, sollen sie selbst entscheiden dürfen, ob sie die Lüge oder die Wahrheit sprechen. Euer Rennen“, wandte sie sich an die beiden, „wird fortan erst nach einer Lüge beginnen und darüber entscheiden, ob der Sprecher mit seiner Lüge davonkommt oder ob die Wahrheit ihn einholt. Nehmt ihr das Urteil an?“

„Die Lüge wird dennoch gewinnen“, meinte die Wahrheit.

„Das mag sein“, sagte die Tugend, „aber je mehr Menschen ich davon überzeugen kann, von sich aus die Wahrheit zu sprechen, desto seltener werden die Rennen stattfinden.“

Fortsetzung folgt in zwei Wochen …

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2 Kommentare zu “Wie die Lüge zu ihren kurzen Beinen kam (1/2)”

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