© AH Walpurgisnächte

Walpurgisnächte

Hier auch als Audio-Version.

Was wohl geschehen mag an jenen Orten, an denen sich des Nachts die Hexen zum Tanze treffen? Was mögen sie in den Schatten miteinander flüstern, welche finsteren Pläne schmieden?

Eine grässlicher anzusehen als die andere, mit Furunkeln und Warzen übersät, krummen Beinen, spitzen Hakennasen und ergrauten Haaren kommen sie aus allen Teilen des Landes herbei. Auf Besen gleiten sie durch die Lüfte, als ständen sie über den Dingen, auf wilden Kreaturen kommen sie geritten, als wäre ihnen alles Leben untertan. Seht nur, wie ihre Wölfe die Zähne blecken und sich zu ihren Füßen doch wie zahme Hunde zeigen. Wie schwarze Katzen mit grünen Augen auf ihren Schultern sitzen. Wie sich Schlangen um ihre Arme winden und Raben und Eulen auf ihren ausgestreckten Händen landen. Manche lassen sich sogar vom Wind selbst tragen. Rund herum um die Bergspitze heult er, fährt in die Wipfel der Bäume, reißt unerbittlich alles mit sich fort und doch lässt er sich von diesen schändlichen Weibern befehligen. »Still!«, sagen sie, und er legt sich, »Voran!«, sagen sie, und er regt sich. Wie das Quaken von Fröschen, das Krächzen von Krähen, das Heulen der Wölfe und das Schnattern von Gänsen klingen ihre Stimmen.

Ihre Reittiere bleiben unter den Bäumen zurück. Die Hexen heben ihre zerrissenen Röcke, stützen sich schwer auf Stöcke und Besen und klettern den Steilhang zum Berggipfel hinauf. Einige der Weiber springen von Stein zu Stein und schlagen ihre Klauen in den Felsen, manche hüllen sich in schwarzen Nebel und treten an anderer Stelle wieder aus ihm heraus. Mögen sie doch allesamt in die Tiefe stürzen! Warum bricht der Berg unter dem Gewicht ihrer Verderbtheit nicht  zusammen und begräbt sie alle? Die Weiber, ihre Tiere und alle, die ihnen folgen. Die ganze gottlose Versammlung. Doch nichts geschieht. Sie gelangen alle hinauf. Ihr schallendes Gelächter hallt durch das Tal und macht für jeden anderen Klang taub. Ohne jede Scham lassen sie ihr Lachen aus sich herausbrechen, aus ihren schiefen Mündern mit den verfaulten Zähnen, schlagen sich auf ihre Schenkel, krümmen sich auf der Erde und rollen im Staub herum. Diese Weiber kennen nur ihr Verlangen. Was sie fühlen, das zeigen sie, was sie denken, das sagen sie, und was sie wollen, das holen sie sich. Mit dem Teufel würden sie sich verbünden, um es zu bekommen, und wenn sie dafür selbst in die Tiefen der Hölle hinabsteigen müssten. Aber meist reicht ihre eigene dunkle Zauberkunst, um ihren Willen zu wirken.

Unsichtbar schleichen sie durch die Gassen, betreten jedes Haus, vergiften das Wasser und verderben das Brot. Des Nachts verwandeln sie sich in Käfer, um unter der Tür hindurch an Dein Bett zu treten. Sie legt ihren Mund ganz nah an Dein Ohr und flüstert dir mit stinkendem Atem magische Worte ein, die dich so tief schlafen lassen, dass dich vor dem rettenden Morgengrauen nichts erwecken kann. Sie greift in den weiten Ärmel ihres zusammengeflickten Gewands. In ihrer Hand ein  Geschöpf mit spitzen Ohren und roten Augen. Zärtlich streicht sie mit ihren langen Spinnenfingern über das schwarze Fell, bevor sie die Kreatur am Nacken packt und auf deine Brust setzt. Du spürst das Gewicht eines Steins auf dir lasten, sinkst aber in nur noch tiefere Sphären des Schlafes. Das Wesen streckt seine Hände aus und greift nach Deinem Herzen. Es hält es fest umklammert. Mit einem Mal siehst Du Bilder aus dem Dunkel aufsteigen. Schreckliche Visionen um Tod und Verlust, die Dich lähmen. Die Kreatur auf deiner Brust nährt sich von Deiner Angst. Sie trinkt deinen Schmerz und saugt die Verzweiflung aus deinen Adern wie den süßesten Honig. Sie wird nicht aufhören, bis sie das letzte Tröpfchen Furcht aus Dir herausgezogen hat, während Dein Herz immer enger wird. Der Schmied ist im letzten Winter gestorben. Man sah eine der Hexen aus seinem Haus schleichen und am nächsten Morgen war er tot. Wer weiß, ob seine Seele ihren Weg gefunden hat oder noch immer durch ein Labyrinth aus Schreckensgespinsten irrt.

Die gebückten Gestalten auf der Bergspitze sammeln sich um einen riesigen Holzstoß. Sie werden ihn entzünden wie jedes Jahr in dieser verfluchten Nacht, in der sich die Kräfte der Finsternis ohne Scheu auf der Erde bewegen können. Doch sie halten ein in ihrem Werk. Eine Bauersfrau tritt in ihren Kreis. Ein zartes Wesen mit gesenktem Kopf und einem Bündel im Arm. Sie sinkt vor der Versammlung auf die Knie und weint bitterlich. Die Wölfe stimmen mit ihrem Geheul ein. Dann weint auch das Kind. Eines der Weiber setzt sich zu der Menschenfrau und nimmt ihr das Bündel ab. Sie legt es auf einen großen Felsblock und ruft die anderen herbei. Fratzen neigen sich über das Neugeborene, sie schubsen sich herum, bis jede etwas sehen kann. Was werden sie dem unschuldigen Wesen antun? Doch mit einem Mal scheinen die Weiber gar nicht mehr wie Hexen. Ihre Gestalt richtet sich auf, die Haut glättet sich, ihre zerrissene Kluft erstrahlt in hellen Farben und die Gesichter werden wieder jung. Eine der Frauen eilt davon, um im Wald nach Kräutern zu suchen, eine andere holt frisches Wasser aus dem Bach, um das Kind zu waschen. Es schreit nicht mehr. Die Frauen streichen ihm sanft über den Kopf und singen gemeinsam, bis die Kräutersammlerin zurückkehrt. Sie lässt es aus einer kleinen Glasflasche trinken und legt es der dankbaren Mutter in den Arm, die ihre Tränen trocknet Beim Aufstehen berührt sie den Saum der Heilerin.

Als die Menschenfrau ihren Kreis verlassen hat, fallen die freundlichen Hüllen ab. Die Hexen versammeln sich erneut um den Holzstoß und rufen dunkle Beschwörungen in den Nachthimmel. Aus dem Nichts erscheint ein Blitz und schlägt in das Holz. Als das Feuer zu lodern beginnt, stimmen sie in ihr grausiges Lachen ein, fassen sich an den Händen und tanzen in wildem Rausch um es herum. Nie habe ich ein abstoßenderes Spektakel gesehen. In den Walpurgisnächten kann man ihnen nichts anhaben, doch schon morgen beginnt die Jagd von Neuem. Jedes Jahr werden es mehr von diesen Weibern, die mit den dunklen Mächten im Bunde stehen. Sie geben sich den Anschein von Heilerinnen und verwandeln jede Frau, der sie helfen, in eine von ihnen. Mein Sohn mag heute Nacht gerettet worden sein, doch meine Frau ist für die Menschen verloren. Schon nächstes Jahr wird sie mit den anderen Hexen auf diesen Berg steigen. Sie entzünden das Feuer, entfesseln ihre Kräfte, lassen es über den Feldern hageln und schneien und schicken Ratten in die Häuser. Wäre das Feuer der Walpurgisnacht doch schon ihr Scheiterhaufen.

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