© AH Ein Traum von einem Baum

Ein Traum von einem Baum

Eines Morgens erwachte ich an einem mir unbekannten Ort. Mein Bett war verschwunden, genauso meine Decken und Kissen, der Baldachin und das gesamte Zimmer. Ich lag auf trockenem Laub mit freiem Blick zum Himmel. Nur, dass da kein Himmel war, sondern einfach nur helles Licht von allen Seiten.

Wo war ich?

Ich setzte mich langsam auf und rieb mir den Schlaf aus den Augen. Dabei fielen mir Blätter aus den Haaren und von meiner Kleidung.

Wieso war hier überall Laub?

Ich sah mich genauer um. Hinter mir wuchs ein kleines Bäumchen empor. Es reichte mir gerade mal bis zu den Knien, war aber kein junger Baum mehr. Es hatte einen kräftigen, knotigen Stamm und eine breite, dich belaubte Krone, die fast bis zum Boden herunterreichte. Dieser Baum stand sichtlich in der Blüte seines Lebens, war aber absurd klein. Ich nahm eines der Blätter in die Hand. Feine Adern lagen sichtbar unter der Haut. Es war viel zu groß, um von diesem Baum zu stammen.

Ich schüttelte den Kopf und schob dieses Rätsel erst einmal beiseite. Dieser Ort war mehr als seltsam. Ich lief etwas umher, kam aber nicht weit. Schon nach wenigen Schritten endete der Boden. Er war einfach weg. Ich stand mit beiden Füßen auf fester Erde und genau vor mir strahlte mir das helle Licht entgegen, das auch von oben auf mich herabschien. Ich schob meinen Fuß nach vorne und erwartete, ihn in etwas wie leuchtende Milch zu tauchen, doch ich stieß auf eine Barriere. Es war absolut nichts zu sehen, aber ich konnte sie nicht durchdringen. Auch, als ich mich mit den Händen vortastete, war es mir nicht möglich, die seltsame Substanz zu berühren.

Ich lief an der Barriere entlang bis ich wieder am Ausgangspunkt ankam. Dann rannte ich die Runde noch einmal. Und noch einmal. Mein Herz schlug schneller. Was sollte das? Ich hatte keine Zeit für so einen Unsinn. In ein paar Stunden ging mein Flug. Wie lange war ich schon hier? Ich lief auf und ab, fuhr mit den Fingern jeden Quadratzentimeter der unsichtbaren Wand ab, auf der Suche nach einem Riss, einem Schlüsselloch oder was auch immer. Aber vergebens.

»Was ist das für ein Ort?«, rief ich in die drückende Stille hinein und trat mit ganzer Kraft gegen die Barriere.

»Stell die Frage«, flüsterte es hinter mir. Ich fuhr erschrocken herum, konnte aber niemanden sehen.

»Wer ist da?« Als keine Antwort kam, siegte meine Wut über die Furcht. »Wollt ihr mich verarschen? Lasst mich hier raus, verdammt noch mal!« Alles blieb stumm.

Ich schrie noch eine ganze Weile weiter, auch als ich die Sinnlosigkeit des Ganzen längst erkannt hatte, und setzte mich dann erschöpft auf den laubbedeckten Boden. Das Licht blendete mich. Ich legte mich wieder hin und schloss für einen Moment die Augen. Gedanken jagten sich durch meinen Kopf: Was, wenn ich ich den Flug verpasse? Ich darf einfach nicht zu spät kommen. Hab ich den Herd ausgemacht? Ich muss heute noch zwei Leute anrufen. Man, wie ich den Kerl hasse! Und ich habe keine Milch mehr. Vielleicht sind die Läden noch offen, wenn ich heute Abend zurückkomme. Vermutlich nicht. Hab ich alle Unterlagen eingesteckt? Auch den Umschlag, den ich gerade noch auf der Kommode gesehen habe? Wie ist er da eigentlich hingekommen? Egal. Verdammt, ich hab das Geschenk vergessen! Stell die Frage!

Ich schreckte hoch und sprang voll neuer Energie auf. »Also schön, dann spiele ich eben mit«, rief ich in das weiße Nichts um mich herum. »Wo bin ich? Wer bist du? Wie komme ich hierher? Warum bin ich hier? Wie komme ich hier wieder raus?« Keine Antwort. »Ist das ein Experiment? Muss ich eine bestimmte Frage stellen und darf dann gehen?« Ich drehte wieder meine Runden und stolperte dabei fast über den kleinen Baum. »Was soll ich tun?«

»Stell die Frage.«

Und das tat ich fortan. Ich begann laut mit mir selbst zu sprechen. Formulierte jeden Gedanken, der mir in den Sinn kam, als Frage und hoffte darauf, durch puren Zufall auf die richtige zu stoßen. Die Zeit verging. Das Licht veränderte sich nicht, ich spürte weder Hunger noch Durst, schlief nie und alterte nicht, aber ich war sicher, dass sie verging. Vielleicht auch nur irgendwo anders und nicht hier.

Irgendwann hörte ich auf zu fragen. Ich weinte viel. Irgendwann hörte auch das auf.

»Bitte, etwas Schatten«, flüsterte ich kaum hörbar. Dann bewegte sich etwas im Boden. Ich lief zum Rand der Welt und lehnte mich an die Barriere. Vor meinen Augen wuchs der Baum zu seiner richtigen Größe heran. Der Stamm streckte sich in die Höhe, Wurzeln gruben sich ins Erdreich und die Äste wurden so ausladend, dass sie den gesamten Boden überdachten. Mit großen Augen trat ich auf den Baumriesen zu. Unter seinem Blätterdach war es angenehm kühl. Eine sanfte Brise wehte durch das herabgefallene Laub und die grünen Blätter an den Zweigen. Ich hörte es rascheln. Das alte Holz knarrte. War das ein Vogel? Meine Augen versuchten ihm zu folgen, verloren aber im Spiel von Licht und Schatten seine Spur. Das weiße Leuchten schien nur noch an einigen Stellen durch das dichte Blätterdach und malte Muster auf die Erde unter meinen Füßen. Was für viele verschiedene Grüntöne es doch gab! Und so viele Brauntöne in einem einzigen Stück Borke. Ich fuhr mit der Hand über die unebene Fläche, die sich so viel echter anfühlte als die glatte, kalte Wand. Eine Ameise krabbelte über meine Hand.

Das war einfach nicht möglich! Aber in diesem Moment störte mich das nicht. Ich hatte mich lange nicht mehr so lebendig gefühlt. Endlich war ich nicht mehr allein in der Welt. Mein altes Leben mit all seinen Sorgen schien mir mit einem Mal unheimlich weit weg. Ich konnte mich kaum noch daran erinnern.

Also setzte ich mich nach all dem rastlosen Suchen einfach hin, mit dem Rücken an den Baum gelehnt, der immer noch weiter wuchs, und atmete. Ich beobachtete das Schattenspiel auf dem Boden, lauschte auf das Rascheln des Windes und vertiefte mich in ein Blatt, das in Höhe meines Kopfes aus dem Stamm wuchs. Es war genauso groß wie meine Hand, hatte fünf Zacken, ein Gerippe, Adern und Haut. Je länger ich hinsah, desto mehr sah ich, bis ich schließlich beobachten konnte, wie der Lebenssaft des Baumes durch die Adern bis in die äußersten Spitzen des Blattes strömte. Ich blickte zum Blätterdach hinauf. Bis dort oben flossen das Wasser und die Stoffe aus dem Boden, die die Wurzeln aufnahmen und der Stamm in die Äste verteilte. Bis die Blätter irgendwann abfielen und den Wurzeln die Geschenke zurückgaben.

In diesem Moment stießen die Wurzeln am äußersten Rand der Welt aus dem Boden und die Zweige neigten sich hinunter zur Erde. Als sie sich berührten und den Kreis schlossen, kam mir wieder die Frage in den Sinn, die ich mir vor unendlich langer Zeit, damals in meinem alten Leben, verboten hatte.

Dann schlief ich friedlich ein.

Als ich die Augen wieder aufschlug, lag ich mitten in einem Park. Unter einer Kastanie mit besonders ausladender Krone. Die Menschen um mich herum, nahm ich kaum wahr. Ich weiß bis heute nicht, wie ich dorthin gekommen bin.

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