© AH Die Traumabgabestelle (3/3)

Die Traumabgabestelle (3/3)

Fotoerlaubnis von Roland Albrecht: Museum der Unerhörten Dinge

Was bisher geschah: Hier geht es zum ersten Teil.


Zwei Monate und viele Schreiben später wartete Frau Mayer im Foyer der externen Firma auf ihren Ansprechpartner. Er entschuldigte sich wortreich für die lange Verzögerung und stellte sich mit einem flüchtigen Händedruck als Herr Meier vor. Dann führte er sie quer durch die Konstruktion aus Glas, Stahl und Beton eine freischwebende Treppe hinauf in sein Büro im ersten Stock, der zugleich die oberste Etage bildete.

»Ihr Hauptsitz ist kleiner als ich ihn mir vorgestellt habe«, keuchte Frau Mayer, die Mühe hatte, Schritt zu halten. »Ich hatte ein Hochhaus oder eine Lagerhalle erwartet. Wo speichern Sie denn die Träume?«

»Im Untergeschoss. Hier oben befindet sich die Verwaltung.« Herr Meier öffnete die Tür mit einer Chipkarte und bat sie herein. Sein Büro unterschied sich kaum von dem ihren, außer dass es nicht mit Aktenschränken zugestellt war. Während sie sich noch umsah, hatte sich Herr Meier bereits ins System eingeloggt und die Daten von Herrn Schmied aufgerufen. »Wie ich sehe, ist Ihr Kunde fest dazu entschlossen, seine sämtlichen Träume abzuholen. Bei Ihrem Ruf überrascht mich das … Sie wurden doch eingesetzt, um Kunden von der Speicherung zu überzeugen, oder irre ich mich?«

Frau Mayer verneinte. »Bei Herrn Schmied war das nie notwendig, aber die neue Speichermethode hat ihn verunsichert. Er befürchtet, dass seine Daten bei Ihnen nicht mehr so vertraulich behandelt werden wie früher bei uns.«

Ihr Gegenüber schnaubte. »Ich bin mir sicher, dass Ihre Behörde ein leuchtendes Vorbild war, doch vergessen wir nicht, dass wir erst eingesprungen sind, als Ihre Leute das Programm auf Eis gelegt haben.« Er hielt seine Chipkarte an ein Lesegerät und startete so den Drucker. »Ohne uns gäbe es keine Speicherung von Träumen mehr. Und ich versichere Ihnen, dass unser Datenschutz auf dem neusten Stand ist – obwohl Ihre Behörde uns dafür kaum Mittel bereitstellt, möchte ich ergänzen. Wenn Sie sich die Jahresberichte durchlesen, werden Sie feststellen, dass es bei uns noch keinen einzigen Fall von Diebstahl gegeben hat. Vielleicht erzählen Sie das nächste Mal Ihren Kunden davon, bevor Sie sie einen Antrag auf Rückführung stellen lassen.« Der Druck war inzwischen abgeschlossen und Herr Meier heftete gut zwanzig Blatt Papier aneinander, bevor er den Stapel vor ihr auf den Tisch knallte. »Herr Schmied muss jede Seite unterschreiben. Dann schicken Sie es mir zurück.«

Frau Mayer steckte die Unterlagen hastig in die Tasche. Bei seiner ablehnenden Haltung traute sie es Herrn Meier zu, es sich anders zu überlegen und ihr jeden erdenklichen Stein in den Weg zu rollen. »Wie es der Zufall will, habe ich mir einige der Berichte angesehen. Ich hatte es eigentlich nicht vor, aber als Sie mich monatelang hingehalten haben, wurde ich neugierig.«

»Was ist Ihnen aufgefallen?«

»Vor allem, dass Sie viel Gewinn machen, obwohl wir doch so schlecht bezahlen. Und, dass unser Vertrag bei den Nutzungsrechten einige Sonderregelungen vorsieht. Aber keine Sorge: Ich bin sicher, dass sich alles klärt, sobald Sie mich einen Blick ins Untergeschoss werfen lassen.«

Herr Meier blieb vollkommen reglos auf seinem Platz. In aller Ruhe richtete er seine Krawatte und wandte sich dann erneut dem Computer zu. »Frau Doktor Gerda Henrietta Mayer … Mal sehen … Hm, mir scheint, Sie haben bisher nicht sehr viele Kunden von der Speicherung überzeugt. Das ist ein ziemlich enttäuschender Schnitt, wenn man bedenkt, dass Ihr Vorgesetzter Sie uns wärmstens empfohlen hat. Konzentrieren Sie sich wieder auf Ihre eigentliche Arbeit und liefern Sie Ergebnisse, sonst sehe ich mich gezwungen, ihn anzurufen. Was glauben Sie, wie dick das Eis ist, auf dem Sie stehen – bei Ihrer Vorgeschichte?«

Frau Mayer musste schlucken, bevor sie ihre Verunsicherung hinter einem Lächeln verstecken und Herrn Meier für seine Zeit danken konnte. Mit dem Bluff habe ich mich gründlich verkalkuliert. Trotz Herrn Schmieds Befürchtungen hatte sie nicht ernsthaft damit gerechnet, bei ihren Nachforschungen einen Nerv zu treffen. Das machte sie erst recht neugierig.

»Sie finden selbst hinaus«, verabschiedete sie Herr Meier, der sie entweder für ausreichend eingeschüchtert hielt oder genug auf die Sicherheitsvorkehrungen seiner Firma vertraute, um sie den Rückweg alleine antreten zu lassen.

Frau Mayer ließ sich alle Zeit der Welt. Statt denselben Gang entlangzulaufen wie beim Hereinkommen, nahm sie einen Aktenordner aus ihrer Tasche und lief systematisch jeden Korridor des obersten Stockwerks ab. Als würde sie ein bestimmtes Büro suchen, um ihre Unterlagen abzugeben. Auf diese Weise beachtete sie niemand und Frau Mayer konnte sich alle Namensschilder in Ruhe durchlesen. Als sie schließlich, dem Tageslicht folgend, zurück ins Foyer gelangte, hatte sie tatsächlich nicht einen Techniker finden können. Es half nichts: Sie musste unbedingt in den Keller.

Da sie keinen Chip besaß, um den Aufzug selbst zu rufen, positionierte sie sich ganz in der Nähe und holte eine Tüte Kekse aus ihrer Tasche. Entspannt an die Brüstung zum Foyer gelehnt, gönnte sie sich eine kurze Pause, die sie erst unterbrach, als ein Mitarbeiter um die Ecke bog und seine Karte in das Lesegerät steckte. Frau Mayer stopfte ihren Snack zurück in die Tasche und folgte dem Mann durch die sich öffnenden Fahrstuhltüren. Den Aktenordner hielt sie vorsorglich so vor sich, dass man ihr fehlendes Namensschild nicht sah, und sie zupfte mit höchster Konzentration Krümel von ihrem Ärmel, um einem Gespräch zu entgehen.

»Ihre Karte?«, sprach sie der Mann dennoch an. Er hatte es offensichtlich eilig und deutete unwirsch auf den Scanner, der sich unter dem Zahlenfeld befand. Eine doppelte Sicherung.

»Oh … nein, ich will nur ins Erdgeschoss.«

Der Mann verdrehte die Augen. »Dafür braucht man auch die Karte.« Als Frau Mayer übertrieben langsam in ihrer Tasche zu suchen begann, drückte er entnervt auf `Bestätigen´ und die Türen schlossen sich. »Eigentlich muss sich jeder authentifizieren, bevor man losfahren darf. Ist wohl Ihr erster Tag, was?«

Frau Mayer bejahte und gelobte Besserung. Derweil kramte sie weiter in ihrer Tasche. Ihr blieb nicht viel Zeit bis zum Erdgeschoss. Ihre Finger schlossen sich um ein besonders dickwandiges Einweckglas. Vor Jahren, als der Lagerraum für Träume in ihrer Behörde aufgelöst wurde, hatte sie sich einige dieser Gefäße für ihren privaten Vorrat gesichert, und nun war sie mehr als dankbar dafür. Mit aller Kraft öffnete sie den Verschluss. Dabei verrutschte der Aktenordner und gab sie als blinden Passagier zu erkennen.

Der Mann starrte Frau Mayer eine Schrecksekunde lang an, dann streckte er den Arm nach dem Notfallschalter aus. Doch der graue Rauch, der aus dem Glas strömte, berührte ihn, bevor er den Fahrstuhl zum Stillstand bringen konnte. Er stand reglos, mit einer Hand am Zahlenfeld, während sein Blick ausdruckslos wurde. Als der Aufzug mit einem Rucken im Erdgeschoss hielt, kam er wieder zu sich. Er blinzelte und sah sich verwirrt im Fahrstuhl um, so wie man sich nach dem Aufwachen orientieren musste, wenn man direkt aus einem Traum gerissen wurde. Ihm war, als wäre er nicht alleine gewesen, aber je mehr er sich zu erinnern versuchte, desto blasser wurden die Bilder. Schließlich fiel ihm sein Termin wieder ein und er verscheuchte die lästigen Gedanken mit einem ungläubigen Kopfschütteln. Er bestätigte noch einmal und die Türen schlossen sich erneut.

Frau Mayer stand an Ort und Stelle und traute sich erst wieder zu atmen, als sich der Fahrstuhl in Bewegung setzte. Sie hatte ihre Träume schon lange nicht mehr Wirklichkeit werden lassen. Anscheinend hatte sie es nicht verlernt. Ganz früher, als sie noch ein Kind war, hatte sie die Grenzen zwischen Realität und Phantasie immer wieder unabsichtlich eingerissen, bevor sie mühsam gelernt hatte, ihre Fähigkeit zu kontrollieren. Seither konnte sie wie jeder andere ohne Angst vor ihren Träumen schlafengehen. Manche zog sie sich jedoch selbst aus dem Kopf, um sie für später aufzuheben. Vielleicht würde sie sie eines Tages brauchen. Auch deshalb arbeitete sie in der Traumabgabestelle: weil sie, womöglich als Einzige, um die wahre Macht von Träumen wusste.

In Vorbereitung auf den heutigen Tag hatte sie den Traum von Unsichtbarkeit eingepackt – eines ihrer ältesten Sammelstücke aus der Zeit, als sie sich nichts so sehr wünschte, wie unbemerkt durchs Leben gehen zu können. Leider hielt die Wirkung immer nur wenige Minuten an. Sie durfte sich nur einen kurzen Blick auf das Untergeschoss erlauben – zumal die Fahrt bereits viel zu lange dauerte. Doch als sich die Fahrstuhltüren öffneten, war Frau Mayer sofort klar, dass sie mehr auch nicht brauchen würde.

Vor ihr lag ein Lagerraum von schier unermesslichen Dimensionen. Sie konnte weder die Wände erkennen, noch den Boden. Unter der Plattform, auf die sie hinaus getreten war, musste es viele hundert Meter in die Tiefe gehen. Nicht zu übersehen waren jedoch die Türme, die bis zur Decke ragten: Sie bildeten das Skelett, an dem dicht an dicht so etwas wie Alkoven hingen. Und darin standen Menschen. Frau Mayer lehnte sich über die Brüstung, um so nah wie möglich an sie heranzukommen. Sie hatten individuelle Gesichter und schienen zu schlafen. In ihrem einen Arm steckte eine Kanüle, durch die grauer Rauch in ihre durchsichtigen Körper hineingeleitet wurde. Dort wirbelte er herum und bildete Muster. Je mehr Rauch sich in einem Menschen befand, desto weniger veränderten sie sich.

Frau Mayer hatte genug gesehen. Sie nutzte die Gelegenheit und folgte einer Mitarbeiterin zurück in den Aufzug. Zu ihrem Glück hielt die Wirkung des Traums die ganze Fahrt über an und sie konnte sogar noch das Gebäude verlassen. Als sie wieder sichtbar wurde, drehten sich einige Leute nach ihr um, gingen aber trotzdem weiter. »Außer Micha wird mir das niemand glauben«, schoss es Frau Mayer durch den Kopf. Viel erschreckender war für sie jedoch der Gedanke, dass irgendwo unter ihren Füßen womöglich ein gläserner Mensch stand, der ihr Gesicht trug.

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