© AH Die Traumabgabestelle (2/3)

Die Traumabgabestelle (2/3)

Fotoerlaubnis von Roland Albrecht: Museum der Unerhörten Dinge

Was bisher geschah: Hier geht es zum ersten Teil.


Der nächste Kunde war ein vertrautes Gesicht und eine willkommene Abwechslung. Frau Mayer schenkte ihm ein Lächeln.

Der junge Herr Schmied wusste sehr genau, dass ihm so gut wie jeder Lebensweg mehr liegen würde als der, den er momentan beschritt, aber er trug die Verantwortung für zwei Familienangehörige und musste seine eigenen Träume hintanstellen. Er brachte es jedoch nicht übers Herz, sich gänzlich von ihnen zu verabschieden, und so bewahrte Frau Mayer inzwischen eine umfangreiche Sammlung, die er sich eines fernen Tages vielleicht ansehen wollen würde. Da sie die Situation kannte, hatte sich Frau Mayer in der Zeit der Einsparung besonders für ihn eingesetzt, damit seine abgegebenen Träume nicht – natürlich rein versehentlich – verloren gingen. Heute war seine Sammlung zum Glück wieder sicher und durfte beliebig erweitert werden.

»Haben Sie etwas Neues für mich?«, fragte sie ihn entsprechend gut gelaunt.

Ihr Gegenüber rutschte auf dem Stuhl herum und brachte sein Anliegen erst nach einer weiteren Ermutigung durch die Sachbearbeiterin seines Vertrauens heraus. »Es ist mir sehr unangenehm«, flüsterte er, »aber ich möchte meinen Traum von letzter Nacht löschen lassen.«

Damit hatte er Frau Mayer auf dem falschen Fuß erwischt. Sie fing sich jedoch recht schnell, da ihr eine nachvollziehbare Erklärung einfiel: »Das muss ja ein schrecklicher Albtraum gewesen sein. Ich kann mich nicht erinnern, dass Sie jemals um eine Löschung gebeten hätten, dabei kennen wir uns seit mehr als zehn Jahren.« Sie beugte sich über ihren Schreibtisch näher zu ihm. »Jetzt mal unter uns, Micha: Ich helfe auch bei Traumdeutungen, obwohl es nicht auf dem Schild steht. Es ist ganz normal, dass Ihr Unterbewusstsein sich immer lauter zu Wort meldet, solange Sie nicht auf seine Botschaften hören – oder in Ihrem Fall hören können. Von einer Löschung kann ich Ihnen nur abraten.«

Der junge Mann nickte. »Ich kenne Ihre Einstellung und gebe Ihnen völlig recht, aber ich hatte gar keinen Albtraum. Es ist die neue, digitale Speicherung, die mich skeptisch macht.«

Frau Mayer hörte sich seine Sorgen an, ohne ihn zu unterbrechen, obwohl sie manche kaum glauben konnte. Es war einfach unvorstellbar, dass seine Träume irgendwie weitergeleitet worden waren und nun in Form von personalisierter Werbung zu ihm zurückkamen. Für wahrscheinlicher hielt sie es, dass Michael Schmied unter enormem Druck stand und anfing, sich Dinge einzubilden. Vielleicht drangen seine Träume langsam zur Oberfläche durch.

»Wenn ich es Ihnen doch sage«, wies der junge Mann ihre Bedenken zurück, »ich bekomme Werbung für Reisen an Orte, die ich schon immer sehen wollte, für Fortbildungen zu meinem Traumjob, sogar für Kostüme meines Lieblingssuperhelden, dessen Kräfte ich gerne hätte. Davon habe ich niemandem erzählt, damit sich meine Mutter keine Sorgen darüber machen muss, ich könnte eines Tages verschwinden. Das kann doch alles kein Zufall sein!«

Herr Schmied stützte seinen Kopf in die Hände und atmete einige Male ein und aus. Hoffentlich bekommt er mir keinen Panikanfall. Ich habe nicht mal eine Papiertüte da. Frau Mayer suchte in ihren Schubladen einen brauchbaren Ersatz, wurde aber nicht fündig und griff schließlich zum zweiten Mal an diesem Morgen nach einem der Schröpfköpfe. Ob eingebildet oder nicht: Herr Schmieds Angst war auf jeden Fall real und wenn es ihm half, würde sie ihn zumindest von seinem letzten Traum befreien, bevor er in die falschen Hände geriet.

»Sie müssen das verstehen«, versuchte sich ihr Herr Schmied, sichtlich um Fassung bemüht, zu erklären, »diese Werbung ist für mich gefährlich. All die Jahre hatte ich mich in meinem Leben eingerichtet und war damit zufrieden, auch wenn ich mir etwas anderes gewünscht hätte, und jetzt sind meine Träume plötzlich nur noch einen Klick entfernt. Wenn die mehr erfahren, erwischen die mich vielleicht irgendwann in einem schwachen Moment.«

»Ist schon gut, Micha«, versuchte Frau Mayer den jungen Mann zu beruhigen, »Sie brauchen sich nicht zu rechtfertigen. Ich werde Ihren Traum löschen, aber ich muss Ihnen auch sagen, dass ich nicht so recht an Ihre Befürchtungen glauben kann.«

Herr Schmied blieb während der Prozedur außergewöhnlich schweigsam. Sie dauerte viel länger als bei seinem Vorgänger, da seine Gedanken immer wieder abschweiften. Zuletzt gelang es Frau Mayer aber doch, den Traum zu fassen und als grauen Rauch in den Schröpfkopf zu ziehen. Sie war gerade dabei, das Gefäß zu dem anderen in die Ablage zu legen, als sich Herr Schmied auf dem Weg zur Tür noch einmal umdrehte.

»Ich habe eine Idee, wie ich Sie überzeugen kann! Sie müssen sich vor Ort selbst ein Bild machen.« Frau Mayer gab ihm zu bedenken, dass sie sich nicht so einfach im Firmensitz umsehen konnte. »Da komme ich ins Spiel: Wenn ich einen Antrag auf Rücküberführung meiner sämtlichen Träume stelle, wird die das nicht freuen. Sie werden mehrfach nachhaken müssen, um schließlich persönlich einbestellt zu werden.«

Frau Mayer ließ sich widerstrebend darauf ein, um ihrem Kunden das Gegenteil zu beweisen, – und unter der Bedingung, dass Herr Schmied keinen weiteren Traum löschen lassen würde, wenn sie nichts fand, das ihm recht gab.

Fortsetzung folgt in zwei Wochen …

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