© AH Die Traumabgabestelle (1/3)

Die Traumabgabestelle (1/3)

Fotoerlaubnis von Roland Albrecht: Museum der Unerhörten Dinge


Dr. Gerda H. Mayer begrüßte ihren ersten Kunden an diesem Arbeitstag und bat ihn, sich zu setzen. »Was kann ich für Sie tun? Traumumtausch, -zwischenlagerung, -archivierung, -rücknahme? Herr …?«

»Schmidt. Löschung, bitte.«

»Eine sehr drastische Lösung. Haben Sie es sich gut überlegt?« Frau Mayer klickte sich derweil – mit einem Stirnrunzeln im Gesicht – durch die Suchmaske ihres Computers. Die Verpackung lag noch unter dem Schreibtisch.

»Das muss ich nicht«, antwortete Herr Schmidt. »Ich war vorher bei einer Kollegin von Ihnen, Frau Wagner, und die hat mir geraten, alle abzugebenden Träume sofort löschen zu lassen.«

Mit einem Fingerzeig bedeutete ihm Frau Mayer, einen Augenblick zu warten. Dann stieß sie sich mitsamt ihrem Bürostuhl vom Schreibtisch ab und rollte zu dem gewaltigen Aktenschrank hinüber, der um ihr gesamtes Amtszimmer herum lief. »Deshalb sind Sie nicht im System«, erklärte sie ihm, während sie eine Regalleiter zu sich zog und die Stufen bis zur obersten Reihe erklomm. »Die Daten der Kunden, die ich neu übernommen habe, konnte ich bisher noch nicht digitalisieren.«

Herr Schmidt betrachtete die enormen Ausmaße des Aktenschranks und schnalzte mit der Zunge. »Da haben Sie aber noch mächtig viel vor … Wieso sind die alle bei Ihnen gelandet? Ich zum Beispiel? Nicht, dass ich mich beschweren würde …« Dabei verfolgte er mit ungeteilter Aufmerksamkeit, wie seine Sachbearbeiterin die Stufen wieder hinabstieg.

»Es gab eine Umstrukturierung«, erklärte ihm Frau Mayer, zurück an ihrem Schreibtisch und eine besonders pralle Akte in der Hand. »Ganz früher haben wir Träume, die Kunden bei uns abgeben wollten, in spezielle Gefäße gefüllt und in Kisten eingelagert. Die Kosten für den Materialverbrauch und den immensen Platzbedarf wurden aber bald für zu hoch erklärt, weshalb man uns angehalten hat, die Einlagerung von Träumen nicht mehr anzubieten. Jahrzehntelang haben meine Kolleginnen ihre Kunden nur zwischen der Löschung und dem Behalten ihrer Träume wählen lassen, wobei sie ihnen sehr vehement zur Löschung geraten haben. Am Behalten verdienen wir ja nichts.« Dann berichtete sie, wie sie ihrerseits immer versucht habe, die Träume der Kunden zu retten, denn sie hielt sie für wichtige Botschaften des Unterbewusstseins, die man nicht einfach überhören sollte. Teilweise habe sie ihren Kunden sogar den Hinweis gegeben, sich explizit nach einer Aufbewahrungsmöglichkeit zu erkundigen, denn nur dann war es ihr ausnahmsweise erlaubt, über diese Möglichkeit zu informieren.

»Und wie sind Sie zu so vielen neuen Kunden gekommen?« Herr Schmidt deutete mit einer ausladenden Bewegung auf den Schrank hinter ihr. »Bei Ihrem Chef haben sie sich bestimmt nicht beliebt gemacht …«

»Nein, wirklich nicht«, pflichtete ihm Frau Mayer bei, die sich nebenher einen Überblick über seine Akte verschaffte. Mit dem Finger fuhr sie die Spalte mit den Datumsangaben zu seinen Besuchen in der Traumabgabestelle entlang. »Letztes Jahr kam eine externe Firma auf uns zu und bot an, die Träume unserer Kunden zu digitalisieren und in dieser Form zu speichern. Erstaunlicherweise war das sogar billiger, als die Träume zu löschen, also soll ich jetzt dabei helfen, Kunden von den Vorteilen der Aufbewahrung zu überzeugen. Ironie des Schicksals, würde ich sagen.«

Herr Schmidt war für einen Augenblick sprachlos. Dass seine frühere Sachbearbeiterin ihn nur mit Blick auf den Profit des Unternehmens beraten hatte, war für ihn – zumindest in diesem Ausmaß – doch eine Überraschung. Obwohl er es sich hätte denken können. Wo wurde schließlich nicht gespart? Und es hatte ihm ja nicht geschadet.

»Hm«, meldete sich Frau Mayer zu Wort, die mit ihrem Finger beim letzten Eintrag angekommen war. »Jetzt weiß ich, warum man Sie zu mir geschickt hat. So eine Entwicklung ist mir noch nie untergekommen! Sie haben mit einem Termin pro Halbjahr angefangen und sind heute, vier Jahre später, bei einem pro Woche? Haben Sie schon mal mit jemandem darüber geredet?«

Herr Schmidt verschränkte die Arme vor der Brust. Was sollte das denn werden? »Worüber?«

»Wieso Sie immer häufiger träumen, ob es dabei um dasselbe Thema geht«, Frau Mayer spulte die Liste nach all den gleichlaufenden Beratungsgesprächen der letzten Monate ohne den kleinsten Texthänger herunter, »über wiederkehrende Bilder, Ihre emotionale Reaktion auf diese Bilder, ob es einen Bezug zu Ihrer Lebenssituation geben könnte …«

»Hören Sie!«, fiel Herr Schmidt ihr ins Wort. »Ich halte wirklich nichts von diesem neumodischen Unsinn! Ich gehe gleich zurück zur Arbeit und da muss ich mich konzentrieren. Diese ganzen Träume lassen mich nachts nicht schlafen und am Tag lenken sie mich ab. Ich bin hier, damit Sie sie aus meinem Kopf holen. Mit allem Anderen verschwenden Sie meine Zeit!«

Frau Mayer musterte ihren Kunden von oben bis unten. Seine Augen funkelten wütend, aber sie nahm seine Aggression nicht allzu ernst. Viele Menschen reagierten mit Ablehnung, wenn man ihnen zu schnell zu nahe kam. Also hob sie beschwichtigend die Hände und holte aus den Tiefen ihres Schreibtisches etwas hervor, das aussah wie ein Schröpfkopf. »Also gut, hier ist mein Vorschlag«, sagte sie, während Herr Schmidt routiniert die Stuhllehne schräg stellte und den Kopf zurücklegte. »Heute lösche ich Ihren Traum ohne Bedingungen, aber von jetzt an werden Sie mir vorher jedes Mal eine Frage beantworten. Quid pro Quo.«

Herrn Schmidt lagen einige unfreundliche Worte auf der Zunge, aber er wusste, dass er am kürzeren Hebel saß. »Also schön. Sie lassen ja sowieso nicht locker …« Die für seinen Geschmack viel zu engagierte Sachbearbeiterin bestand auf einem Handschlag. Dann setzte sie ihm den Schröpfkopf zwischen die Augenbrauen – die Stelle wies durch die vielen Anwendungen bereits eine kreisrunde rötliche Verfärbung auf – und aktivierte das Gerät. Da er genug Übung darin hatte, sich im entscheidenden Moment auf seinen zu löschenden Traum zu konzentrieren, füllte sich das Innere der Glaskugel augenblicklich mit dem grauen Rauch, der vorher seinen Versand vernebelt hatte. Herrn Schmidts Züge entspannten sich und er atmete tief ein. Kaum zu glauben, dass er dieses Ziehen vor vier Jahren noch als unangenehm empfunden hatte. Heute konnte er sich kein schöneres Gefühl mehr vorstellen: Als würde ihm eine große Last von den Schultern genommen.

Schon nach wenigen Minuten war alles vorbei. Das Gerät schaltete sich automatisch aus und Frau Mayer legte es in die Ablage. Sie würde erst weitere Schröpfköpfe sammeln und sie später zum Löschen bringen. Trotz ihrer Anstrengungen gaben für ihren Geschmack noch viel zu viele Menschen ihre Träume für immer ab, ohne über ihren Sinn nachzudenken. Gewohnheiten ließen sich eben nicht so schnell ändern. Dabei war das neue Lagersystem eine große Chance: Wenn man gerade kein Nachgrübeln über das eigene Leben gebrauchen konnte, ließ man seine Träume für sich aufbewahren, und wenn man in einer anderen Situation für jeden Hinweis dankbar war, der einem die Richtung weisen konnte, holte man sie wieder ab. Auf Wunsch sortierte Frau Mayer die Träume ihrer Kunden sogar nach wiederkehrenden Mustern vor oder half bei der Deutung. Das war eine sehr zeitraubende Arbeit, aber genau dafür war sie ursprünglich zur Traumabgabestelle gekommen: Um Menschen dabei zu helfen, sich selbst besser kennenzulernen und ihr Leben so zu führen, wie es ihrem Wesen entsprach. Bei Herrn Schmidt lag noch viel Überzeugungsarbeit vor ihr.

Fortsetzung folgt in zwei Wochen …

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