© AH Der letzte Baum

Der letzte Baum

»Es ist schön, dass du hier bist und dir alles genau ansiehst«, meinte der letzte Baum zu dem Mädchen, das mit dem Rücken an seinem Stamm lehnte und – ohne den Blick auch nur einmal abzuwenden – die Ameisenstraße beobachtete, die sich über das vertrocknete Laub am Boden zog.

Unermüdlich kämpften sich die winzigen Wesen durch die Gebirgslandschaft, die ihnen in den Weg gelegt worden war. Gemeinsam bauten sie Tunnel darunter hindurch, verbanden sich zu Brücken über klaffende Schluchten oder fanden neue Wege um die Hindernisse herum. Wie ein Fluss aus Millionen Wassertropfen, die in dieselbe Richtung drängten und in ihrem Lauf der Erde eine neue Gestalt gaben. Es war ein mühsamer Weg, da inzwischen mehr braune Blätter auf dem Boden lagen, als grüne an den Ästen hingen.

Für den letzten Baum war das sehr beunruhigend, denn während seines langen Lebens hatte er immer Laub getragen. Wenn ein Blatt zu welken begann, wuchs ein neues nach – in guten Zeiten sogar zwei oder drei. Doch das Wasser, die Erde und die Luft waren verändert und nun hatte seine ausladende Krone, die früher Schatten gespendet und die Geräusche der Welt zu einem kaum wahrnehmbaren Summen gedämpft hatte, riesige Löcher. Durch sie gelangten Sonnenstrahlen bis auf die Erde und versengten die zarten Triebe, aus denen neues Leben hätte entstehen können. Junge, starke Bäume, die dem Himmel entgegen wachsen und ein Wald hätten werden sollen, der sich in alle Himmelsrichtungen in das Grau hinein ausbreiten sollte, das sich immer näher an den letzten Baum heran fraß. Ein stolzer Wald wie damals, als man ihn noch nicht den letzten Baum genannt hatte.

»Wie bist du hierher gekommen?«, wandte er sich an das Mädchen. »Es ist ein weiter Weg durch das Grau. Sonst kommen nur Menschen zu mir, um meine Früchte zu stehlen, tiefe Wunden in den Boden zu graben und ihre Tiere die kleinen Pflänzchen kahl fressen zu lassen. Niemand bleibt länger als nötig und sieht sich um.«

Das Mädchen legte den Kopf in den Nacken und blickte zur Baumkrone hinauf, die im Wind raschelte und flüsterte. Wäre es nicht fantastisch, mit dem letzten Baum sprechen zu können? Er kannte sicher jede Menge Geschichten und sie wollte ihm erzählen, wie schön es unter seinem Dach war – auch wenn es immer mehr Löcher bekam und ihr das abgestorbene Laub auf den Kopf rieselte. Wie vielen Erwachsenen hatte sie gesagt, dass es ihrem Freund schlecht ging und sie ihm helfen sollten, aber die meisten blieben lieber im Grau auf ihren vertrauten Wegen und sahen in eine andere Richtung, wenn sie sie am Ärmel zog. Manche wollten ihr sogar verbieten, wieder herzukommen, damit sie diesen Ort vergaß und schwieg wie alle anderen. Also schlich sie sich fort, wann immer es ging.

»Ein mutiges Kind«, dachte der letzte Baum. Wie schade es doch war, dass sie sich nicht unterhalten konnten. Er hatte viele Fragen an die Menschen: Warum sie lieber im Grau lebten als in einem Wald. Wieso sie Dinge zerstörten, die älter waren als sie selbst. Und weshalb sie nicht merkten, was sie taten. »Ich wünschte, ihr währt mehr wie die Ameisen«, sagte der letzte Baum zum Abschied, als das Mädchen vorsichtig aufstand und einen großen Schritt machte, um keines der fleißigen Tiere zu zertreten. »Sie sind so klein und wissen nicht einmal von mir, und trotzdem bewegen sie unter größten Mühen das Laub, das alles darunter zu ersticken droht, und geben dem neuen Leben eine Chance. Ihr könntet die Blätter einfach aufheben, wenn ihr nur wolltet, und mir sauberes Wasser, frische Erde und bessere Luft bringen.«

Das Mädchen blieb unter den tief hängenden Ästen am äußeren Rand der ausladenden Krone stehen. Genau vor ihr begann das Grau. Von ihren Fußspitzen bis zum Horizont reichte die kahle, ebene Fläche, die allem und jedem die Farben nahm. Der Windhauch, der ihr von hinten über die Schultern strich und ihre Haare nach vorne wehte, erinnerte sie daran, dass auch sie nicht davor geschützt war: Ihre braunen Locken ergrauten augenblicklich. Jedes Mal, wenn sie unter dem Kronendach stand, brauchte sie länger, um darunter hervorzutreten. Sie wollte nicht in das Grau zurück, das sie schon jetzt zu einer alten Frau machte. Aber sie hatte ihren Freund lieb gewonnen und musste ihn möglichst vielen Menschen zeigen, die noch nichts von seiner Schönheit wussten – und den welken Blättern, die zu Boden fallen.


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