© AH Das Märchen von den zwei Rittern

Das Märchen von den zwei Rittern

Diesen und anderen Rittern kann man im Märkischen Museum zur Berliner Stadtgeschichte begegnen.


Es war einmal vor langer, langer Zeit ein König, der nach dem Tod seiner geliebten Frau kein weiteres Mal heiraten wollte. Da er keinen Sohn hatte, fehlte ihm ein Erbe für den Thron, und so beschloss er eines Tages, seine einzige Tochter zu vermählen. Die Prinzessin galt zwar als eigensinnig und belesen, doch war sie mit ihrem langen, goldenen Haar schön anzusehen, und würde aus vielen Bewerbern wählen können.

Ihr allerdings stand der Sinn nach anderen Dingen. Viel zu jung sei sie und wolle zuerst die Welt sehen, erklärte sie ihrem Vater, der sie und ihre Zofe daraufhin in einem Zimmer ganz oben im höchsten Turm einmauern ließ. Von dort habe sie einen ausgezeichneten Blick auf die Welt und dürfe erst dann herunterkommen, wenn sie zu heiraten bereit sei. Da der König sie nicht mit Gewalt zu ihrem Glück zwingen wollte und die Prinzessin unnachgiebiger war als erwartet, zogen darüber die Jahre ins Land.

Schließlich wurde dem König das Warten leid und er rief ein Turnier aus, um seinen Nachfolger selbst zu bestimmen. Alle Ritter seines Reiches sollten daran teilnehmen. Den Sieger würde er als Erben einsetzen und ihm seine Tochter zur Frau geben, sobald sie ihren Widerstand aufgab.


Am Tage des Turnieres versammelte sich das Volk auf der Wiese vor der Burg, um dem Spektakel beizuwohnen. Frauen und Männer, Jung und Alt, Hoch und Niedrig drängten bis an die Bahn heran, auf der die Pferde beim Tjosten aufeinander zu stürmten. Der Boden bebte, wenn sie ihre Hufe in den Sand gruben und mit weit geblähten Nüstern ihre Reiter aufs Feld trugen. Einer nach dem anderen traten die tapferen Recken unter dem tosenden Beifall der Menge gegeneinander an. Lanzen splitterten, Schilde brachen, zerbeulte Rüstungen schnitten durch Haut und Fleisch. Während die Verwundeten noch von der Bahn getragen wurden, flatterten bereits die bunten Banner der nächsten Kontrahenten im Wind. Ihre Herolde überboten sich mit Lobpreisungen, doch wurden sie von den Rufen der fliegenden Händler übertönt, die am Rande des Festplatzes ihre Waren anpriesen. Den ganzen Tag über herrschte rund um das Turnier reges Treiben. Und in der ersten Reihe stand ein junger Schreiber, der jeden einzelnen Tjost verfolgte.

Schließlich war das Feld der Teilnehmer schon merklich ausgedünnt und der König bat vor dem alles entscheidenden Kampf die letzten beiden Ritter zu sich.

Von der einen Seite der Bahn kam der General der königlichen Leibgarde auf seinem Schimmel geritten. Völlig in Weiß gekleidet und mit seinem silbernen Harnisch strahlte er in der Sonne heller als der König in Purpur und Gold. Als er sein Pferd direkt an den Zuschauern vorbeiführte, lächelte er ihnen freundlich zu. Ein andächtiges Flüstern wogte durch die Menge. Einige Frauen streckten sich nach vorne, um den weißen Umhang zu berühren, der hinter ihm her wehte. Die Männer verneigten sich voller Ehrfurcht. Dieser Mann war eine Legende. Seit seinem Sieg über den riesigen Schattenwolf, der im Wald Jagd auf ahnungslose Reisende machte und das Vieh der Bauern riss, wurde niemand im Reich mehr geachtet und verehrt. Den Moment, als er mit dem Kopf der Bestie aus dem Schatten der Bäume heraustrat, würde niemand je vergessen. Seither war er der Günstling des Königs und hatte innerhalb wie außerhalb des Reichs noch jedes Turnier gewonnen.

Der Schreiber beobachtete den Favoriten mit besonderem Interesse. Es hieß, er sei der Mutigste von allen, der Geschickteste im Kampf, loyal seinem König und gerecht seinen Feinden gegenüber, von tadellosem Ruf und ein galanter Ehrenmann, der durch Tanz und Gesang jede Dame des Hofes für sich gewinnen könnte. Er besang jedoch ausschließlich die Schönheit der einsamen Prinzessin hoch oben im Turm, der er noch nie begegnet war. Den Schreiber rührten solche Geschichten.

Von der anderen Seite des Platzes ritt der Schwarze Ritter zur Tribüne des Königs. Die Menschen wichen vor ihm zurück. Sie stolperten sogar übereinander, so eilig hatten sie es, nicht etwa von seinem Schatten gestreift zu werden, denn noch schwärzer als seine Kleidung waren die Geschichten, die sich um seine Gestalt rankten. Es hieß, er stünde im Bunde mit den dunklen Mächten. Im Kampf würde er in einen Rausch verfallen und sich mit dem Blut seiner Opfer heidnische Symbole auf die Haut malen, sodass seine Feinde allein bei seinem Anblick die Flucht ergriffen. Seine Festung galt als uneinnehmbar und seine Grausamkeit als grenzenlos. Gesehen hatte ihn hier in der Hauptstadt seit Jahren niemand.

»Dass der sich hierher traut«, murmelten einige. »Wie kann so ein Unhold es wagen, um die Hand einer Prinzessin zu werben?« Die Rufe wurden lauter. »Euersgleichen ist hier nicht willkommen!«

Der Schwarze Ritter ließ sich von der Feindseligkeit der Zuschauer nicht beeindrucken. Hoch erhobenen Hauptes ritt er an ihnen vorbei, lächelte und winkte nicht, zwinkerte jedoch den Hofdamen zu, die ihn fasziniert musterten.


»Ihr tapferen Streiter«, begrüßte der König die beiden Kontrahenten, »bevor Ihr Eure Kräfte messt, frage ich Euch: Warum wärt Ihr der beste Gemahl für meine geliebte Tochter und der beste Regent für meine geliebten Untertanen?«

Der Weiße Ritter begann. »Euer Majestät wissen um meine unsterbliche Liebe zu Eurer wunderschönen Tochter. Seit Ihr mich nach meinem Sieg über den Schattenwolf in Eure Dienste nahmt«, er wartete geduldig, bis die Jubelrufe abebbten, »und ich erstmals hoffen durfte, den Liebreiz der Prinzessin mit eigenen Augen sehen zu dürfen, gelten all meine Gedanken allein ihr. Keine andere Dame habe ich jemals eines Blickes gewürdigt. Meine Liebe allein ist stark genug, um sie von ihrem Turm herunter zu locken.«

»Wohl gesprochen«, dachte sich der Schreiber und stimmte in den Applaus der Menge ein. Aber wie konnte der Weiße Ritter jemanden lieben, dem er noch nie begegnet war?

»Ich gebe nichts auf die Schwärmerei eines verliebten Jünglings«, meldete sich der Schwarze Ritter zu Wort. »Wie könnt Ihr sicher sein, dass er mit der Hand der Prinzessin nicht nur seinen eigenen aufsteigenden Stern stützen will, bevor er wieder fällt? Sein Sieg über den Schattenwolf ist unvergessen, aber schon viele Jahre her. Welche großen Taten hat er seither vollbracht? Ich hingegen diene Euch seit Jahr und Tag am äußersten Rande Eures Reiches. Halbvergessen verwalte ich das Land und die Festung, verteidige die Grenze gegen Eure Feinde und Eure Handelswege gegen Räuber. Auf Euer Geheiß führe ich meine Männer tief ins Feindesland, überfalle Siedlungen, lege Hinterhalte und befehlige Schlachten. Ich mache keine Gefangenen, damit allein die Nennung meines Namens so manchen Angriff verhindert und Eure tugendhaften Ritter sich weiter bei Turnieren vergnügen können. Ich schütze Euer Reich seit Langem und will mir heute die Ehre verdienen, es zu regieren. Es ist der einzige Weg zur Freiheit, den ich kenne.«

»Ich schätze Eure Dienste«, meinte der König, »und bin Euch sehr verbunden, dass Ihr sie im Schatten leistet. Dennoch glaube ich nicht, dass meine Tochter ihren Turm für einen Mann von zweifelhaftem Ruf verlassen wird.«

Der Schwarze Ritter lachte. »Es würde mich überraschen, wenn sie überhaupt jemals herunterkäme. Wieso sollte sie ein Gefängnis gegen ein anderes eintauschen?«

Der Schreiber gab ihm im Stillen recht. Er hatte gehofft, dass der Sieger der Prinzessin vielleicht gefallen und sie in ihr altes Leben zurückkehren könnte, doch als Prinzessin würde sie niemals frei sein.


Die beiden Ritter nahmen Aufstellung. Auf ein Zeichen des Königs trieben sie ihre Pferde an und stürmten aufeinander zu. Der Weiße Ritter lenkte seinen Schimmel auf schnurgeradem Weg und hielt seine Lanze in perfektem Winkel. Gegen jeden anderen Gegner hätte er mit seiner tadellosen Technik den Sieg errungen. Der schwarze Ritter jedoch kämpfte sonst nicht in Turnieren. Sein Pferd kannte keine Furcht und preschte so schnell vorwärts, dass sich der Schimmel erschrak und im entscheidenden Moment zur Seite auswich. Die Lanzenspitze des Weißen Ritters rutschte vom Schild des Schwarzen Ritters ab, während der seinen Kontrahenten mit solcher Wucht traf, dass dieser hinten vom Pferd zu stürzen drohte. Der Schwarze Ritter versetzte ihm einen Stoß mit dem Schild, der ihn endgültig aus dem Sattel warf. Unter dem entsetzten Geschrei der Menge ritt er auf die Tribüne zu, während der Weiße Ritter vom Gewicht seiner eigenen Rüstung begraben wurde.

Der König konnte die Niederlage seines Günstlings nicht leugnen, zögerte jedoch, dem Schwarzen Ritter die Krone des Thronerben zu überreichen.

»Gegen einen Schattenwolf hätte er bestimmt gewonnen«, meinte der Schwarze Ritter, während sein Gegner sich noch immer auf dem Boden wand. »Aber keine Sorge, Eure Hoheit. Entlasst mich aus Euren Diensten und übertragt mir das Land, das ich bisher für Euch verwaltet habe. Mehr kostet es Euch nicht und der Weiße Ritter kann für immer darauf warten, dass seine Liebste zu ihm herabsteigt.«

Der König überhörte großzügig den Spott und stimmte erleichtert zu. Da er es eilig hatte, den unschönen Zwischenfall zu bereinigen, ließ er gleich an Ort und Stelle nach einem Schriftkundigen rufen. Der Schreiber trat vor und hielt die Forderungen des Schwarzen Ritters fest. Der ließ den König unterschrieben und nahm dann den Schreiber zur Seite.

»Für einen Schriftkundigen, der sein Handwerk erst als Lehrling vervollkommnet hat, seid Ihr reichlich jung. Wie kommt also ein Mitglied des Hofes dazu, sich als Schreiber zu verdingen?«

»Ihr habt für Eure Freiheit viel gewagt«, gab der Schreiber zur Antwort. »Jeder muss seine Karte spielen, wenn man nicht ein Gefängnis gegen ein anderes tauschen will.«

Der Schwarze Ritter musterte den schmächtigen jungen Mann mit den zerfransten blonden Haaren, der ihm für einen einfachen Höfling viel zu direkt in die Augen sah. Dann nickte er ihm kaum merklich zu und bot ihm an, ihn in seinen Dienst zu nehmen. Und so zog der Schreiber unbemerkt im Tross des Schwarzen Ritters davon, um ihm als Berater zur Seite zu stehen und ihn auf seinen Reisen zu begleiten.


Von der Prinzessin hingegen hat man nie wieder gehört.

Als der König am selben Tag einen Durchgang zum Turmzimmer schlagen ließ, um seiner Tochter ihren zukünftigen Ehemann vorzustellen, fand er nur ihre Zofe vor, die ihn nicht zu bemerken schien und wirre Worte zu sich selbst sprach. Die Prinzessin musste schon vor Jahren entkommen sein und wurde seither nicht mehr gesehen.


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