Archipel (2/2)

Archipel (2/2)

Was bisher geschah: Hier geht es zurück zum ersten Teil.


X.Y. hatte sich schon mit aller Entschlossenheit aufgerichtet und sich zu der Frau hinunter gebeugt, als sein Retter ihn zurückriss. Es entstand ein kurzes Handgemenge, bei dem X.Y. den Kürzeren zog. Sein Retter zerrte ihn kurz entschlossen zum Rand und drückte ihn grob gegen die Reling

„Schau ganz genau hin!“, verlangte er wütend.

X.Y. wusste nicht, worauf er achten sollte, aber dann fiel ihm tatsächlich etwas auf: Die Frau trieb nicht mit der Strömung davon. Etwas musste sie an dieser Stelle festhalten. Bei näherem Hinsehen entdeckte er, dass sich an vielen Stellen ihres Körpers so etwas wie Schlingpflanzen in ihre Haut gebohrt hatten. In dem dunklen Wasser wirkten sie wie schwarze Schläuche.

„Wir sollten ihr trotzdem helfen“, meinte X.Y. nachdenklich. „Vielleicht kann man diese… Pflanzen… aus ihr herausziehen.“

„Jetzt hör mir mal gut zu“, unterbrach ihn sein Retter. „Wir sind hier in einem mir völlig unbekannten Teil der Stadt und du kannst dich nicht mal auf den Beinen halten. Da werde ich einen Teufel tun, mich in irgendetwas einzumischen. Wenn du auf dieser Fahrt wirklich etwas lernen willst, dann merk dir das vor allem anderen.

Damit startete er den Motor und nahm seinen ursprünglichen Kurs wieder auf. Er fuhr sehr langsam, weil er im Licht des Scheinwerfers zwischen den Körpern hindurch zu navigieren versuchte.

„Was glauben Sie, was das für Pflanzen sind?“, fragte ihn X.Y., als er sie im Vorbeifahren auch an den anderen bemerkte.

„Schwer zu sagen. Aber eines weiß ich ganz sicher: Wer einmal so tief unter die Wasseroberfläche geraten ist, kommt nie wieder hoch. Dort unten liegt eine ganz eigene Welt und die lässt sich nicht so einfach um ihre Opfer bringen.

„Haben Sie es schon mal versucht?“, hakte X.Y. nach.

Sein Retter schnaubte genervt. Dann krempelte er seinen rechten Ärmel hoch und zeigte ihm mehrere kreisförmige Narben

„Als ich einen Mann an Bord ziehen wollte, wurden diese Schlingpflanzen mit einem Mal sehr lebendig und haben sich um meinen Arm geschlungen. Ich musste sie selbst herausziehen, um zu entkommen. An diesem Tag wäre ich fast verblutet, ohne dass der Mann meine Anstrengungen überhaupt mitbekommen hätte, und seither mache ich einen weiten Bogen um sie.“

X.Y. saß eine ganze Weile nachdenklich am Heck, während sie den sumpfigen Seitenarm des Flusses verließen. Um sie herum begann es bereits zu dämmern. Dann stellte er seinem Retter endlich die Frage, die er schon seit Jahren mit sich herumtrug:

„Wieso ist es das wert? All die Schrecken, die hier überall am Wasser lauern, und doch leben die Menschen nirgendwo lieber als in der großen Stadt. Sehen Sie sich nur mich an! Ich könnte wahrscheinlich überall ein leichteres Leben führen als hier. Warum bin ich nicht schon längst weggezogen?“

„Für dich kann ich nicht sprechen, aber ich weiß genau, warum ich hier bleibe…“

Sein Retter schenkte ihm ein überraschend breites Grinsen und lenkte dann um eine weitere Flussbiegung. Mit einem Mal lag ein ganzer Archipel ohne eine Spur von Nebel vor ihnen. Die gerade aufgehende Sonne tauchte alles in weiches Licht und der reißende Mahlstrom floss mit einem Mal nur noch träge dahin. X.Y. traute seinen Augen kaum.

„Wie ist das möglich?“, stammelte er fassungslos. „Ich habe noch nie so viel von der Stadt sehen können!“

„Du sitzt mit mir in meinem Boot“, erklärte sein Retter. „Darum siehst du die Stadt so wie ich.“

X.Y. hörte kaum hin. Zum ersten Mal sah er, was andere die schönen Seiten der Stadt nannten, und zum ersten Mal hatte er, ohne gegen eine starke Strömung ankämpfen zu müssen, auch die Gelegenheit, sich wirklich umzuschauen. Nie zuvor hatte er die alten Häuser bemerkt, von denen sich jedes unverwechselbar von den anderen abhob, und nie zuvor waren ihm die vielen Parks mit ihren blühenden Bäumen aufgefallen.

Er hätte Stunden damit zubringen können, diese Schönheit zu bewundern.

Dann erregten die Menschen seine Aufmerksamkeit und er beobachtete staunend, wie sie seelenruhig am Ufer entlang spazierten.

„Ist dieser Anblick nicht ein paar Anstrengungen wert?“, riss ihn sein Retter aus seinen Gedanken.

X.Y. nickte andächtig.

„Es ist wunderschön“, flüsterte er. „Ich beneide jeden, der wie Sie den Mahlstrom so zu kontrollieren gelernt hat, dass er sich vollkommen sicher durch die große Stadt bewegen und sich auf ihre schönen Seiten konzentrieren kann.“

„So etwas wie Sicherheit gibt es hier nicht“, entgegnete sein Retter. „Du kannst lernen, die gewaltige Energie, die im Mahlstrom steckt, dahingehend umzuleiten, dass sie dich nicht mehr in schwachen Momenten fortreißt, sondern dich im Gegenteil an ein bestimmtes Ziel befördert, aber man darf sich niemals selbst überschätzen. Egal, wie lange du hier lebst, du wirst immer ein Fremder bleiben. Die große Stadt verändert sich ständig, also kann es vorkommen, dass sich Inseln, die du früher in- und auswendig kanntest, im Laufe der Zeit wieder mit Nebel zuziehen, und selbst an einem sonnigen Morgen wie diesem kann dir jederzeit etwas widerfahren, das dich dazu verleitet, all deine Regeln zu vergessen und dich doch wieder einfach kopflos ins Leben zu stürzen.“

X.Y. sah ihn skeptisch an.

„Nachdem ich heute gesehen habe, an welchen Ort einen das irgendwann führt, glaube ich ehrlich gesagt nicht, dass mir das noch mal passiert.“

„Lass mich dir das Gegenteil beweisen“, meinte sein Retter und steuerte auf eine Gruppe von Touristen zu, die an einer Anlegerstelle wartete.

Sofort nach der Begrüßung kam schon die unvermeidliche Frage auf, wie unglaublich es sein müsse, in der großen Stadt zu leben. X.Y. hörte es metallisch klicken und dann geriet sein Retter über die unbegrenzten Möglichkeiten ins Schwärmen. Seine Stimme wurde dabei immer weicher und einschmeichelnder bis sie fast schon wie Gesang klang und X.Y. all seine Bedenken vergessen ließ.

Es war so einfach: Er musste sich einfach nur ins Wasser gleiten lassen und schon würde er an die unglaublichsten Orte gespült werden. Er war schon mit einem Fuß auf der Reling, als er die Handschellen bemerkte, mit denen sein Retter ihn dort festgekettet hatte.

In diesem Moment erwachte er aus einer Art Trance, doch die Touristen hatten weniger Glück. Einer nach dem anderen sprang trotz seiner Warnrufe fröhlich ins Wasser und wurde sofort mitgerissen.

X.Y. wunderte sich zunächst darüber, wie dies bei der kaum vorhandenen Strömung möglich war, doch dann fiel ihm ein, dass der Mahlstrom an dieser Stelle nur so ruhig wirkte, weil er in dem Boot seines Retters saß und gewissermaßen mit seinen Augen sah.

„Sie haben gerade unschuldige Leute in den Mahlstrom gelockt!“, fuhr er ihn an, als er ihm die Handschellen löste.

„Nicht absichtlich“, erwiderte der Fremde ohne ihm in die Augen zu sehen. „Wir, die wir in der großen Stadt leben, sind ein Teil von ihr und der Geschichten, die man sich über sie erzählt. Seit es die große Stadt gibt, fühlen sich die Menschen von der pulsierenden Energie angezogen, die durch den Mahlstrom fließt, und sie wollen die immer gleichen Geschichten über das fantastische Leben hören, das sie dort führen würden. Alles, was ich erzähle, selbst das Erschreckende, klingt in ihren Ohren nach einem großen Abenteuer. Selbst mir, der es ja nun wirklich besser wissen sollte, passiert das noch manchmal. Deshalb habe ich die hier“, er deutete auf die Handschellen, „immer dabei.“

„Ich verstehe…“, meinte X.Y. langsam. „Das, was Sie wirklich sagen wollen, hören die Menschen erst, wenn sie nicht länger an die Geschichten glauben. Deswegen haben Sie mich in Ihr Boot gezogen, nicht wahr? Als Wiedergutmachung…“

Sein Retter antwortete ihm nicht, sondern bedeutete ihm stattdessen, nun von Bord zu gehen. X.Y. kletterte ungelenk auf den Anleger und in dem Augenblick, als er das Boot nicht länger berührte, schoben sich augenblicklich dichte Nebelfelder vor das Panorama des Archipels.

Enttäuscht spielte X.Y. kurz mit dem Gedanken, die große Stadt tatsächlich zu verlassen, doch als er seinem Retter ein letztes Mal zuwinkte, wurde ihm klar, dass er mit allem Recht behielt: Wer einmal die enorme Energie des Mahlstroms gespürt hatte, kam nie wieder davon los.

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