© AH Archipel (1/2)

Archipel (1/2)


X.Y. hatte es aufgegeben, gegen die Strömung ankämpfen zu wollen. Sie riss ihn ja doch Tag für Tag aufs Neue mit sich, also warum sich überhaupt die Mühe machen? Da konnte er sich ihr auch gleich ausliefern und auf den Tod warten. In diesem Sinne drehte er sich auf den Rücken, um sich einfach vom Wasser tragen zu lassen. Zu mehr fehlte ihm nach all den Jahren die Kraft

Das Leben in der großen Stadt hatte er sich anders vorgestellt. Leichter, heller, mit mehr Freude und weniger Schmerz. Jeder, der früher als er aus seinem Heimatort fortgezogen war, um hier sein Glück zu suchen, hatte ihn mit wunderbaren Geschichten fortgelockt: All die neuen Erfahrungen, die es zu sammeln galt, die vielen Freunde, spannenden Arbeitsstellen und aufregenden Abenteuer – wie sollte man diesem Lockruf widerstehen können?

Und erst die Freiheit… Die Freiheit, tun und lassen zu können, was man wollte, ohne dass sich irgendjemand darum kümmern würde. X.Y. hatte es gar nicht erwarten können. Kaum angekommen, war er auch schon kopfüber in den Mahlstrom gesprungen, der überall in der Stadt verlief und sie in eine Vielzahl von Inseln zerschnitt.

Viele Jahre schwamm er in diesem Strom aus pulsierendem Leben, ließ sich wie in einer Achterbahn hin und her wirbeln und genoss dabei das Gefühl der Ungebundenheit. Wenn er zwischendurch an Land ging, wusste er nie, in welchem Teil der Stadt er sich wiederfinden würde, und er gelangte kaum je zwei Mal an denselben Ort. Von ihm aus hätte sein Leben genauso weitergehen können.

Irgendwann erreichte er jedoch den Punkt, an dem er das Nachlassen seiner Kräfte nicht mehr leugnen konnte. War er früher noch mühelos ans Ufer geschwommen, wann immer ihm danach war, musste er sich inzwischen anstrengen, um nicht gegen seinen Willen vom Mahlstrom mitgerissen zu werden.

Er hätte sich dieser Gefahr am liebsten entzogen, doch um zu seiner Arbeitsstelle auf einer weit entfernt liegenden Insel im Zentrum zu gelangen, musste er sich jeden Tag aufs Neue in die Fluten wagen. Am schlimmsten war dabei der Rückweg, denn während einem die Notwendigkeit, zur Arbeit zu gelangen, morgens den nötigen Antrieb gab, wuchs am Abend die Versuchung, dem alltäglichen Leben entfliehen zu wollen und etwas Zerstreuung zu suchen. Die Strömung des Mahlstroms wurde dadurch viel stärker.

X.Y. wurde fast jeden Tag von ihr fortgerissen, wenn er sich auf den Heimweg machte, doch schon längst fühlte er sich dabei nicht mehr berauscht. Das Gefühl von Freiheit hatte sich in Ohnmacht verwandelt.

Halb besinnungslos wurde er jeden Abend zusammen mit vielen anderen an dasselbe fremde Ufer gespült und da dies in der ganzen Stadt der einzige Ort war, der auf ihn gewartet zu haben schien, löste er sich bis zum Morgengrauen in der Menschenmenge auf und kehrte jedes Mal ein bisschen leerer zurück.

Dabei hatte er noch Glück, denn jede Nacht gingen viele Menschen auf dem Fluss verloren.

Dieses Mal ließ er sich nun ganz bewusst treiben. Welchen Sinn hatte schon ein Leben, dessen Richtung man nicht mehr selbst bestimmen konnte? In solch düstere Gedanken gehüllt, bemerkte er gar nicht, wie er an dem Ufer der Vergnügungssuchenden vorbei trieb und den ihm bekannten Teil der Stadt verließ.

Als er sich schließlich umsah, war er schon so von dichten Nebelschwaden eingeschlossen, dass er inmitten des diffus gebrochenen, orangenen Lichts der Straßenbeleuchtung das Ufer nicht mal mehr als schwarze Silhouette ausmachen konnte. X.Y. trieb noch einige Stunden umher, aber das Bild änderte sich nicht. Selbst der Nachthimmel blieb im Nebel verborgen.

„Womöglich ertrinke ich gar nicht, sondern lande in einer ganz neuen Welt“, dachte er gerade noch hoffnungsvoll, als sich von hinten zwei Arme um ihn legten und er unter angestrengtem Ächzen in ein kleines Motorboot gezogen wurde.

Er spürte mehrere kräftige Schläge auf seinen Brustkorb, die erst aufhörten, als er einen Schwall Wasser hervorwürgte. Anscheinend war er doch näher am Ertrinken gewesen als er gedacht hatte.

Nach einigen tiefen Atemzügen konnte er mühsam seinen Oberkörper an der Reling hochziehen und einen Blick auf seinen Retter werfen, der sich gerade in eine geblümte Decke wickelte. Er schätzte ihn auf Mitte vierzig.

„Hier“, rief der Mann X.Y. ziemlich barsch zu und warf einen Lappen nach ihm, „mach dich wenigstens nützlich“.

X.Y. sah ihn irritiert an.

„Ich bin gerade fast ertrunken…?“, entgegnete er mit krächzender Stimme.

„Und dank mir bist du noch am Leben und tropfst in mein Boot. Jetzt wisch die Pfütze auf oder spring wieder raus.“

Damit wandte er sich nach vorne zum Steuer und startete den Motor. X.Y. tat tatsächlich wie geheißen, ließ seinen schweigsamen Retter aber nicht aus den Augen.

„Wer sind Sie?“, fragte er ihn schließlich.

„Spielt keine Rolle“, antwortete der Fremde ohne sich zu ihm umzudrehen. „Ich setze dich auf der nächsten sicheren Insel ab, da müssen wir keine Freunde werden. Mit deinem Leben will ich nichts zu schaffen haben. Vermutlich wirst du morgen sowieso wieder in der Strömung treiben und ich fahre dann eine andere Route. Ihr jungen Leute seid alle gleich“, fuhr er nach einer Pause kopfschüttelnd fort. „Ihr kommt aus euren Provinznestern hierher, auf der Suche nach weiß ich was und glaubt, dass alles hier nur auf euch gewartet hätte. Dann stürzt ihr euch kopfüber in den Mahlstrom ohne irgendeine Ahnung zu haben, wie diese Welt funktioniert, nennt das Mitgerissenwerden von den Fluten auch noch Abenteuer und Freiheit und wollt uns Alteingesessenen zeigen, wie man so richtig lebt. Irgendwann, wenn es längst zu spät ist, merkt ihr dann, dass der Mahlstrom eure Kräfte aufgezehrt hat und ihr nicht mehr auf die Beine kommt. Dann jammert ihr und gebt euch völlig auf und wir müssen euch unter Lebensgefahr in gefährliche Nebelbänke folgen, um euch aus dem Wasser zu ziehen, nur damit ihr doch irgendwann verschwindet!“

Sein Retter hatte sich zunehmend in Rage geredet und schlug nach dem letzten Satz mit der flachen Hand auf die Armatur.

„Ist ja gut“, meinte X.Y. unwirsch. „Warum haben Sie mich denn überhaupt gerettet, wenn Sie mich in Ihrer Stadt nicht haben wollen?“.

Er versuchte aufzustehen, ließ sich aber wieder zurücksinken und lehnte sich völlig erschöpft gegen die Wand. Von dort unten sah er gerade noch, wie sich sein Retter mit dem Handrücken über die Wange wischte.

Verwundert gab er ihm etwas Zeit, sich zu beruhigen, und bat ihn dann mit leiser Stimme, ihm vom Leben in der großen Stadt zu erzählen. Zuerst dachte er, sein Retter würde ihn nicht beachten, aber schließlich sah er ihn doch kaum merklich nicken.

„Was lernt man denn für Regeln, wenn man hier aufwächst?“, fragte er ihn behutsam.

Sein Retter zuckte mit den Schultern. „Es ist nichts, was man von irgendjemandem erklärt bekäme; es ergibt sich einfach so. Wenn man hier aufwächst, erkundet man die Welt um sich herum. Irgendwann ist man bei sich zu Hause jede Straße abgelaufen und ohne es zu merken, hat man dem weißen Nebel eine Insel von beachtlicher Größe abgerungen. Denn du musst wissen, dass die große Stadt nicht für jeden gleich aussieht.“

„Wie ist denn so etwas möglich? Die Inseln müssen doch an derselben Stelle liegen…“

„Das tun sie auch, aber man kann gewissermaßen den Graben zwischen ihnen zuschütten, indem man nicht so schnell wie möglich mit dem Mahlstrom von einem Ort zum anderen hetzt, sondern auch die Wege zwischen den Inseln mit offenen Augen erkundet. Je aufmerksamer man sich die Stadt tatsächlich ansieht, desto ruhiger fließt der Mahlstrom dahin, und irgendwann wachsen die Inseln zu sicherem Festland zusammen. Hier zwischen all dem Nebel bin ich aber genauso in Gefahr wie du.“

Kaum hatte er das gesagt, verlor er fast das Gleichgewicht, als das Boot gegen etwas im Wasser stieß. Leise vor sich hin fluchend, stoppte er sofort den Motor und begann einen Scheinwerfer am Bug zu befestigen.

„Bleib da sitzen. Ich muss das hier nur schnell anschalten.“

X.Y. unternahm dennoch einen weiteren Versuch, sich aufzurichten, und diesmal schaffte er es immerhin in eine kniende Position. Was er sah, schockierte ihn mehr als er je für möglich gehalten hätte: Vor ihnen im Wasser trieb ein gutes Dutzend regloser Körper.

Fassungslos ließ er seinen Blick über sie wandern, ohne wirklich zu begreifen, was er da sah.

Eine junge Frau, die direkt neben dem Boot trieb, zog seine besondere Aufmerksamkeit auf sich. Ihrer Kleidung nach zu urteilen, musste sie bis vor kurzem noch als Kassiererin gearbeitet haben, bevor der Mahlstrom sie hier abgelegt hatte. Lange schwarze Haare trieben um ein unnatürlich bleiches Gesicht, aus dem zwei blaue Augen ausdruckslos zum Himmel blickten.

„Oh mein Gott!“, murmelte X.Y. immer wieder vor sich hin. „Oh mein Gott… Meinen Sie, sie ist ertrunken?“

„Sie ist nicht tot“, antwortete ihm sein Retter und drehte den Zündschüssel herum.

„Was? Aber… was machen Sie denn da? Wir müssen sie an Bord ziehen! Oder wollen Sie keine zweite Pfütze in Ihrem verdammten Boot?“

X.Y. hatte sich schon mit aller Entschlossenheit aufgerichtet und sich zu der Frau hinunter gebeugt, als sein Retter ihn zurückriss. Es entstand ein kurzes Handgemenge, bei dem X.Y. den Kürzeren zog. Sein Retter zerrte ihn zum Rand und drückte ihn grob gegen die Reling.

„Schau ganz genau hin!“, verlangte er wütend.

Fortsetzung folgt in zwei Wochen…

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