© AH Schöne Aussicht 3.0

Schöne Aussicht 3.0

Nathan McKayne stand auf der Aussichtsplattform des Präsidentenpalastes und blickte auf die Welt hinab. Um ihn herum breitete sich ein Flickenteppich aus Wäldern, Wiesen, Feldern und bunten Blumengärten aus. Sie gingen jedoch nicht nahtlos ineinander über, sondern wurden durch gerade Linien abgetrennt. So wuchsen Bäume neben Heidekraut, ohne Büsche oder Sträucher zwischen ihnen. Doch der Wind, der über sie hinweg strich, machte an den Begrenzungen nicht Halt. In einer einzigen, fließenden Bewegung wogten die Pflanzen wie Wellen auf und ab. Für einen Moment konnte Nathan McKayne die Konstruiertheit dieser Natur vergessen und sich wie ein Kapitän inmitten des Meeres vorkommen. Was für ein Gefühl das gewesen sein musste: den unkontrollierten Elementen ausgeliefert zu sein und ihnen dennoch die Stirn zu bieten.

Manchmal verlor er sich tagelang in solchen Träumereien, aber diesmal holte ihn die Ankunft des Präsidenten in die Realität zurück: Wenn er tatsächlich an der Reling eines Schiffes stünde, dann bestenfalls als Leutnant. Das Steuer lag in den Händen anderer. Außerdem lebte er einige Stockwerke tiefer und wusste daher, dass sich der so natürlich wirkende Flickenteppich aus begrünten Dächern zusammensetzte. Die weißen Häuser darunter waren aus dieser Höhe kaum zu erkennen. Bei der Bepflanzung wurde nichts dem Zufall überlassen, um genug Baumaterial, Nahrungsmittel und Sauerstoff für die Siedlung bereitzustellen.


»Wie geht es Ihnen, mein Freund?«, rief ihm der Präsident schon von Weitem zu. Die Raumfähre, die ihn auf der Plattform abgesetzt hatte, erhob sich lautlos in die Lüfte. Eine private Audienz wie diese war ein seltenes Privileg.

»Herr Präsident«, begrüßte ihn Nathan mit einer angedeuteten Verbeugung.

»Sie werden sich nie ändern. Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, Sie sollen mich John nennen?«

»Fünf Mal, Herr Präsident.«

John Muscey umarmte ihn herzlich und zog ihn dann zu einer Bank direkt am Geländer. »Schauen Sie sich das an, Nathan. Wie weit wir gekommen sind, seit unsere Vorfahren die ersten Felder bestellt haben. Alles blüht und gedeiht. Das ist der Lohn dafür, mit Visionen in die Zukunft zu sehen. Man darf sich nicht treiben lassen, sondern muss die Dinge frühzeitig in die richtigen Bahnen lenken. Dank unserer Voraussicht bietet sich uns heute diese phantastische Aussicht. Nun ja«, der Präsident verzog das Gesicht, »solange man den Blick nicht zum Himmel hebt: Der graue Felsbrocken ist ein einziger Schandfleck …«

Nathan musste ihm im Stillen recht geben. Als seine Vorfahren damals zum Mond aufgeschaut hatten, sahen sie kaum mehr als einen silbrig schimmernden Kreis, der Licht in die Nacht brachte. Eine Inspiration für Kunst und Wissenschaft. Die Erde jedoch prangte so groß am Himmel, dass es schlichtweg nicht möglich war, über ihre Hässlichkeit hinwegzusehen: nur blankes Gestein, von Rissen durchzogen, ohne eine Spur von Leben. Am schlimmsten aber waren die Gänge. So nannte man die kilometerbreiten Bohrlöcher, die die frühen Menschen in ihrem verzweifelten Kampf um die letzten Bodenschätze tief ins Innere des Planeten getrieben hatten. Kurz vor der Großen Hungersnot.


»Über die Erde wollte ich mit Ihnen sprechen, Herr Präsident«, ergriff Nathan MacKayne die Gelegenheit. »Sie haben mir den Auftrag gegeben, mit dem Terraforming zu beginnen. Verzeihen Sie meine Direktheit, doch ich denke, wir sollten sie unverändert lassen.«

John Muscey runzelte die Stirn. »Das da oben ist ein Massengrab, Nathan. Es schwebt jeden Tag über unseren Köpfen wie ein großer, dunkler Schatten aus der Vergangenheit. Ich habe das Terraforming beschlossen, damit wir sie endlich hinter uns lassen.«

»Ich verstehe, dass viele diese Sicht teilen«, versicherte ihm Nathan, »aber es ist auch wichtig, seine Wurzeln zu kennen. Vielleicht glauben unsere Nachfahren sonst irgendwann, schon immer auf dem Mond gelebt zu haben, und vergessen die Leistungen der frühen Menschen. Stellen Sie sich nur mal vor«, schweiften seine Gedanken ab, »wie es gewesen sein muss, dort oben zu leben …«

Die beiden Männer sahen einen Moment schweigend zur Erde hinauf. »Ich habe gelesen, dass beim Terraforming des Mondes nur wenige Nutzpflanzen und -tiere angesiedelt wurden«, meinte schließlich der Präsident in die andächtige Stille hinein. »Die Artenvielfalt der Erde muss unvergleichlich gewesen sein. Ein Planet voller Leben. Und das haben unsere Vorfahren daraus gemacht … All die Warnsignale … Nach Jahrmillionen der Evolution brauchte es nur drei Generationen und schon war alles zu Ende. Wie kann man so blind sein?«, schloss er mit einem traurigen Kopfschütteln.

»Gesehen haben sie es bestimmt, aber dabei blieb es auch«, meinte Nathan. »Ich glaube, die Menschen fühlten sich der Natur weit überlegen und haben die Zeichen nicht ernst genommen. Erst als die Ernten ausblieben, wurden sie wach, doch dann gab es keine Rettung mehr.«


Nathan machte sich sein großes Glück bewusst, von den ersten Kolonisten abzustammen: Einige wenige Wissenschaftler hatten in der Besiedlung anderer Planeten den einzigen Ausweg für die Menschheit gesehen und das Pilotprojekt gewagt, das ein Vorbild für viele weitere Kolonien werden sollte. Die Situation auf der Erde verschlechterte sich jedoch so rasant, dass die frühen Menschen kein Material für ein zweites Mammutprojekt mit ungewissem Ausgang entbehren konnten. So wurden aus den ersten Bewohnern des Mondes die letzten Überlebenden einer sterbenden Art.

»Auf jeden Fall haben wir aus den Fehlern unserer Vorfahren gelernt«, nahm der Präsident den Faden wieder auf. »Auf langfristige Planung kommt es an, Nathan, merken Sie sich das. Auch deswegen ist das Terraforming der Erde notwendig: Unsere Bevölkerung wächst und der Mond wird irgendwann zu klein sein. Mit den Pfahlbauten oberhalb des Bodens, Solarenergie, unserer Bepflanzungstechnik und den Fortschritten bei der künstlichen Atmosphäre sind wir bestens gerüstet, um neue Kolonien zu gründen. Erst die Erde, dann der Mars. Wir müssen an die Zukunft denken.«

»Und deshalb brauchen wir diese kahle Erde, um uns immer wieder daran zu erinnern«, konterte Nathan. »Was halten Sie davon«, schlug er als Kompromiss vor, »die ehemaligen Meere zu terraformen und die Kontinente als unbewohnbare Wüsten zu belassen? Vergangenheit und Zukunft vereint.«

Der Präsident nickte zufrieden. »Das ist ein ausgezeichneter Einfall, mein Freund, wirklich ausgezeichnet. Dann werden Sie wie geplant mit der Arbeit beginnen? Dieses Projekt liegt mir sehr am Herzen.«


Als Nathan es ihm zusicherte, klopfte John Muscey ihm überschwänglich auf die Schulter. »Guter Mann«, lobte er ihn und schlug gerade vor, auf ihre Einigung anzustoßen, als die Armbänder an ihren Handgelenken einen schrillen Alarmton ausstießen. »Ach herrje, so spät!«, entfuhr es dem Präsidenten. »Ist es wirklich schon Mittag?«

Nathan ließ seinen Blick in alle Himmelsrichtungen schweifen und musste schließlich bejahen. Im Norden der Siedlung waren bereits erste gelbe Schwaden aus den Fördergruben auf der Oberfläche bis zu den Pfahlbauten heraufgezogen und durch die Spalten zwischen den Häusern ausgetreten. Im Moment hingen nur vereinzelte Schleier in der Luft, aber schon bald würde man in der ganzen Kolonie nicht mehr atmen können – wie jeden Tag zu dieser Stunde. »Wir sollten besser hineingehen. Gewähren Sie mir Zuflucht?«, fragte er scherzhaft.

»Ich würde Ihnen sogar Gesellschaft leisten, während Sie warten, aber ich habe noch einen Termin. Die Wissenschaftler, Sie wissen schon. Die mir wegen der Dämpfe im Nacken liegen. Dabei funktioniert unser Ventilationssystem einwandfrei. In nur einer Stunde können wir wieder hinaus.«

»Sie sagen, dass wir immer mehr von diesen Giftstoffen produzieren und dass sie unsere künstliche Atmosphäre angreifen, wenn die Konzentration weiter steigt. Glauben Sie, sie könnten recht haben?«, fragte Nathan.

»Natürlich nicht. Heute kontrollieren wir die Natur, nicht sie uns. Es gibt keinen Grund zur Sorge.«


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