© AH Die Überlebenden von Atlantis (4/4)

Die Überlebenden von Atlantis (4/4)

Was bisher geschah: Hier geht es zum ersten Teil der Kurzgeschichte.


„Sie können dich nicht mehr hören“, flüsterte die süße Stimme der Ertrunkenen in seinem Kopf. „Aber mit mir kannst du noch reden.“ Jack drehte den Kopf zur Seite und sah sie von außerhalb der Säulenreihe auf ihn zu gleiten.

In diesem Moment gab der verrostete Riegel nach. Mit vereinten Kräften schoben Richard, Sarah und Erik die Steinplatte beiseite. Jack konnte nicht verstehen, was sie sagten, aber die Ertrunkene wies sie anscheinend an, in den Brunnen zu steigen. Da Sarah die schmalste war, wurde sie von den anderen nach unten gelassen.

„Was ist da drin?“, wollte Jack wissen.

„Das Schloss“, antwortete ihm die Ertrunkene. „Ein einfacher Mechanismus, den man auslöst, wenn man auf eine lose Steinplatte drückt.“

„Deshalb brauchst du Menschen, nicht wahr? Die Riesenschlangen sind nicht geschickt genug, um den Brunnenschacht zu öffnen ohne gleich den ganzen Mechanismus zu zerstören. Und du hast nicht genügend Kraft. Wahrscheinlich auch keine Arme und Hände…“ Jack deutete mit einem Kopfnicken auf ihre Gestalt. „Was ich sehe, ist nur ein Bild in meinem Kopf, richtig?“

„So ist es“, sagte die Ertrunkene mit funkelnden Augen.

„Aber wozu brauchst du eine Waffe? Wollt ihr Sirenen nach all den Jahrtausenden Rache an den Menschen nehmen?“

„Du bist schlauer als die anderen“, meinte die Ertrunkene, „aber auch du hast es nicht zu Ende gedacht.“ Sie wandte sich Erik zu und bat ihn offensichtlich, Jacks Fesseln zu lösen, denn er kam er zu ihm herüber geschwommen und öffnete den Gurt. „Eine Waffe, mit der man einschüchtern will, versteckt man nicht vor der Welt. Man präsentiert sie. Aber jetzt sollten wir uns erst mal in Sicherheit bringen“, fügte sie hinzu, als Sarah wieder aus dem Brunnen aufgetaucht war.

Im selben Moment kam es zu einer gewaltigen Erschütterung. Der Boden bebte. Die Säulen fielen in sich zusammen und ließen Trümmerteile auf ihre Köpfe regnen. So schnell sie konnten, folgten sie der Ertrunkenen trotz der Riesenschlangen ins offene Wasser. In einiger Entfernung hielten sie an, um sich umzusehen.

Auf dem ebenen Dach der abgeschnittenen Pyramide war auf einmal ein Spalt entstanden. Ein Spalt, der immer größer wurde. Das Dach teilte sich in zwei Steinplatten, die durch einen verborgenen Mechanismus bewegt wurden. Am Ende glitten sie an den Seiten der Pyramide herab und schlugen auf dem Boden auf. Der Stoß war so stark, dass diesmal noch das letzte Gebäude in sich zusammenstürzte.

„Was sichert man mit einem Schloss, das die gesamte Stadt zerstört?“, fragte die Ertrunkene in die Runde der Überlebenden. „Etwas, das man niemals wieder herausholen will. Oder jemanden, den man eingesperrt hat.“

Jack sah zunächst nichts als eine nicht enden wollende gallertartige Masse, die aus der Pyramide herausquoll. Dann hatte sich das Wesen zur Gänze aus seinem Gefängnis befreit und faltete sich auseinander. Heraus kam eine Qualle von unvorstellbaren Dimensionen. Die Tentakel, die sie hinter sich her aus der Öffnung herauszog, waren so dick wie Baumstämme, wirkten aber unter dem enormen Schirm wie Bindfäden. Die riesige Qualle schwebte wie eine Wolke über den Überresten der völlig zerstörten Stadt ihrer Kerkermeister, die sie alle überlebt hatte. Ungeachtet ihrer Größe hatte Jack noch nie etwas Anmutigeres gesehen. Nun zog sie ihren Schirm zusammen und setzte sich durch den Rückstoß langsam in Bewegung. Sie wirkte dabei so majestätisch wie die Königin des Meeres. Die drei Seeschlangen schlossen sich ihr an.

„Ihr habt Glück. Ihr seht sie auf dem Höhepunkt ihres Kreislaufs, bevor sie wieder kleiner wird und sich verjüngt“, meinte die Ertrunkene.

 „So hat sie überlebt“, sagte Jack voller Bewunderung. „Sie kann sich regenerieren. Das ist unglaublich! Dann haben die Menschen von Atlantis sie also gefangengenommen und euch Sirenen gedroht, sie zu töten, wenn ihr und eure Riesenschlangen ihnen nicht gehorcht?“

„Das konnten wir unmöglich zulassen. Sie ist nicht nur das älteste Lebewesen der Welt, sondern auch der Ursprung aller Sirenen. Mit jeder Regeneration verändert sich ihr Körper. Sie wurde nicht nur immer größer, auch ihr Nervensystem wurde komplexer. Bei den anderen ihrer Art geschah dies nicht und irgendwann wollte sie wahrscheinlich einfach jemanden zum Kommunizieren. Deshalb teilte sie sich bei jeder Regeneration und vervielfältigte sich dadurch.“

„Einen Moment“, unterbrach Erik. „Wenn ihr potenziell unsterblich seid und euch selbst klonen könnt – dann müsste es doch seit dem Untergang von Atlantis nur so von euch wimmeln.“

„Nur unsere Mutter kann sich teilen“, erklärte die Ertrunkene. „Die Menschen von Atlantis begannen uns zu jagen, weil wir zu viele von ihnen ins Wasser gelockt hatten. Als sie unsere Mutter gefangen nahmen, gab es keine neuen Sirenen mehr, und in den nächsten Jahrtausenden haben es viele von uns aufgegeben, sich zu regenerieren. Nicht jeder kann die Unsterblichkeit ertragen.“

Richard legte Jack die Hand auf die Schulter. „Naja, da lagst du wohl näher an der Wahrheit als ich. Was für eine Geschichte! Aber jetzt wird es Zeit, aufzutauchen.“

Jack nickte und wollte sich gerade von der Ertrunkenen verabschieden, als sie ihn unterbrach.

„Jack kann gehen“, sagte sie. „Es hat mir gefallen wie er über die Schlangen gesprochen hat. Dass sie keine Monster sind, sondern tun, was in ihrer Natur liegt. Ich glaube, er hat genug verstanden, um die Menschen von weiteren Tauchgängen in die Tiefe abhalten zu wollen.“

„Das werde ich ganz bestimmt“, versprach er. „Aber was ist mit den anderen? Jetzt, da du hast, was du wolltest, gibt es keinen Grund noch mehr zu töten!“

„Ich habe Daniel entkommen lassen und es steht auch den anderen frei zu gehen. Aber ich würde ihnen raten, es nicht zu tun.“

Richard, Sarah und Erik begannen kurzentschlossen mit dem langen Aufstieg zur Oberfläche. Die Ertrunkene schwamm unbeirrt neben ihnen her.

„Unsere Mutter hat unzählige Lebenszyklen im Inneren eines Gefängnisses erleben müssen. Sie wird nie vergessen, was eure Vorfahren ihr angetan haben. Wir Sirenen werden wieder erstarken und wenn wir bereit sind, wird sie euch ein für alle Mal aus dem Meer vertreiben wollen. Meine Schwestern haben mir berichtet, wozu die Menschen inzwischen fähig sind. Ihr beherrscht die Ozeane auf eine Weise, die sogar über die Macht eurer Vorfahren hinausgeht. Ich habe unsere Mutter befreit, weil ich meine Art retten will. Wir brauchen keinen neuen Krieg. Aber sie wird ihn sich von mir nicht ausreden lassen. Um sie gefangen nehmen zu können, haben eure Vorfahren damals drei Sirenen getötet, deshalb solltet ihr symbolisch drei Leben anbieten, um sie zu besänftigen. Irgendjemand wird für das bezahlen müssen, was eure Vorfahren getan haben – entweder ihr oder eure ganze Art. Als ich euch eine Waffe angeboten habe, wart ihr sehr schnell bereit, für euer Überleben zu töten. Die Frage ist, ob ihr auch bereit seid für das Überleben eurer Art zu sterben.“


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