© AH Die Überlebenden von Atlantis (3/4)

Die Überlebenden von Atlantis (3/4)

Was bisher geschah: Hier geht es zum ersten Teil der Kurzgeschichte.


Jack konnte nicht glauben, was er sah.

Vor ihnen stand eine junge Frau. Sie stand tatsächlich fest mit beiden Beinen auf dem Boden, ohne im Wasser zu schweben. Und sie trug keinen Taucheranzug. Ihr langes Haar und der Stoff ihres bodenlangen Kleides wogten im Wasser.

„Ihr solltet nicht aufgeben“, hörten sie sie sagen. „Ihr habt nur an der falschen Stelle gesucht.“ Sie bewegte zwar die Lippen, aber die Bewegungen wollten nicht so ganz zu den Lauten passen. Jack schauderte unwillkürlich.

Daniel fasste sich ein Herz. „Wer bist du?“, fragte er sie.

„Ich bin der Geist einer Ertrunkenen. Seit meine Stadt in der Flut versunken ist, warte ich auf unsere Nachfahren, die früher oder später hierher gelangen und meine Hilfe brauchen würden. Wir konnten uns nicht gegen die Flut verteidigen“, meinte sie traurig, „aber wir haben vor langer Zeit eine Waffe gegen die Seemonster gebaut. Ich zeige sie euch.“

Richard, Sarah und Erik ließen sich nicht lange bitten. Mit neu aufkeimender Hoffnung folgten sie der Gestalt der jungen Frau, die wie ein wirklicher Geist durch die Trümmer am Boden hindurchglitt. Jack und Daniel schlossen sich ihnen widerwillig an.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Pyramide hielt die Ertrunkene inne und deutete mit ausgestrecktem Arm auf ein Relief, das in den schwarzen Stein der Pyramide gehauen worden war.

Daniel war sofort in seinem Element. „Das ist erstaunlich!“, rief er aus. „Seht nur! Hier sind Bilder und Schrift kombiniert worden. Das könnte der Schlüssel zu ihrer Sprache sein! Wie der Stein von Rosetta! Und unfassbar gut erhalten. So wie die Pyramide selbst.“

Wie sich herausstellte, zeigte das Relief die Geschichte des Aufstiegs von Atlantis zur unangefochtenen Seemacht der damaligen Welt. In den ersten Szenen waren kleine Fischerboote zu sehen, die von gewaltigen Seemonstern verschlungen wurden, wenn ihre Besatzung nicht vorher über Bord ging, um zu den lockenden Sirenen zu gelangen. Daraufhin entwickelten die Menschen von Atlantis immer größere Waffen und ihre Schiffe kämpften sich den Weg über die Meere frei. Schließlich stellten sie all ihre Schiffe zu einer Flotte zusammen und jagten die Seemonster gezielt. Es müssen entsetzliche Schlachten gewesen sein. Die nächsten Bilder zeigten den Bau einer großen Pyramide und ein Objekt, das Jack nicht einordnen konnte. Vermutlich war es die geheimnisvolle Waffe, denn die Menschen schlossen sie in der Pyramide ein und die Sirenen wurden in derselben Szene mit gebeugtem Haupt dargestellt, als würden sie sich verneigen oder um Gnade bitten. Daraufhin wurden die Schiffe aus Atlantis auf ihrem Weg übers Meer von Seemonstern vor feindlichen Angriffen geschützt und die Sirenen zogen nun keine Seeleute mehr ins Wasser, sondern retteten sie vielmehr vor dem Ertrinken, indem sie sie an Land brachten.

„Bis vor kurzem hätte ich noch gedacht, dass das ein mythologischer Text ist“, meinte Daniel. „Aber jetzt, da wir die gesehen haben“, er deutete erst auf die Riesenschlangen hinter ihnen und dann auf ihre bildliche Entsprechung auf dem Relief, „ist es vielleicht doch ein echtes Geschichtsbuch“.

„Dann glaubst du auch an Sirenen?“, fragte ihn Jack. „Wir können diese Bilder nicht einfach interpretieren, als wären sie in Stein gemeißelte Fakten. Die Menschen von Atlantis haben hier ihre eigene Geschichte erzählt. Und ich glaube, sie haben viel ausgelassen.“ Jack zeigte auf die Seeschlangen in ihrem Rücken. „Wieso sind sie den Menschen nicht einfach aus dem Weg gegangen, nachdem die ihre neue Waffe gebaut hatten? Was sollte sie dazu bringen, sich abrichten zu lassen? Und vor allem: Wie sollte man ihnen eine so komplexe Abmachung erklären? Es sind Schlangen! Ihre Intelligenz reicht dafür nicht aus.“

„Das kannst du nicht wissen“, unterbrach ihn Richard. „Und unsere Biologin ist tot, falls du dich erinnerst. Da ist eine Waffe in dieser Pyramide. Mehr brauche ich im Moment nicht zu wissen.“

Sarah pflichtete ihm bei. Und auch Erik meinte, dass sie zuerst einmal überleben sollten. Das Rätsel von Atlantis konnte sie danach immer noch lösen.

Die Ertrunkene war sofort zur Stelle und bot an, ihnen den Eingang in die Pyramide zu zeigen. Während die drei so schnell schwammen wie sie konnten, ließ sich Jack mit Daniel etwas zurückfallen und öffnete einen privaten Kommunikationskanal.

„Ich weiß, dass wir uns erst vor kurzem kennengelernt haben du die keinen Grund hast, mir zu vertrauen, Daniel, aber ich habe einen Plan, der dein Leben retten könnte.“

Da ihr Gespräch den anderen nicht auffallen durfte, zählte Jack ihm nur in Kurzform auf, welche seiner Beobachtungen nicht zu der Erklärung der Ertrunkenen passen wollten: Wenn man mal annahm, dass sie tatsächlich ein Geist war – wieso gab es in einer Stadt voller Toter nicht mehr von ihnen? Warum verstand sie ihre Sprache, während Daniel seinen Rossetta-Stein zum Entschlüsseln bräuchte? Und wieso griffen die Seeschlangen nicht an?

Daniel beantwortete die letzte Frage damit, dass sie Angst vor der Waffe und der Pyramide hätten.

„Nein, das macht keinen Sinn“, widersprach ihm Jack. „Selbst wenn die Seeschlangen intelligenter sind als ich ihnen zugestehe, können sie das Wissen um die Waffe unmöglich über Generationen hinweg bewahrt haben. Meine Theorie ist, dass sie Befehle bekommen.“

Daniel sah ihn völlig entgeistert an.

„Lass mich ausreden: Ich glaube, die Ertrunkene ist kein Geist, sondern ein Wesen aus Fleisch und Blut. Mit mentalen Fähigkeiten. Deswegen kann sie auch irgendwie mit uns kommunizieren. Sie ist keine Überlebende aus Atlantis, sondern eine Nachfahrin der Wesen, die man in der Mythologie Sirenen nennt. Du hast das Relief gesehen. Und du spürst bestimmt auch hin und wieder dieses seltsame Kribbeln. Das erste Mal habe ich es kurz vor dem Angriff der Seeschlangen bemerkt. Das sind Schwingungen. Ich glaube, die Sirene hat ihnen die Anweisung gegeben, uns zur Pyramide zu treiben und uns dort festzusetzen. Sie will, dass wir diese Waffe suchen.“

Daniel schwamm eine Weile schweigend neben ihm her. „Das ist verrückt“, meinte er schließlich. Aber Jack sah, dass er gewonnen hatte. Der Professor würde seinem Verstand vertrauen; auch wenn die Erkenntnis noch so befremdlich war.

„Verrückter als daran zu glauben, dass ein Geist uns retten wird?“  

Daniel atmete einmal tief ein und aus. „Also gut, Cousteau. Was soll ich tun?“

Als Jack zu den anderen dreien aufgeschlossen hatte, waren sie bereits mit der Öffnung des Brunnenschachtes beschäftigt. Er hatte so viel Radau wie nur möglich veranstaltet, indem er sie zunächst anschrie und dann angriff. Natürlich hatte er keine Chance gegen sie. Ihm ging es nur darum, die Aufmerksamkeit der Riesenschlangen auf sich zu lenken. Deshalb war er während des Gerangels auch mit Absicht immer wieder gefährlich nah an die äußere Säulenreihe gekommen. Hoffentlich hatte Daniel sich währenddessen zur anderen Seite davonschleichen können. Jacks Theorie war, dass ihn die Riesenschlangen in Ruhe lassen würden, sobald er das Felsplateau verlassen hatte. Dann könnte er auftauchen und die Sauerstoffflaschen im Meer versenken. Mit etwas Glück würden einige in ihrer Nähe landen und ihr Leben verlängern bis Daniel mit Hilfe zurückkam.


Fortsetzung folgt in zwei Wochen…

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