© AH Die Überlebenden von Atlantis (2/4)

Die Überlebenden von Atlantis (2/4)

Was bisher geschah: Hier geht es zum ersten Teil der Kurzgeschichte.


„Was war das?“, fragte Leila, die hinter die anderen zurückgefallen war.

„Kein Grund zur Sorge. Vermutlich gar nichts.“

„Nein. Da ist irgendwas im Wasser.“

Jack drehte sich zu ihr herum. In der Dunkelheit hinter ihr, die der kleine Scheinwerfer auf ihrem Helm nicht durchdringen konnte, bewegte sich etwas. Jack ließ den Lichtkegel seines leistungsstärkeren Suchscheinwerfers in ihre Richtung wandern.

Zunächst dachte er in einem Anflug von Erleichterung, dass seine Augen ihm hier unten einen Streich gespielt hatten, doch dann wurde das Licht reflektiert: Zwei große leuchtende Kreise schwebten vor Leila, der keine Zeit zum Reagieren blieb. Schon stieß ein langes, fleischiges Band – die Zunge, schoss es Jack durch den Kopf – auf sie zu, wickelte sich um sie und zog sie blitzschnell auf die leuchtenden Kreise zu. Leila schrie erschrocken auf. Dann war alles still.

„Hey, Leila“, meldete sich Richard über die COM. „Hier unten gibt´s doch gar keine Spinnen.“

Jack schaute kurz auf das Kontroll-Interface an seinem Arm. Die Kommunikationsverbindung mit Leila war getrennt. Als er wieder nach vorne sah, waren die reflektierenden Kreise größer geworden. Es kam auf sie zu.

„Deckung!“, schrie Jack in die COM. „Geht in Deckung! Sofort!“

Dann brach die Hölle los.

Selbst jetzt, von den eigenen Leuten an eine Säule gefesselt, konnte sich Jack noch immer nicht richtig an das erinnern, was in den folgenden Minuten geschehen war. Er sah nur eingefrorene Momentaufnahmen: Ein aus der Dunkelheit hervorschießender Kopf mit tellergroßen Augen über einem riesigen Maul. Zwei klauenbewehrte Vorderbeine, die sich in die Ruinen krallten, um den Körper nach vorne schnellen zu lassen. Benjamin und Steve, die beide gleichzeitig in das geöffnete Maul verschwanden, das sich von hinten um sie schloss.

Jack rief den anderen zu, in den Säulengang zu schwimmen; was allein dem menschlichen Instinkt entsprang, sich bei Gefahr zusammenzurotten, denn die Säulen waren nur Streichhölzer gegen das Wesen, das sie verfolgte. Direkt vor Jack wickelte sich wieder eine Zunge um einen seiner Leute. Ein zweites Wesen hatte sich von der Seite genähert! Es war eindeutig eine Art Seeschlange mit einem unfassbar langen und meterdicken Körper, aber sie hatte auch dünne Arme und sogar eine Flosse auf dem Rücken.

Daniel hörte bei dem Anblick auf zu schwimmen. Jack zog ihn mit sich, wurde dadurch aber langsamer. Susie überholte ihn. Sie hatte fast die Säulen erreicht, als ein drittes Wesen von oben auf sie herabstieß. Jack wich zur Seite aus und gelangte tatsächlich unter das Dach. Hastig sah er sich nach einem Schlupfloch um, aber da war nichts außer den Säulen und der perfekt glatten Oberfläche der schwarzen Pyramide. Keine Spalte, kein Eingang, nichts. Als sich die drei anderen Überlebenden um ihn versammelten, fühlte sich Jack so ohnmächtig wie nie zuvor in seinem Leben.

Eine der Seeschlangen hielt direkt auf ihn zu. „Ein beeindruckender Jäger“, waren seine letzten Gedanken. Doch dann stoppte sie unvermittelt. Ihr Kopf kam direkt vor dem Säulengang zum Halten. Sie ließ Jack nicht aus den Augen. Aber sie rührte sich nicht. Außer, dass sie mit einem Mal eine Art Nackenkamm aufstellte, der ihren Kopf wie ein stachelbewehrter Kragen einfasste. Dann wandte sie sich um und gesellte sich zu ihren Artgenossen, die in einer Distanz, in der sie gerade noch sichtbar waren, um die Pyramide zu kreisen begonnen hatten.

Jack war für die Atempause mehr als dankbar; auch wenn er über den Grund nur spekulieren konnte. Er wollte die wertvolle Zeit nutzen, um sich mit seinem restlichen Team einen Plan zu überlegen. Doch seine vier Kollegen standen sichtlich unter Schock. Drei hatten sich in einer Mischung aus Trauer, lähmender Angst und Verzweiflung auf Steintrümmer gesetzt und stierten geradeaus. Daniel weinte stumm.

Also testete Jack alleine aus, wie weit er sich unter den Säulen hervorwagen konnte bevor die Tiere reagierten. Dann beschrieb er sie über die COM so genau wie irgend möglich. Der Kapitän an Bord des Expeditionsschiffes konnte ihn aus dieser Tiefe zwar unmöglich empfangen, aber das COM-System zeichnete alle Unterhaltungen auf und Jack hoffte, auf diese Weise seine Beobachtungen sichern zu können.

„Richard“, meinte er schließlich zu seinem besten Freund, „wir müssen aufbrechen. Ich weiß, dass ihr noch unter Schock steht, aber ihr müsst euch jetzt auf das Wichtige konzentrieren. Nicht mehr lange und uns geht der Sauerstoff aus.“

Richard sah zu ihm hoch. „Unter Schock?“ Er richtete sich auf und blickte Jack trotzig in die Augen. „Da hast du verdammt Recht! Nicht jeder von uns streift es mal eben ab, dass er gerade Menschen sterben gesehen hat. Und nicht jeder ist so unerträglich optimistisch wie du.“

Jack war einigermaßen verwirrt. „Willst du lieber herumsitzen bis du langsam erstickst?“

„Nein!“, schleuderte Richard ihm entgegen. „Ich will, dass du zugibst, dass wir in einer hoffnungslosen Lage stecken und dein Rettungsversuch einfach nur ein Schuss ins Blaue ist, der genauso gut nach hinten losgehen könnte! Es mag ja sein, dass du tödliche Gefahr als Herausforderung ansiehst. Wir wollen aber so wenig Risiko wie möglich, klar? Die anderen kennen dich nicht so lange wie ich. Ich war von Anfang an dabei. Du kommst immer allen Konkurrenten zuvor und machst die spektakulären Entdeckungen an Orten, die noch nie jemand betreten hat, weil du dich nicht genügend absicherst. Du findest ein Ziel und tauchst los. Machst du dir jemals Gedanken darüber, was für Probleme auftreten könnten? Jetzt hast du dir deinen Traum von Atlantis erfüllt. In einer bislang völlig unerforschten Region, wo Monster auf Menschenjagd gehen. Und uns hast du mitreingezogen!“ Richard stieß ihn gegen die Brust.

Der angestaute Groll traf Jack völlig unvorbereitet. Er brauchte etwas Zeit, um seine Gedanken zu sammeln, und begann daher mit einem anderen Punkt: „Es sind keine Monster.“

„Sie haben fünf Menschen gefressen“, meldete sich Sarah zu Wort.

„Das stimmt. Deswegen sind es aber noch keine Monster. Es sind Tiere; keine Aliens oder Fabelwesen. Anscheinend stehen wir Menschen nicht länger an der Spitze der Nahrungskette, aber wir können den Riesenschlangen nicht vorwerfen, dass sie tun, was in ihrer Natur liegt. Wir haben eine Chance zu überleben, wenn wir unseren Verstand benutzen und ihr Verhalten verstehen. Genau das habe ich getan. Deswegen schlage ich vor, dass wir alle fünf eng beieinander auftauchen und all unsere Scheinwerfer nach außen richten. Die Riesenschlangen haben die Augen von Tiefseebewohnern, die an wenig Licht angepasst sind. Sie haben sich erst richtig auf uns gestürzt, als wir losgeschwommen sind und die Scheinwerfer nach vorne gerichtet haben. Wenn wir für sie zu einem einzigen großen Lichtkreis werden, verunsichern wir sie hoffentlich lange genug, um in eine Wassertiefe außerhalb ihres Lebensraumes zu gelangen.“

Jack machte eine dramatische Pause. „Was deinen Vorwurf angeht: Nein, ich stelle mich nicht in die Reihe derer, die sich vom Land aus Meter für Meter in die Tiefe vorarbeiten, um sicher zu wissen, dass sie einen Fluchtweg im Rücken haben. Auf diese Weise hätte es Generationen gedauert bis auch nur eine meiner Entdeckungen gemacht worden wäre. Dafür bin ich zu ungeduldig. Ich will alles mit meinen eigenen Augen sehen. Und du kannst mich als verantwortungslosen Adrenalin-Junkie hinstellen so viel du willst – gegen das Geld hast du nie etwas gesagt.“

Daraufhin entstand eine unangenehme Stille. Schließlich wechselte Richard das Thema. „Du erwartest also im Ernst, dass wir da rausschwimmen? Das ist doch Selbstmord.“

Daniel richtete sich auf und stellte sich hinter Jack. „Mir gefällt es genauso wenig wie dir, aber ich sehe keine Alternative. Ihr etwa?“

„Ich wüsste eine“, meldete sich eine zarte Stimme von außerhalb des Säulenganges.


Fortsetzung folgt in zwei Wochen …

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