© AH Die Überlebenden von Atlantis (1/4)

Die Überlebenden von Atlantis (1/4)

„Das reicht jetzt!“, schrie Jack Cousteau in die COM; im verzweifelten Versuch, sein Team doch noch zur Ordnung zu rufen. „Hört sofort auf! Ihr seid Wissenschaftler, verdammt noch mal! Benutzt endlich euren Verstand!“

Ungehalten griff er nach Richards Schulter, seinem Assistenten und Freund seit Kindertagen, der zusammen mit den anderen fieberhaft damit beschäftigt war, mit Steinen und Trümmerteilen auf den verrosteten Verschlussmechanismus einzuschlagen, der den Brunnenschacht vor ihnen mit einer massiven Steinplatte versiegelt hielt. Merkten sie denn nicht, dass sie nur Sauerstoff verschwendeten? Jack wollte ihn zu sich herumdrehen, ihn zwingen ihm in die Augen zu sehen, aber Richard stieß ihn von sich.

„Ich bitte euch“, versuchte Jack es in versöhnlicherem Ton, „Richard, Sarah, Erik. Um der vielen Jahre willen, die wir zusammenarbeiten: Hört mir nur einen Augenblick zu.“

„Es ist alles gesagt“, meinte Sarah zwischen zwei Schlägen.

„Also schön!“, sagte Jack und warf resigniert die Arme in die Luft. Nur dass er nicht von Luft umgeben war, sondern vom Wasser des Atlantiks. „Ich verstehe. Ihr wollt an die Geschichte glauben, die ihr euch zusammengereimt habt, weil sie euch einen ach so einfachen Ausweg bietet. Und ihr folgt lieber unserem Schutzengel als mir. Schön! Von mir aus! Nichts davon ergibt irgendeinen Sinn, aber nehmen wir ruhig mal für eine Sekunde an, dass alles wahr wäre: Was zum Teufel denkt ihr euch dabei?“

Sarah und Erik hielten tatsächlich einen Augenblick inne. Jack versuchte sie durch ihre Taucherhelme fest im Blick zu behalten, um vielleicht wenigstens zu diesen beiden durchzudringen.

„Ich verstehe ja, dass ihr Angst habt. Aber ihr könnt doch nicht wirklich eine Waffe bergen wollen. Wir sind Forscher! Wir sind hierhergekommen, um Neues zu entdecken! Und jetzt, da wir es gefunden haben, wollt ihr es töten? Wir müssen einen anderen Weg finden, das müsst ihr doch einsehen!“

Die anderen ließen sich nicht überzeugen. Sie hörten ihm nicht einmal mehr zu. Also versuchte Jack sie aufzuhalten, indem er Richard von dem Brunnenschacht wegzog. Es kam zu einem kurzen Kräftemessen, das damit endete, dass Richard und Erik ihn mit einem Sicherungsgurt an eine der Säulen banden.

„Du hättest unsere Anzüge beschädigen können, ist dir das eigentlich klar?“, fuhr Richard ihn an.

„Ich kann nicht einfach zusehen“, meinte Jack. „Hier geht etwas vor, das wir nicht verstehen…“

Er hatte noch weiterreden wollen, aber Erik öffnete das Kontroll-Interface am rechten Arm seines Anzugs und tippte einen kurzen Befehl hinein. Das Klicken in seinem Helm verriet Jack, dass seine COM-Verbindung getrennt worden war. Ohne die Hilfe der Technik konnten die anderen ihn hier unten, am Grunde des Ozeans, nicht hören; auch wenn sie genau neben ihm standen.

Zumindest die Scheinwerfer ließen sie ihm. Und so konnte er beobachten, wie sich seine vor kurzem noch hochprofessionellen Teammitglieder voller Eifer auf die Suche nach einer mythologischen Waffe machten.

Was für ein Irrsinn! Aber so absurd ihre Versuche auch waren, sich gegen das Schicksal aufzubäumen – Jack konnte sie auch irgendwie verstehen. Jeder braucht etwas Hoffnung. Doch man darf sich nicht von den Trugbildern täuschen lassen, die das eigene Gehirn erzeugt, um einen Trost gegen die Angst zu spenden. Wenn er sich und sein Team retten wollte, musste er einen klaren Kopf bewahren. Alles hing davon ab, ob er in dem Verhalten der Tiere, denen sie hier unten begegnet waren, irgendein Muster erkennen konnte.

Er schaute seitlich über seine Schulter. Da waren sie. Direkt hinter den Säulen der Tempelanlage, in die er und sein Team sich geflüchtet hatten. Und sie zogen unermüdlich ihre Kreise.

Es war gut möglich, dass auch er selbst sich Hoffnung machte; dass es keinen Ausweg gegeben hatte seit sie diese Ruinen betreten hatten. Objektiv betrachtet, war es sogar mehr als wahrscheinlich, dass sie hier unten sterben würden.

Jack hieß nicht wirklich Cousteau. Er war nicht mal  Franzose. Aber bei seinem Vornamen und der lebenslangen Begeisterung für die Geheimnisse des Meeres war ihm dieser Spitzname gewissermaßen zugeflogen. Für Jack war er wie ein Ritterschlag und bedeutete ihm mehr als all die Auszeichnungen und Urkunden, die zwischen historischen Seekarten und Orca-Fotographien an den Wänden seines Büros hingen. Dem Büro, in dem er sein Team zusammengestellt und diese Expedition minutiös geplant hatte.

Es durfte nichts schiefgehen. Schließlich war diese Forschungsfahrt die wichtigste seines Lebens. Nicht nur wegen des zu erwartenden Prestige-Gewinns, sondern weil er endlich den Ort finden wollte, der von Kindheit an seine Phantasie beflügelt und ihn sein Leben lang angetrieben hatte – Atlantis. Die verschollene Hauptstadt der vielleicht ersten Hochkultur der Welt. Einer Zivilisation viel älter als die des Alten Ägyptens! Ihre Entdeckung würde den Blick der Menschen auf sich selbst und die Welt für immer verändern.

Als er die Stadt seiner Träume nach Jahren der Vorbereitung schließlich mit eigenen Augen sah, wusste Jack sofort, dass er sich nicht zu viel versprochen hatte: Der Anblick war überwältigend!

Genau wie auf dem Satelliten-Bild, das ihm den entscheidenden Hinweis gegeben hatte, stand die Stadt auf einem riesigen Felsplateau, an dessen Rändern es fast senkrecht nach unten ging. Vor der sintflutartigen Überflutung dieser Region am Ende der Eiszeit war Atlantis also eine Insel mit Steilküste gewesen. Die Ausdehnung der Stadt reichte bis an den Rand heran, wobei die Bebauung Richtung Zentrum immer dichter wurde. Vermutlich auch höher, aber der Zahn der Zeit hatte natürlich Spuren hinterlassen und die meisten Gebäude waren inzwischen eingestürzt.

Eines war ganz sicher: Obwohl Jack für diese Reise Experten aus vielen verschiedenen Fachrichtungen angeworben und sein Schiff bis oben hin mit Verpflegung und Sauerstoffflaschen beladen hatte, würden sie nur einen winzigen Bruchteil dieses weitläufigen Areals erforschen können. Das war eine Aufgabe für Generationen.

Am dritten Tag ihrer Expedition wollte Richard bis ans andere Ende der Stadt schwimmen. Kurz darauf meldete er sich über die COM:

„Ich habe hier eine faszinierende Konstruktion entdeckt. Zuerst dachte ich, es wäre eine Pyramide mit eingestürzter Spitze, aber von oben betrachtet, schließt sie mit einer ebenen Fläche ab. Entweder ist sie nie vollendet worden oder dieses Gebäude wurde bewusst so gebaut. Um sie herum läuft eine Säulenreihe wie bei griechischen Tempeln, aber die Säulen reichen nicht bis auf die Höhe der Pyramide. Sie sind um die fünf Meter hoch und werden von einem geraden Dach abgeschlossen. Der Gang zwischen Säulen und Pyramidenfuß ist etwa zehn Meter breit, also könnte ich mir vorstellen, dass Menschen um diese Pyramide herum gelaufen sind… Vielleicht Pilger… Wow, die Grundfläche ist gigantisch! Vielleicht war das das Zentrum der gesamten Stadt. Vermutlich religiös, würde ich sagen. Was wartet ihr noch? Das müsst ihr euch ansehen!“

Als das restliche Team dazukam, bestaunten sie die Pyramide zunächst aus der Ferne. Die schiere Größe dieses Tempels war atemberaubend. Jack war kein Archäologe, aber er war sich absolut sicher, dass es über Wasser nichts Vergleichbares gab – zumindest nichts, was bis heute erhalten geblieben war.

„Was für ein Material ist das? Es zeigt keinerlei Anzeichen für Erosion. Die Oberfläche wirkt vollkommen glatt.“

Leila hatte Recht. Dieser schwarze Stein war noch immer auf Hochglanz poliert wie am ersten Tag, während der Säulengang von Algen überwachsen und an einigen Stellen eingestürzt war.

Richard hatte die Pyramide inzwischen erreicht. „Ich schau mir das mal genauer an. Unser Professor wird es uns nach ein paar Proben genauer sagen können, aber ich kann ja auch eine Diagnose wagen. Wie wär´s, Daniel? Eine kleine Wette darauf, dass ich auch ohne deine kleinen Tests richtig liege?“

„Sicher. Aber als Einsatz belassen wir es bei deiner Reputation. Wenn Jack dich nicht mehr engagiert, wirst du dein Erspartes noch brauchen“, konterte der erst 32jährige Professor der Archäologie mit einem Lachen.

Richard stimmte ein und legte eine Hand auf die glatte Oberfläche der Pyramide. Für einen kurzen Moment spürte Jack so etwas wie ein Kribbeln.

„Was war das?“, fragte Leila, die hinter die anderen zurückgefallen war.

„Kein Grund zur Sorge. Vermutlich gar nichts.“

„Nein. Da ist irgendwas im Wasser.“


Fortsetzung folgt in zwei Wochen …

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