© AH Die Ängste der Kindheit

Die Ängste der Kindheit

Dr. Stevens stieg im schummrigen Licht einer gedimmten Nachttischlampe über eine Reihe aus Kuscheltieren hinweg und besah sich den Kleiderschrank seines jungen Patienten von allen Seiten. Da er dabei genau beobachtet wurde, ging er übertrieben gründlich vor, klopfte die Seiten ab, warf einen Blick auf die Rückwand und fuhr mit den Fingern über die verblichene Maserung. Aber natürlich war nichts Besonderes an dem viereckigen Kasten. Nur ein paar mit dünner Holzauflage beklebte Spanholzplatten, schlecht zusammengeleimt und über die Jahre verzogen. Um das Schlüsselloch herum warf die oberste Schicht hässliche Blasen, als würde es im Inneren kochen und der heiße Dampf durch dieses schmale Ventil entweichen. Alles in allem eben ein ganz normaler Schrank, nicht besonders stabil und schon sehr abgewohnt. Für den achtjährigen Benjamin jedoch fasste dieses gewöhnliche Möbelstück all das Böse seiner Welt.

»Nicht!«, schrie der Junge voller Entsetzen. Er streckte den Kopf unter der mit Schneeflocken bedruckten Bettdecke hervor.

Der Kinderpsychologe fuhr zusammen und ließ die Hand sinken, die er nach den Griffen der beiden Schranktüren ausgestreckt hatte. Zwischen ihnen war eine feingliederige Halskette hindurchgefädelt. So wie sie glänzte, war sie vermutlich aus Gold, mit einem tropfenförmigen Anhänger aus Bernstein, den zarte Linien durchzogen wie eingefangene Sonnenstrahlen.

Benjamin ließ Dr. Stevens nicht aus den Augen. »Er darf sie nicht anfassen«, verlangte er von seinem Vater, der neben dem Bett auf einem Küchenstuhl saß und ihm daraufhin durch den schwarzen Lockenkopf wuschelte.

»Ist schon gut«, sagte Edgar Hauser in seinem beruhigendsten Tonfall. Und zu Dr. Stevens: »Die Kette hat seiner Mutter gehört. Er hat Angst, dass Sie etwas kaputtmachen.«

»Stimmt doch gar nicht!«, entrüstete sich Benjamin und schob die Hand seines Vaters beiseite.

Der lehnte sich mit müdem Blick wieder in seinen Stuhl zurück. Deshalb hatte er Dr. Stevens gerufen: Weil er aus seinem eigenen Kind nicht mehr schlau wurde. Weil er nicht wusste, wie er noch mit ihm reden sollte. Und weil ihm mit jedem Tag mehr die Kraft fehlte, es weiter zu versuchen. Nicht nur Benni vermisste seine Mutter.

Der Kinderpsychologe würde sich später mit dem Vater beschäftigen. Jedes Problem zu seiner Zeit. Zunächst ließ er seinen geübten Blick durch das Zimmer schweifen, um mehr über seinen eigentlichen Patienten zu erfahren.

Es stand außer Frage, dass seine Mutter für Benjamin die wichtigste Bezugsperson gewesen war. In seinem Zimmer hielt er sie lebendig, so gut es eben ging. Ihr Foto stand, sonnengelb gerahmt, auf seinem Nachttisch und überall hingen kindliche Zeichnungen einer blonden Frau in weiten Kleidern. Man konnte auf den Bildern meinen, dass sie sich auf einen Gehstock stützt, doch Dr. Stevens wusste bereits, dass Benjamins Mutter Hilfe anderer Art benötigte. Sie war von Geburt an blind und starb vor einem halben Jahr durch einen auf sie zu rollenden Verkehrsunfall, den sie nicht kommen sah. Benjamin hatte in seinem Zimmer alle Erinnerungsstücke versammelt, die ihm von ihr geblieben waren. Dr. Stevens hob die Hände; ergab sich der in jedem Winkel spürbaren Präsenz von Elina Hauser, die er Benjamin in diesem Stadium nie und nimmer ausreden können würde. Dann stieg er umsichtig über die drei Reihen aus Spielsachen auf dem Boden hinweg und lehnte sich an das Fensterbrett. »Warum hast du die da«, er deutete auf fünf Kuscheltiere auf dem zweiten Nachttisch, »nicht zu den anderen gestellt?«

»Die sind nicht von Mama.«

»Verstehe … Das heißt, sie können dich nicht so gut beschützen?«

Benjamin schüttelte den Kopf und zog sich die Bettdecke wieder bis zur Nasenspitze heran.

»Sagst du mir auch, wovor sie dich beschützen sollen?«

Edgar Hauser verdrehte die Augen. »Was meinen Sie wohl? Vor den Monstern unter dem Bett natürlich. Wovor denn sonst? Ich habe seiner Mutter immer gesagt, dass er für solche Geschichten allmählich zu alt wird, aber sie musste ihm ja unbedingt diese Schauermärchen in den Kopf setzen.«

»Die sind nicht unter dem Bett!«, rief Benjamin. »Mama hat sie in den Schrank gesperrt. Den können wir jeden Abend zuschließen und dann kommen die Monster nicht mehr raus.«

Der Vater sprang auf. »Jetzt hör mir mal zu! In deinem Schrank sind keine Monster. Es kann nicht sein, dass du Nacht für Nacht wachliegst und bei jedem kleinen Geräusch zu schreien anfängst. Ich muss auch endlich mal schlafen!«

Benjamin drehte sich von ihm weg und zog das Foto seiner Mutter zu sich heran.

In die demonstrative Stille hinein meldete sich der Kinderpsychologe zu Wort: »Was mich interessiert, Benjamin, ist, warum du auf einmal solche Angst hast. Dein Vater hat mir erzählt, dass deine Mutter jeden Abend den Schrank mit ihrer Kette abgeschlossen hat. Du vermisst sie bestimmt sehr, aber solange du ihre Kette hast, brauchst du dich doch zumindest vor dem Schrankmonster nicht zu fürchten.«

Benjamin begann zu schluchzen. »Ich weiß nicht, ob sie noch hilft«, meinte er mit tränenerstickter Stimme. »Mama hatte sie jeden Tag um, aber einmal hat Papa sie weggebracht, um dazu einen Ring machen zu lassen. Und Mama hat sie wieder umgetan, aber dann …« Bei diesen Worten fing Benjamin hemmungslos an zu weinen. »Vorher hat sie ihr immer Glück gebracht«, presste er noch hervor.

»Willst du sagen, es war meine Schuld?«, fuhr sein Vater ihn an. »Ist es das? Was weißt du denn schon?« Er tigerte im Zimmer auf und ab und riss dabei die hintere Verteidigungslinie aus Spielsachen ein. »Ich war es, der deiner Mutter die Kette überhaupt erst geschenkt hat! Es war mein Geschenk zur Verlobung!« Damit trat er unter den Protestschreien seines Sohnes auf den Schrank zu und öffnete das filigrane Vorhängeschloss. »Siehst du? Keine Monster! Die behalte ich«, sagte er noch, die Kette im Takt seiner Schritte wild hin und her pendelnd, während er entschieden auf die Tür zusteuerte und sie lauter als beabsichtigt hinter sich zuschlug.

Dr. Stevens setzte ihm nach. Doch die Klinke ließ sich nicht herunterdrücken. Er versuchte es mit aller Kraft, rüttelte ein paar Mal an ihr und wandte sich schließlich an Benjamin, um ihn nach dem Kniff zu fragen. Der Junge aber beachtete ihn nicht. Er starrte regungslos auf die geöffneten Türen seines Kleiderschranks.

Schwarzer, zäher Nebel kroch aus dem weit aufgerissenen Schlund. Er waberte über den Boden, stieg hinauf zur Decke, breitete sich in alle Richtungen aus. Tastend bewegte er sich in das Kinderzimmer hinein. Auf Benjamin zu. Doch vor dem einäugigen gelben Stoffhasen mit dem abgeknickten Ohr machte er Halt. Die gesamte Nebelwand stoppte entlang der äußeren Kuscheltierlinie, als würden ihre Schwaden auf eine Glasscheibe treffen. Dann stob sie auseinander, um einem riesigen Gesicht Platz zu machen. Eine schreckliche Fratze, die im Nebel zu schweben schien. Sie senkte sich zu dem Stoffhasen hinab, versuchte ihn mit der runden Clownsnase zu berühren, kam aber nicht nah genug an ihn heran. Also fuhr sie an der unsichtbaren Barriere entlang nach oben und warf Benjamin einen so durchdringenden Blick zu, als würde sie direkt in ihn hinein sehen.

Benjamin erwachte aus seiner Starre und hielt das Foto seiner Mutter ausgestreckt mit beiden Armen vor sich. Dabei betrachtete er angestrengt die Schneeflocken. »Geh«, flüsterte er immer wieder, ohne aufzusehen, »bitte, geh einfach weg«. In diesem Moment klopfte sein Vater von außen gegen die Tür – und das körperlose Gesicht bemerkte Dr. Stevens. Sofort ließ es von Benjamin ab.

Der Kinderpsychologe wich in den äußersten Winkel des Zimmers zurück, als es mit einem metallischen Klacken auf ihn zu schwebte. Schließlich verließ das Gesicht den schützenden Nebel. Zwei Spinnenbeine schoben sich unter dem Körper hervor, der nur aus der verzerrten Fratze bestand. Die anderen sechs Gliedmaßen folgten. Das Monster setzte sie vorsichtig genau an jene Stellen, an denen der herausstürmende Edgar Hauser die Spielzeuglinien durchbrochen hatte. Dr. Steven blieb noch Zeit, um ein letztes Mal verzweifelt an der Klinke zu rütteln und mit ganzer Kraft auf die Tür einzuschlagen. Dann war das Gesicht an seinem Hinterkopf.

Und drückte sich hinein.

Der Körper des Monsters verwandelte sich selbst in schwarzen Nebel. Die Beine lösten sich auf.

Benjamin beobachtete mit offenem Mund, wie die Züge der Fratze sich von innen über Dr. Stevens Gesicht legten. Eine Sekunde lang sah ihn das Monster an, bevor es sich hinter die Haut zurückzog und der Kinderpsychologe wieder so aussah wie er selbst.

Benjamins Vater stieß die Tür auf. Dr. Stevens verlor durch den Schlag das Gleichgewicht und fiel zu Boden.

»Was ist denn hier los?«, fragte Edgar Hauser atemlos. Er hatte mehrfach gegen die Tür treten müssen, bis sie endlich nachgab. »Geht es Ihnen gut?« Er bückte sich, um dem Psychologen aufzuhelfen, doch der schreckte vor seiner Berührung zurück. Um die Hand hatte er die Kette seiner Frau geschlungen. »Wo wollen Sie denn hin?«, protestierte er, als Dr. Stevens ohne ein weiteres Wort aus dem Zimmer wankte. Er hielt sich gebückt und stützte sich an der Wand ab, um den Weg zur Wohnungstür zu finden.

»Ist schon gut, Papa. Lass ihn einfach raus«, rief Benjamin.

Dr. Stevens ließ sich gerade noch seine Jacke in die Hand drücken. Dann war er verschwunden.

Edgar Hauser betrat sichtlich verwirrt das Zimmer seines Sohnes. Immer wieder blickte er fragend in den Flur zurück, als ob er dort eine Erklärung für das seltsame Verhalten des Psychologen finden könnte. Dann zuckte er die Schultern und gab das Rätselraten vorerst auf. Er setzte sich wieder auf den Küchenstuhl und wickelte die Kette sorgsam von seiner Hand. »Es tut mir sehr leid, Benjamin«, fischte er mühsam nach den richtigen Worten. »Ich hätte das vorhin nicht tun dürfen. Aber es fällt mir schwer, über Mama zu reden.« Damit griff er nach Benjamins Hand und ließ die Kette hineingleiten. »Oder soll ich sie wieder um die Griffe wickeln?«   

Sein Sohn überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf. Stattdessen hängte er sie um den Bilderrahmen. »Du hast Recht, Papa: Es gibt keine Monster mehr in meinem Schrank.«


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