© AH Der interessierte Schüler

Der interessierte Schüler

Der Professor sprintete den menschenleeren Gang entlang, um seine Vorlesung wenigstens halbwegs rechtzeitig beginnen zu können. Was für einen Eindruck würde das machen: Der erste Tag des neuen Semesters, lauter erwartungsvolle Gesichter, die von ihm lernen wollten, und ausgerechnet heute kam er zu spät. An der Tür zum Hörsaal nahm er sich trotzdem die Zeit, seine Krawatte zu richten, ein paar Mal ein- und auszuatmen und sich mit einem Taschentuch über die Stirn zu tupfen. Erst danach drückte er die Klinke herunter und betrat den Raum.

In der ersten Reihe saß ein einzelner Zuhörer.

»Wo sind denn alle?« Der Professor sah im Gehen auf seine Armbanduhr. Zeit und Ort stimmten. Er legte den Aktenkoffer auf den Tisch und zog die Teilnehmerliste heraus. »Es hatten sich doch über hundert Studenten angemeldet …«

»Für den Online-Kurs«, erwiderte der Zuhörer und deutete auf die Kamera auf dem freien Platz neben sich. »Sie haben nicht von dem Pilotprojekt gehört?«

Der Professor schüttelte den Kopf, während er sich das Gerät von Nahem besah. Es war mit dem W-LAN der Universität verbunden. »Ich komme gerade aus dem Vaterschutz zurück und habe noch nicht jedes Mitteilungsblatt gelesen. Was ist das für ein Projekt?«

»Die Dozenten halten wie gewohnt ihre Vorlesungen, eine Kamera zeichnet alles auf und die Studenten können sich die Mitschnitte dann von Zuhause aus anschauen, wann immer sie Zeit dafür haben.«

Der Professor horchte auf. »Sie wollen mir sagen, dass meine Studenten nicht nur nicht in diesem Hörsaal sitzen, sondern in diesem Moment noch nicht einmal vor ihren Computern? Ich spreche also tatsächlich nur in diese Linse und bekomme keinerlei Reaktion?«

Der Zuhörer zuckte die Schultern. Seine Bewegung war seltsam ruckartig und dennoch auf beiden Seiten völlig synchron. »Es wurden verschiedene Modelle vorgestellt und die Mehrheit hat sich für dieses entschieden. So müssen sich die Studenten nicht mehr während des Semesters einbringen, sondern können sich auf die Prüfungsphase konzentrieren. Das spart ihnen Zeit und ermöglicht ihnen mehr Flexibilität. Es hieß, dass man dank der neuen Medien arbeiten könne, wann und wo immer mal wolle.«

»Aha. Da muss ich wohl etwas umdisponieren. Für gewöhnlich stelle ich zwischendurch Fragen und rege am Ende jeder Vorlesung eine Diskussion an, um meinen Vortrag aufzulockern. Gerade in den Geisteswissenschaften geht es doch um mehr, als nur um den Stoff. Aber bitte, wenn es anders gewünscht wird, will ich mich Neuem gegenüber nicht verschließen.«

»Nein, bitte nicht«, unterbrach ihn der Zuhörer. Er streckte sogar den Arm aus, wie um ihn aufzuhalten. »Ich habe mich gerade wegen der Diskussionen für Ihre Vorlesung entschieden.«

Der Professor war darüber so erfreut, dass er über den perfekten 90°-Winkel der Hand hinwegsah. »Tatsächlich? Nun, dann hören Sie erst einmal zu und am Ende sprechen wir darüber, welche anderen Werke Ihrer Meinung nach durch Goethes Faust beeinflusst worden sind. In Ordnung?« Er wollte schon mit seinem Vortrag beginnen, als sein Zuhörer die Hand sinken ließ und stattdessen den Kopf schief legte. Beides wieder genau zeitgleich. Die Bewegung sah so unnatürlich aus, dass der Professor ins Stocken geriet.

»Ich möchte lieber über etwas anderes sprechen«, nutzte der Zuhörer die entstandene Pause. Nachdem der Professor ihm erklärt hatte, dass sie sich an seinen Lehrplan halten müssten, um am Ende des Semesters die wichtigsten Sekundärtexte zum Thema behandelt zu haben, fuhr er unbeirrt fort: »Ich habe alle Texte gelesen, die mit den Stichworten Goethe und Faust in Verbindung stehen. Außerdem habe ich jede Dokumentation gesehen und jeden Radiobeitrag gehört. Trotzdem habe ich keine Antwort auf meine Frage finden können.«

Der Professor musterte den jungen Mann eingehend. Er trug eine Jeans ohne Löcher und ein weißes Poloshirt. Etwas zu schick für den durchschnittlichen Studenten. Viel auffälliger waren aber seine strahlendblauen Augen und seine makellose Haut. Kein einziger Leberfleck, keine Stiche, nicht einmal eine leichte Rötung oder Augenringe. Und keine Falten. Der Professor tastete nach der Kamera und schaltete sie aus. »Wie meinen Sie das, Sie haben jeden Text gelesen? Allein, sie zu überfliegen, würde Jahre dauern, ganz zu schweigen von der Zeit, die man zum Durchdenken und Verstehen bräuchte.«

Zur Antwort legte der Zuhörer die Hände auf die Schädeldecke. Es sah aus, als zeichnete er mit den Fingern Linien entlang seines Haaransatzes. Der Professor beobachtete ihn wie gebannt. Dann stieß er einen Schrei aus und brachte sich mit einem Hechtsprung hinter seinem Tisch in Sicherheit. Aus dem Hinterkopf seines Zuhörers war soeben eine Anschlussbuchse herausgewachsen. Der zog ein Gerät aus seiner Tasche hervor, das entfernt an ein Stethoskop erinnerte, und verband es per Kabel mit seinem Gehirn. Der Professor konnte nicht aufhören, das fremdartige Wesen vor sich anzustarren.

»Ich weiß, veraltete Technik«, sagte der Zuhörer. »Man könnte meinen, in einen Android-Körper mit künstlicher Intelligenz gehöre eine höher entwickeltere Schnittstelle, aber sie erfüllt ihren Zweck: Wenn ich Dateien direkt in meinen Kern lade, sind alle Informationen sofort und für alle Ewigkeit verfügbar. Trotzdem verstehe ich dieses Kunstwerk nicht.«

Der Professor zog sich auf seinen Stuhl. Leider gab es unter der Tischplatte keinen Panikknopf. »Was ist dann also Ihre Frage?« Das Wesen machte ihm zwar Angst, aber bei seinen Studenten war er noch nie auf so reges Interesse an Goethe gestoßen.

»Warum riskiert Doktor Faust für die Suche nach dem Sinn des Lebens und einem einzigen erfüllten Moment seine gesamte Existenz? Ich habe das schon oft bei Menschen beobachtet. Wieso sollte jemand freiwillig Schaden in Kauf nehmen? Ich bin darauf programmiert, mich selbst zu schützen. Ich denke, solange ich diesen Text nicht verstehe, wird mir die Natur des Menschen ein Rätsel bleiben.«

Der Professor schwieg lange. Er sah zu dem Androiden hinüber, blickte aber eigentlich durch ihn hindurch. Vor vielen, vielen Jahren, als er selbst Schüler und Student gewesen war, war es noch üblich gewesen, sich in Lesezirkeln zusammenzufinden und genau auf diese Weise über Literatur zu sprechen. Seine Lehrer hatten seinen Blick auf die Welt geweitet, ihn ermuntert, eigene Gedanken anzustellen, und ihn so erst zu der Person werden lassen, die er heute war. »Wissen Sie«, meinte er schließlich zu dem Androiden, »ich habe schon lange keinen Menschen mehr getroffen, mit dem ich auf diese Weise über Kunst reden konnte. Danke dafür.« Dann legte er seine Vorbereitungen beiseite, zog seinen Stuhl um den Tisch herum und setzte sich seinem Schüler direkt gegenüber.

Seitdem sind sie dort beisammen, springen von einem Werk der Weltliteratur zum nächsten und sprechen im wahrsten Sinne des Wortes über Gott und die Welt. Gefunden hat sie bislang niemand, denn dank des Pilotprojektes musste nie wieder ein Mensch einen Fuß in die Universität setzen.

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