Biographischer Eintrag über J´Har (3/3)

Biographischer Eintrag über J´Har (3/3)

Was bisher geschah: Hier geht es zurück zum ersten Teil.


„Ich gehe dann wohl besser“, meinte J´Har zu mir.

„Nein, Großer Geist, bitte bleibe noch eine Weile“, bat ein alter Mann. Er trug eine Kopfbedeckung aus zusammengebundenen Pflanzenteilen, zwischen denen bunte Federn steckten. „Der fliegende Ball hat uns erzählt, dass du nach Spuren deiner Vorfahren suchst. Ich will dir etwas zeigen.“

Er führte uns zu einem gewaltigen Baum hinter dem Dorf, dessen Äste so schwer waren, dass sie auf dem Boden auflagen. Wir folgten einem schmalen Pfad zwischen dem Geäst hindurch bis heran an den Stamm, wo die Äste eine schützende Kuppel über unseren Köpfen bildeten. Auf der Erde lag eine große Menge an Felsbrocken, die die Menschen von weither durch den Wald transportiert haben mussten. Die Steine bildeten einen weiten Kreis. Einer von ihnen wurde gerade von einem Menschen bearbeitet, indem er mit einer Klinge aus Metall ein Motiv, das ich nicht erkennen konnte, in die Oberfläche ritzte.

„Du redest nicht viel, Großer Geist“, meinte der Alte.

„Es ist für mich sehr ungewohnt, mit Worten zu sprechen. Wo ich herkomme, teilen wir all unsere Gedanken miteinander und alles Wissen meines Volkes ist für jeden zugänglich.“

„Und dennoch weißt du nicht, wo deine Vorfahren herkamen?“, fragte der Alte.

„Es gibt Geschichten“, meinte J´Har, „aber keine genauen Aufzeichnungen.“

„Geschichten sind die Botschaften unserer Vorfahren. Sie zu bewahren, ist unsere wichtigste Aufgabe im Leben, denn ohne unsere Vergangenheit haben wir auch keine Zukunft. Ich will dir gerne erzählen, was ich über die Geschichte unseres Volkes weiß, denn wie es scheint, schließt sich der Kreis.“

Damit wies er mit einer ausladenden Handbewegung auf den Kreis aus Steinen und deutete auf jenen, der gerade behauen wurde. Das Bild zeigte einen langen, dünnen Mann und eine neben ihm schwebende Kugel. Um besser sehen zu können, nahm J´Har seinen gesprungenen Helm ab. Selbst ich hatte noch nie sein Gesicht gesehen.

Seine Haut färbte sich augenblicklich schwarz mit silbrigen Fäden. Im Unterschied zu den Menschen hatte er eine flache Nase mit mehreren Schlitzen und nur eine sehr kleine Öffnung als Mund, aus der er gerade den Schlauch zog, mit dem sein Volk die vorportionierte Nahrung aufnahm. Am auffälligsten aber waren seine Augen: Während die untere Hälfte seines Gesichts im Vergleich zu dem der Menschen zusammengestaucht wirkte, nahmen seine Augen den Großteil seines Gesichts ein. In ihrer Mitte befand sich eine bewegliche weiße Kuller wie bei den Menschen, aber darum lagen Facettenaugen fast wie bei den fliegenden Parasiten dieser Welt.

Der Arbeiter ließ vor Schreck das Messer fallen und flüchtete aus der Kuppel, aber der alte Mann betrachtete J´Har interessiert.

„Ihr habt uns gezeichnet?“, fragte J´Har.

„Natürlich. Du bist der Geist aus dem Berg. Unsere Vorfahren haben versprochen, dass sie zurückkehren werden.“

„Woher wollt ihr das wissen? Wenn es hier jemals Städte gegeben hat, dann sind sie inzwischen so tief unter dem Wald verborgen, dass nicht mal meine Scanner sie erreichen. Die Zeit eurer Vorfahren muss schon Jahrtausende zurückliegen.“

„In unseren Überlieferungen sprechen sie dennoch zu uns.“

Also erzählte der alte Mann J´Har anhand der Zeichnungen von der großen Katastrophe, die beinahe alles Leben auf seinem Planeten ausgelöscht hatte. Die Menschen seien früher sehr unbedacht mit ihrer Welt umgegangen, heißt es. Irgendwann hatten sie nicht mehr genug Luft, Wasser und Nahrung zum Überleben und es brachen schreckliche Kriege aus. Währenddessen wurde es immer heißer und heißer. Man erzählt sich, dass eine Gruppe von Menschen in drei Schiffen in das Große Dunkel aufbrach, um nach einer neuen Heimat zu suchen.

„Wie war das?“, hakte J´Har nach. „Drei Schiffen fuhren ins Große Dunkel?“

„So heißt es“, bestätigte der alte Mann. „Sie versprachen, irgendwann zurückkehren und die Überlebenden in Sicherheit zu bringen. Und Überlebende gab es. Als der Großteil der Menschheit tot war, reichte das wenige für die Überlebenden gerade so aus, um nicht auch zu sterben, und als die Natur sich langsam erholte, wurde es für jede Generation leichter. Es heißt, dass es eine Versammlung gab, auf der beschlossen wurde, dass nie mehr als fünfzig Menschen in einer Gruppe zusammenleben durften, damit sich die Menschheit nie wieder über die ganze Welt ausbreiten konnte. Der Wald, den du heute siehst, könnte viel mehr von uns ernähren, aber wir achten die Beschlüsse unserer Vorfahren.“

Als wir das Dorf verließen, steckte J´Har einige der blutigen Lappen ein, mit denen die verletzten Wächter verbunden worden waren.

Mitschnitt aus Kommunikationskanal, 12101492 an Basis-Schiff

J´Har: Sir, Sie müssen die Mission abbrechen!

18021519: Wie oft soll ich es Ihnen noch sagen, 12101492? In den letzten Tagen gab es auf der Heimatwelt drei Fälle von DNA-Auflösung. Der Vorgang dürfte Ihnen bekannt sein. Es ist ein sehr langwieriger und qualvoller Prozess. Wir stehen unter großem Erwartungsdruck und brauchen dringend einen neuen Energieschub. Ich werde nicht das Leben unserer Leute gefährden, weil Sie eine primitive Spezies entdeckt haben.

J´Har: Sie sind intelligent, Sir. Ich habe mit ihnen gesprochen.

18021519: Ich entnehme Ihrem Bericht, dass sie über Laute kommunizieren. Wie die Tiere in unseren Farmen.

J´Har: Sir, ich denke, dass sie Informationen über unsere Vorfahren besitzen. Es könnte sogar sein, dass wir selbst von diesem Planeten stammen. Die Geschichte unserer Herkunft deckt sich mit ihrer.

18021519: 12101492, ich gebe Ihnen einen guten Rat: Denken Sie endlich an die Zukunft, statt Ihre Zeit an alte Akteneinträge zu verschwenden, die für niemanden mehr eine Bedeutung haben. Sie waren der beste DNA-Codierer unserer Generation. Überlegen Sie sich, wer und was Sie in Zukunft sein wollen.

J´Har: Das habe ich bereits, Sir. All meine Daten und Analysen laufen über den Kern. Und ich habe den Rat der Heimatwelt in einer Nachricht aufgefordert, auf meine Daten zuzugreifen.

18021519: Das hat der Rat bereits getan. Und er hat mir befohlen, das Folgende zu tun, sollten Sie nicht einlenken. Lösche Personenkartei von 12101492… Lösche Zugangscodes…

J´Har: Das können Sie nicht machen!

18021519: Sie sitzen allein auf einem weit entfernten Planeten, während die Augen der Heimatwelt auf die Gefahr der DNA-Auflösung gerichtet sind. Es gab nie einen günstigeren Zeitpunkt. Verbindung unterbrochen…

Logbuch-Eintrag, PeDro von 12101492

„Was macht der Energiespeicher?“, fragte J´Har schon bevor er richtig aus der Umwelt-Schleuse herausgetreten war.

„Ich habe ihn mir gerade angesehen“, meinte ich. „Die Station verbraucht fast genauso viel Energie wie sie über die Solarpanele erzeugt. Ich habe gerade die meisten Systeme abgeschaltet, vielleicht kommt doch noch was zusammen.“

„Sehr gut. Ich konnte aus den Ersatzteilen einen sehr primitiven DNA-Sequenzer bauen, aber die Analyse wird dauern. Die Kameras und Mikrophone habe ich abgebaut und unsere Gespräche laufen nicht mehr über den Kern.“

„Was genau haben wir eigentlich vor?“, fragte ich.

„Wir müssen die Menschen auf einen anderen Planeten transportieren. Ich habe einen in der Nähe gefunden, auf dem sie eine Zeit lang überleben können bis sie gerettet werden. Wir müssen unbedingt eine Nachricht an die Heimatwelt schicken, die nicht abgefangen und gelöscht wird.“

„Und wie soll das funktionieren?“

„Keine Ahnung. Lass dir was einfallen, du bist doch der Kreative von uns beiden.“

Ich setzte gerade zu einer Antwort an, als alles um uns herum in rotes Licht getaucht wurde. Wir wussten, was nun geschehen würde, sahen aber trotzdem nach oben. Die Umwandlung der Sonne hatte begonnen. Das ganze Leben eines Sternes komprimiert in wenige Augenblicke. Die Sonne brannte nun in einem tiefen Dunkelrot. Wir wussten, dass nur ein Kraftfeld verhinderte, dass sie sich aufblähte und diesen Planeten zu Asche verbrannte.

„Es ist wunderschön“, sagte J´Har.

Dann war es auch schon vorbei. Das Kraftfeld absorbierte die abgestoßene Hülle und wo die Sonne gewesen war, sah man nur noch einen winzigen weißen Punkt.

J´Har löste sich als erster von dem Anblick.

„Los jetzt“, sagte er. „Ohne die Sonne verlieren wir in jedem Moment an Energie. Starte den Transporter.“

„Die Station hat nicht genügend Energie“, erinnerte ich ihn.

„Dann nimm meine.“

Ich sah ihn überrascht an.

„Wenn du die Energie gibst, kann ich dich nicht von hier weg transportieren.“

„Ich weiß“, meinte J´Har, aber wir können die Menschen nicht einfach aussterben lassen, ob sie nun eine Verbindung zu meinen Vorfahren haben oder nicht.“ Er legte eine Hand an mein Gehäuse. „Bring sie für mich in Sicherheit, alter Freund.“

„Ich tue, was ich kann“, versprach ich ihm. „Ich werde dafür sorgen, dass man dich nicht vergisst.“

J´Har dankte mir und schickte mich in die Station, damit ich nicht sah, was mit ihm passierte, wenn seine DNA nicht mehr von den Implantaten zusammengehalten werden konnte. Als er seine Hand an die Außenhülle legte, erkannte die Station ihn als Energiequelle. Da die Zeit drängte, startete ich ohne weiteres Überlegen den Transporter. Fünfzig Menschen auf dem Weg zu einem unbekannten Planeten mit wer weiß was für Gefahren. Aber immerhin würden sie dort nicht erfrieren.

Energieabfall… Verlust der Transportereingrenzung steht bevor…, riss mich der Bordcomputer aus meinen Gedanken. J´Hars Energie war wohl aufgebraucht. Also tat ich das einzige, was mir übrig blieb: Ich schloss mich selbst als Energiequelle an die Station an. Als mein Antrieb versagte, schlug ich hart auf dem Boden auf, aber ich hörte noch den Signalton, der einen erfolgreichen Transportvorgang anzeigte. Mein Blick fiel auf den DNA-Sequenzer. Der Vergleich der Proben war abgeschlossen. Und die Anzeige leuchtete grün.

„J´Har, sie sind es“, waren meine letzten Worte. Ich weiß nicht einmal, ob er sie noch gehört hat. Und dann wurde ich kreativ.

Ende der Übertragung… 0…

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