Biographischer Eintrag über J´Har (2/3)

Biographischer Eintrag über J´Har (2/3)

Was bisher geschah: Hier geht es zurück zum ersten Teil.


Logbuch-Eintrag, PeDro von 12101492

„Warum nennst du mich eigentlich J´Har?“, fragte er mich einmal.

„Es ist der Name einer Buchfigur“, antwortete ich ihm. „Er soll derjenige gewesen sein, der dein Volk davon abhalten wollte, überhaupt erst mit der Gen-Veränderung zu beginnen. Wie du stellte er sich gegen den Fortschritt – und verlor.“

J´Har sah mich lange nachdenklich an.

„Ich vermisse unsere Geschichtsstunden“, meinte er schließlich. „Auf dieser Mission fehlt mir die Zeit dazu, aber ich habe dir immer aufmerksam zugehört, wenn du diese alten Texte abgespielt hast. Wo findest du die überhaupt?“

Also erzählte ich ihm von der KI-Plattform, auf der im Kern alle Daten gespeichert wurden, die in jede einzelne künstliche Intelligenz hochgeladen wurden, sobald sie in Betrieb ging. Seit vielen hundert Jahren wurden nur noch als nützlich eingestufte Informationen bereitgestellt, aber aus früheren Zeiten gab es auch noch einen Unterordner für Kunst, von dessen Existenz außer den KIs niemand mehr wusste. Die Dateien darin kamen einer Zeitmaschine viel näher als alles, was jemals von Ingenieuren entworfen worden war.

Die älteste Geschichte erzählt sogar von den ganz frühen Anfängen der Welt. Darin heißt es, dass J´Hars Vorfahren mit drei riesigen Schiffen durch das Große Dunkel gefahren waren, um eine neue Heimat zu suchen. Sie ließen sich auf J´Hars Heimatplaneten nieder und begründeten eine große Zivilisation.

„Wann haben meine Vorfahren damit aufgehört, Geschichten zu schreiben?“, fragte J´Har.

„Als sie sich immer mehr mit dem Kern und über ihn auch mit den KIs verbanden“, antwortete ich ihm. „Computer brauchen einfache, klare Befehle und exakte Bezeichnungen. Als ihr begonnen habt, sie über das Interface direkt mit eurem Geist zu steuern, habt ihr euch ihnen angepasst. Euer Denken wurde geradliniger und rationaler. In der allerletzten Geschichte, die in den Kunst-Ordner hochgeladen wurde, beklagt einer deiner Vorfahren den Tod der Kreativität.“

Auszug aus internem Speicher, PeDro von 12101492

So viel Grün wie auf diesem Planeten habe ich noch nie gesehen. Aus jedem Fleckchen Erde wächst etwas, ob ein mächtiger Baum, an dem weitere Pflanzen hängen, ein Busch oder nur eine kleine Blüte. Meine Sensoren liefern mir die Bezeichnung jedes einzelnen Grüntons. Ich kann genau ablesen, wie hoch die Luftfeuchtigkeit ist und die Temperatur. Dann kann ich die Daten mit denen von anderen Planeten vergleichen und feststellen, dass mir noch nirgends eine solche Biodiversität begegnet ist. Ich bemühe mich aber, anders zu denken. Nicht in den engen Bahnen einer Maschine. Und ich möchte sagen, dass ich noch nie so viel Leben um mich herum gespürt habe – noch nicht einmal auf J´Hars Heimatwelt mit all seinen Bewohnern.

Das liegt daran, dass dort die Pflanzen und niederen Lebensformen ausschließlich unter den Planen mehrstöckiger Farmen kultiviert wurden und man sie außer als fertig portionierte Nahrungsmittel oder Baumaterial niemals zu Gesicht bekommt. Generell werden alle Gebäude lang und schmal in die Höhe gebaut, denn jeder noch so kleine Fleck Planetenoberfläche soll freigehalten werden. Im schwarz getünchten Boden eingearbeitet, liegen aber Milliarden winziger Solarpanele, die jeden einzelnen Sonnenstrahl in Energie umwandeln. Um die Ausbeute noch weiter zu erhöhen, wurde sogar die Ozonschicht aufgebrochen, sodass die Sonnenstrahlung ungefiltert auf die Solarpanele trifft. Zwischen den komplett verspiegelten Gebäudefassaden, der Strahlung und dem metallisch glänzendem Boden kann niemand überleben, der nicht genetisch verbessert worden oder eine Maschine ist. Hier hingegen, auf diesem vergessenen Planeten am anderen Ende des Universums war das Leben mächtiger als alles andere.

Warnung: Energieversorgung unterbrochen…

Was hat das nun wieder zu bedeuten?

Öffne Kommunikationskanal… Verbindung hergestellt…

„J´Har, meine Energiereserven sind gleich aufgebraucht!“

„Gehe in den Ruhemodus, bevor du ganz abschaltest. Vielleicht kannst du dich selbstständig reaktivieren, wenn sie fertig sind.“

„Sie?“

„Das Basis-Schiff hat mit den Vorbereitungen an der Sonne angefangen. Anscheinend dämmen sie vorübergehend die Strahlung ein.“

„Na wundervoll“, ist mein letzter Gedanke bevor ich meine Systeme herunterfahre.

… … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … … Initiiere Reaktivierung… … Bitte warten… Energieversorgung wiederhergestellt… Starte Systeme…

Wo bin ich? Ich war doch vorher woanders! Warum fliege ich durch die Luft?

Im ersten Moment bin ich völlig orientierungslos. Eben habe ich noch zwischen zwei Farnen gelegen. Wieso bin ich jetzt im freien Fall?

UND WAS IST DAS?!

Ich starte sofort den Antrieb und verhindere damit nur ganz knapp, dass ein sonderbares Wesen seine Klauen um mich schließt. Erschrocken bringe ich ein paar Höhenmeter zwischen uns und betrachte das Wesen aus sicherer Entfernung.

Es hat denselben Körperbau wie J´Har – Kopf, Rumpf und vier Gliedmaßen -, steht aufrecht und scheint auch so etwas wie ein Gesicht zu haben. Die Augen sind jedoch winzig. So wie das Wesen mühsam versucht, meinen kreisenden Bewegungen zu folgen, haben seine Augen vermutlich weder ein Ortungssystem, noch einen Zoom. Auch sonst scheint das Wesen seiner Umwelt schutzlos ausgeliefert zu sein. Seine Haut ist übersät von offenen Schnitten und Hautreizungen, die ihm vermutlich von den Millionen von Kleinstlebewesen zugefügt worden sind, von denen die Luft nur so wimmelt. Das Wesen verscheucht die Parasiten hin und wieder mit einem großen Pflanzenblatt, aber der Kampf ist aussichtslos. Auf den ersten Blick wirkt das Wesen also nicht besonders bedrohlich. Andererseits ist dieses offensichtlich primitive Wesen nicht vor mir davongelaufen, sondern beobachtet mich. Hat es auch einen schwach ausgeprägten Überlebensinstinkt oder verfügt es über bislang verborgene Fähigkeiten? Es ist nicht mal halb so groß wie J´Har, dafür aber doppelt so breit und sehr muskulös, was angesichts der enormen Schwerkraft auf diesem Planeten nicht überrascht.

Dann beginnt das Wesen zu sprechen: „Entschuldige, dass ich dich herum geworfen habe.“

Ich brauche einen kurzen Moment, um herauszufinden, wie sich meine Lautsprecher einschalten lassen. Kommunizieren diese Wesen tatsächlich verbal? Kann das möglich sein?

„Ich habe schon so viele neue Lebensformen entdeckt, aber gesprochen hat noch keine“, sage ich erstaunt.

„Und ich sammle schon mein ganzes Leben alte Metallteile, aber geflogen ist noch keines.“

„Ich sehe hier nirgends Metall“, antworte ich.

„Man muss wissen, wo man suchen muss. Den Legenden nach soll es unter diesem Berg eine große Stadt gegeben haben. Aber der Wald liegt jetzt über allem und wird alles unter sich zerdrückt haben. Manchmal schlingen sich die Wurzeln der Bäume um etwas und wenn der Baum umkippt, bringt er dieses Etwas zu uns nach oben – so wie dich. Wenn du willst, dann begleite mich doch zurück in mein Dorf. Die anderen werden sich freuen, ein Wesen aus der Alten Welt zu sehen. Du kommst doch von unter dem Berg?“

„Nein, ich komme von viel weiter weg“, antworte ich.

„Trotzdem, du bist bestimmt eine der Maschinen, die unsere Vorfahren gebaut haben. Großvater hat mir alles darüber erzählt. Du musst ihn treffen!“

Logbuch-Eintrag, PeDro von 12101492

J´Har hatte endlich eingesehen, dass es bei einer intelligenten Lebensform wie den Menschen keinen Sinn hat, nur aus der Ferne zu beobachten und Daten zu sammeln, wenn man genauso gut mit ihnen reden konnte. Dafür habe ich meine Analyse ihrer Sprache in den Kern hochgeladen, sodass J´Har sich ihre Worte direkt übersetzen lassen konnte. Wie sich zeigte, war das aber gar nicht nötig, da J´Har sich sehr bemühte, ihre Sprache selbst zu lernen. Die Menschen wiederum habe ich auf einen Mann vorbereitet, der genauso groß war wie ihre Häuser, ein schwarzes, silbrig schimmerndes Kleidungsstück trug, das seinen ganzen Körper bedeckte, und der zu allem Überfluss kein Gesicht zu haben schien, weil er es unter einem überdimensionierten Helm verbarg. Alles in allem bewunderte ich die Menschen für ihren Mut, ihn trotzdem treffen zu wollen. Sie waren überhaupt eine sehr unerschrockene Spezies.

Nun also kam J´Har, im Vergleich zu den Menschen lang und dünn und zerbrechlich, die Hauptstraße entlang und blieb vor der versammelten Menschenmenge stehen. Er wollte gerade etwas sagen, als er von markerschütternden Schreien unterbrochen wurde. Wir alle fuhren herum und sahen gerade noch wie einer der Wachtposten am Eingang des Dorfes im Maul eines riesigen Tieres verschwand. Es hatte dichtes, grün gesprenkeltes Fell.

J´Har reagierte schneller als die Menschen. Noch bevor irgendjemand sonst auch nur nach seiner Waffe griff, lief J´Har bereits auf die Kreatur zu. Er rannte schneller als es ihm möglich sein sollte und rammte das Wesen ungebremst in die Seite. Es war lange her, dass ich seine Stein-Haut in Aktion gesehen hatte. Das Wesen aber war hart im Nehmen. Es taumelte etwas zur Seite, fand sein Gleichgewicht und schlug mit der Pranke nach J´Har. Er versuchte auszuweichen, doch der Schlag traf ihn frontal an der Brust und schleuderte ihn zu Boden. Dort blieb er reglos liegen.

Ich versuchte, die Kreatur abzulenken, indem ich um ihren Kopf kreiste, aber sie beachtete mich so wenig wie die Menschen die fliegenden Parasiten. Stattdessen grub sie ihre Zähne in J´Har. Gerade als sie ihn hochwerfen und mit einem Mal verschlingen wollte, warfen die anderen Wächter endlich ihre Speere. J´Har landete unsanft auf dem Boden und ich hörte einige Knochen brechen. Zuletzt gelang es den Menschen tatsächlich, die Kreatur mit vereinten Kräften in die Flucht zu schlagen.

Als ich dazu kam, fand ich J´Har bei Bewusstsein. Sein Anzug hing nur noch in Fetzen an ihm herunter. Das Tier hatte mit seinen Krallen tiefe Wunden geschlagen und unter den Bissverletzungen bildete sich eine Blutlache.

„Ein vollkommen ungefährlicher erster Kontakt, ja?“, zitierte er mich.

„Du hast gerade für sie gekämpft. Das ist doch ein guter Anfang…“ In diesem Moment war ich froh, seinen Blick unter dem gesprungenen Visier nicht sehen zu können.

„Hilf mir lieber aus dem Anzug heraus. Die Solarpanele sind unbrauchbar.“

Ich erinnerte ihn daran, dass er für seine Heilung viel Energie benötigen würde und dass beschädigte Solarpanele besser wären als keine.

„Es freut mich, dass ich dich noch überraschen kann“, antwortete er.

In diesem Moment schnappten J´Hars gebrochene Rippen wieder in ihre richtige Position und er wurde fast ohnmächtig.

„Der Anzug“, erinnerte er mich.

Ich fuhr also meine beiden Greifarme aus und schnitt ihm die Stoffreste vom Körper. Als seine Haut zum ersten Mal seit langem direkt mit der Sonne in Berührung kam, war sie zunächst so blass wie man erwarten würde. Dann reagierten seine genetischen Verbesserungen und sie verdunkelte sich schlagartig. Schließlich zogen sich durch seine nun schwarze Haut silbrig glänzende Fäden. Als die Verwandlung abgeschlossen war, begannen sich seine Wunden langsam zu schließen.

„Du hast nicht wirklich Solarpanele in deine Haut gezogen, oder?“, fragte ich J´Har ungläubig.

„Wie gesagt, ich habe an einigen DNA-Codes selbst mitgeschrieben. Ich dachte mir, eine unabhängige Energieversorgung könnte nützlich werden.“

Mit diesen Worten stand er noch etwas ungelenk auf. Ohne dass wir es bemerkt hätten, hatte das gesamte Dorf hinter uns einen Kreis gebildet und J´Hars Verwandlung staunend beobachtet. Als er sie ansah, sanken sie vor ihm auf die Knie.

Fortsetzung folgt in zwei Wochen…

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