© AH Biographischer Eintrag über J´Har (1/3)

Biographischer Eintrag über J´Har (1/3)

Warnung: Kritischer Schaden… Niedriger Energiestand… Automatische Reparatur nicht möglich… Initiiere Notfallprotokoll… Beginne Datenübertragung an Kern… Zugangscode für Hauptverzeichnis nicht erkannt… Nehme Zugriff auf Archiv… Zugangscode nicht erkannt… Nehme Zugriff auf Personenkartei… Zugriff gewährt… Öffne Datei über Person 12101492… Datei nicht gefunden… Warnung: Systemausfall in 3… Nehme Zugriff auf KI-Plattform… Zugriff gewährt… Öffne KI-Kommunikationskanal… 2… Keine Verbindungen verfügbar… Öffne Verzeichnis für Kunst… Zugriff gewährt… 1… Beginne Übertragung 

Logbuch-Eintrag, PeDro von 12101492

Die Station ist noch viel kleiner als ich für möglich gehalten hätte. Ich wusste nicht einmal, dass es mobile Forschungsstationen gibt, bei denen man mit dem ersten Schritt aus der Umwelt-Schleuse auch schon mitten im Kontrollraum steht. Vermutlich haben die auf dem Basis-Schiff extra in der hintersten Lagerhalle nach diesem Schrotthaufen gesucht, sobald sie von dem bewohnbaren Planeten erfahren hatten, der auf dieser Mission untersucht werden soll. Sie konnten fest damit rechnen, dass J´Har sich das nicht entgehen lassen würde. Um ihm das Leben so unangenehm wie möglich zu machen, ist denen jedes Mittel recht. 

Auch in unserer Arbeit wurden wir weit zurückgeworfen. Die ersten drei Tage haben wir an Systemdiagnosen und Reparaturen verloren. Immer wieder fällt während der Analyse von Proben der Scanner aus und einige Untersuchungen können wir gar nicht erst durchführen, da auf dieser Station die Instrumente dafür fehlen. Offen gesagt, ist es ein Skandal, dass der Kommandant des Basis-Schiffes einen renommierten Gen-Forscher wie J´Har ohne DNA-Sequenzer auf Mission schickt. Aber J´Har hat mir ausdrücklich befohlen, mich nicht beim Kern zu beschweren, also belasse ich es dabei.

Wie wäre es stattdessen mit einem Rundgang? Nur falls jemand auf diese Aufzeichnungen stößt, der schon immer mal eine mobile Forschungsstation der vorletzten Generation von innen sehen wollte. Vielleicht hat sie ja wenigstens historischen Wert… Dieses große ovale Tor mit dem weiß glühenden Rahmen ist die Umwelt-Schleuse. Durch sie tritt man aus der Station heraus auf fremde Planeten. Kommt man wieder zurück, scannt die Schleuse nach allen Stoffen, die sich da draußen auf dem Anzug abgelagert haben, und vaporisiert sie. So die Theorie, aber wie so vieles andere auf dieser Station funktioniert die Schleuse offenbar nicht richtig, denn sie hat bisher noch nie reagiert.

Der Kontrollraum ist kreisrund und bietet normalerweise Platz für all die Instrumente, die auf einer Forschungsmission nötig sind. In unserem Fall war gerade genug Platz für einen Sitz. Die Instrumente befinden sich in Konsolen, die an der Decke befestigt sind und vom Forscher zu sich herunter gezogen werden müssen – nicht einmal das funktioniert hier automatisch. Da J´Har einen Kopf kleiner ist als die meisten anderen, muss er dafür auf den Sitz klettern.

Vielleicht fragen sich manche, warum wir Energie für künstliche Beleuchtung verschwenden und nicht einfach Fenster eingebaut haben. Aus dem gleichen Grund wie auf der Heimatwelt: Obwohl dieser Planet noch über eine Ozonschicht verfügt, die den Großteil der Sonnenstrahlung ausfiltert, ist die Ausbeute der Solarpanele auf der schwarzen Außenhaut der Station größer als jede Einsparung bei der Beleuchtung. Außerdem reduzieren wir die Beleuchtung auf ein Minimum, indem wir das Licht im Inneren von komplett weißen Oberflächen reflektieren lassen.

Eine weitere Funktion hat die große freie Fläche weißer Wände nicht, denn zum Glück müssen wir Datenabfragung vom Kern, Untersuchungsergebnisse oder auch offene Kommunikationskanäle nicht mehr auf eine Leinwand projizieren lassen. Selbst wir haben inzwischen das Interface implantiert bekommen, mit dem man direkt über die Gedanken mit dem Kern verbunden ist.

Mitschnitt aus Kommunikationskanal, 12101492 an PeDro

J´Har: Führst du schon wieder Logbuch?

PeDro: Warum amüsiert dich das so?

J´Har: Der Kern speichert jedes Datenpaket, das auf dieser Station gesammelt wird. Denkst du, du bist gründlicher?

PeDro: Nein, aber der Kern speichert chronologisch. Er kann aus den Daten keine Geschichte machen.

J´Har: Die letzte Geschichte wurde vor – Datenanfrage an Kern – 541 Jahren erzählt. Die Vernetzung jeder einzelnen Person mit dem Kern und über ihn mit jeder anderen Person, Datenbank und Maschine war unser bedeutendster evolutionärer Schritt überhaupt. Wenn alle Fakten für jeden zugänglich sind, braucht man keine Fiktionen mehr, um die Welt zu erklären.

PeDro: Und das aus den Gedanken unseres größten Fortschrittsgegners… Ich erinnere mich daran, dass du dir gerne Geschichten von mir vortragen gelassen hast.

J´Har: Die Geschichten, die meine Vorfahren geschrieben haben, ja. Aber wir brauchen keine neuen. Übrigens bin ich kein Fortschrittsgegner.

PeDro: In deinem Eintrag steht da aber etwas anderes…

J´Har: Ich habe mich nur gegen die letzte Welle an Gen-Veränderungen ausgesprochen. Ich habe an vielen DNA-Codes mitgeschrieben und habe mir selbst auch einige eingebaut. Ich bin nicht dagegen, dass wir die Zellalterung verhindern können, nicht mehr an Krankheiten sterben und uns Fähigkeiten geben, die unser Überleben erleichtern. Ich sehe nur nicht ein, wozu wir zusätzliche Gliedmaßen brauchen oder gemusterte Haut. Das hat nichts mehr mit Fortschritt zu tun, sondern ist reine Energieverschwendung. Unsere DNA ist so instabil geworden, dass wir Implantate brauchen, die sie kontinuierlich regenerieren. Seit die Implantate eingeführt wurden, hat sich unser Energieverbrauch verdreifacht!

PeDro: Das weiß ich doch alles. Kein Grund, mich anzuschreien.

J´Har: Entschuldige. Aber wir gehen seit über 250 Jahren auf diese Forschungsmissionen, von Planet zu Planet, und haben immer noch keine Lösung gefunden. Nicht zu vergessen, dass wir von allen Teams auf dieser Mission die einzigen sind, die überhaupt nach einer suchen. Die anderen wollen ja nur neue Rohstoffe entdecken… Naja, ich werde mich dann mal regenerieren. Sitz für Regeneration vorbereiten… Hast du mir schon die Analyseergebnisse der Pflanzen hochgeladen, die ich gestern gesammelt habe?

PeDro: Liegt alles schon als Datenpaket bereit – zusammen mit meinen letzten Logbucheinträgen.

J´Har: Ich möchte wirklich wissen, wer dich programmiert hat… Initialisiere Regeneration… Datenpaket abrufen und in Gedächtnis herunterladen…

Auszug aus internem Speicher, PeDro von 12101492

„J´Har, was ist passiert?!“

Er hat mich aus meinen Gedanken gerissen, als er in seinem metallischen Schutzanzug mit einem lauten Knall auf dem Boden aufschlug. Der Sitz ist nach hinten umgefallen. Wahrscheinlich ist er voller Elan daraus aufgesprungen und hat kurzzeitig das Bewusstsein verloren, da sein Gehirn ja noch mit dem Kern verbunden war. Er rappelt sich aber schon wieder auf, klettert auf den Sitz und zieht die Konsole zu sich herunter, in der wir die bereits analysierten Proben aufbewahren.

„Ich werde nie wieder etwas gegen dein Logbuch sagen“, meint er zu mir.

„Und um mir das zu sagen, unterbrichst du deine Regeneration? Schön, dass es dich so begeistert.“

„Du hattest vollkommen Recht! Die Umwelt-Schleuse hat noch kein einziges Mal reagiert. Aber was wäre, wenn sie gar nicht defekt ist?“

„Das muss sie aber sein“, widerspreche ich. „Die Umwelt-Schleuse zerstört einfach alle unbekannten Stoffe. Auf einem neuen Planeten muss sie also reagieren.“ 

„So ist es. Auf alle unbekannten Stoffe…“

Datenabfrage vom Kern läuft… J´Har greift gerade auf die vollständigen Berichte zu, die unser Computer automatisch über jede Probe an den Kern geschickt hat. Wir haben uns bisher immer nur die Daten angesehen, die uns bei der Beantwortung unserer Frage helfen: Enthält diese Probe irgendetwas, das uns bei der Stabilisierung der DNA von J´Hars Volk weiterbringt?

„Das ist es!“, ruft J´Har und schlägt mit der flachen Hand auf die Konsole. „Sieh es dir an!“

Für keine einzelne der Proben ist eine neue Datei angelegt worden. Der Kern hat nur bereits existierende Dateien ergänzt.

Mitschnitt aus Kommunikationskanal, 12101492 an Basis-Schiff

18021519: Verstehe ich das richtig, 12101492? Sie wollen diese Mission, die der Kommandant nur Ihretwegen genehmigt hat, noch weiter in die Länge ziehen?

J´Har: Ich bin auf neue Ergebnisse gestoßen.

18021519: Sagen Sie bloß! Sie haben doch nicht etwa dieses Allheilmittel gefunden?

J´Har: Nein, Sir.

18021519: Außer Ihnen glaubt auch niemand daran.

J´Har: Ich weiß, Sir. Dennoch habe ich etwas entdeckt, das ich weiter untersuchen muss. Ich habe all meine Untersuchungsergebnisse in den Kern hochgeladen und eine Analyse angefordert. Es hat sich herausgestellt, dass jede Probe bereits einen Eintrag im System hat.

18021519: Dann ist eine Verlängerung Ihrer Mission erst recht unnötig.

J´Har: Ganz im Gegenteil, Sir. Wir fliegen seit Generationen durch das Universum. Wie kann es sein, dass die in dieser Entfernung vorhandene Vielfalt an Lebensformen bereits im Kern erfasst ist? Die Akteneinträge sind die ältesten, die ich jemals im Kern gesehen habe. 

18021519: Ihre Schlussfolgerung?

J´Har: Entweder haben unsere Vorfahren entgegen unserer bisherigen Überzeugung doch Kontakt zu einer anderen intelligenten Lebensform gehabt, die ihnen diese Daten gegeben hat, oder unsere Vorfahren waren selbst hier. In jedem Fall könnte dieser Planet ein Fund von großem historischen Wert sein.

18021519: Nun gut, 12101492. Forschungsstation 3 meldet sowieso technische Probleme. Wir werden Sie erst zurückbeordnern, wenn die Reparaturen abgeschlossen sind. Sie haben also drei Tage, um weitere Daten zu sammeln. Danach werden wir mit unserer Hauptmission fortfahren.

Fortsetzung folgt in zwei Wochen…

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